Ich pflanze ein Lächeln
Artikel - Geschichte der Woche
An einem Herbsttag war ich in einem Park versunken in die Betrachtung eines sehr kleinen, schönen Blattes, wie ein Herz geformt. Es war fast schon rot gefärbt und hing kaum noch am Zweig, kurz davor, abzufallen.
Ich verbrachte eine lange Zeit mit ihm und richtete eine Reihe Fragen an das Blatt. Ich fand heraus, daß es für den Baum wie eine Mutter gewesen war. Gewöhnlich nehmen wir an, der Baum sei die Mutter und die Blätter wären nur Kinder, aber als ich das Blatt ansah, erkannte ich, daß auch das Blatt eine Mutter für den Baum ist. Der Saft, den die Wurzeln nach oben schicken, enthält nur Wasser und Mineralstoffe, die für die Ernährung des Baumes nicht ausreichen. Der Baum verteilt den Saft zu den Blättern, und sie verwandeln den rohen Saft in einen ausgereiften und schicken ihn mit Hilfe von Sonnenlicht und Gas zurück, um den Baum zu ernähren. Daher ist das Blatt auch wie eine Mutter für den Baum...
Ich fragte das Blatt, ob es Angst hätte, denn es war Herbst, und die anderen Blätter fielen ab. Das Blatt sagte mir: »Nein. Während des ganzen Frühlings und Sommers war ich vollkommen lebendig. Ich arbeitete schwer, half mit, den Baum zu ernähren, und jetzt befindet sich viel von mir im Baum. Ich bin nicht auf diese Form begrenzt. Ich bin auch der ganze Baum, und wenn ich zum Erdboden zurückkehre, werde ich den Baum weiter ernähren. Ich mache mir also keine Sorgen. Wenn ich diesen Zweig verlasse und zum Boden schwebe, werde ich dem Baum zuwinken und ihm sagen: Ich sehe dich schon bald wieder.«
An jenem Tag wehte der Wind, und nach einer Weile sah ich das Blatt den Zweig verlassen und zum Erdboden niederschweben. Es tanzte fröhlich, denn im Schweben sah es sich schon dort im Baum. Es war so glücklich. Ich neigte meinen Kopf und wußte, daß ich von dem Blatt eine Menge zu lernen habe.





Thich Nhat Hanh
Facebook
MySpace
Twitter




















