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Der katholischen Kirche geht der Nachwuchs verloren

Artikel - Gesellschaft/Ökologie

 © templermeister pixelio.de
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»Das Zölibat muss weg«

Über 1000 uneheliche totgeschwiegene Kinder, sich häufender sexueller Missbrauch an Minderjährigen, Zunahme von Homosexualität unter den Priestern (um 20 Prozent): die Abschaffung des Zölibat (die verpflichtende Ehelosigkeit und damit einhergehende sexuelle Enthaltsamkeit für katholische Geistliche) ist angesichts der Häufigkeit sexueller Entgleisungen auch innerhalb der katholischen Kirche kein Tabuthema mehr. Ein starkes Argument steht auf Seiten der Zölibatkritiker: Dürften Bischöfe und Priester verheiratet ins Amt, würde das Amt wieder attraktiver und die Nachwuchsprobleme würden sich in Grenzen halten.

Die Kritik am Zölibat ist fast schon so alt wie das Zölibat selbst. Neu ist, das zunehmend auch hochrangige Katholiken die Abschaffung des Zölibats fordern. Alois Glück handelte sich Ärger in seiner Funktion als Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) ein, als er vorschlug, sogenannte Viri Probati, also bewährte, verheiratete Männer, zum Priester geweiht werden«. Und auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Zollitsch, hat sich gegen Denkverbote beim Thema Zölibat ausgesprochen und für eine Öffnung der katholischen Kirche plädiert. Die Verbindung zwischen Priestertum und Ehelosigkeit sei nicht theologisch notwendig, sagte der Freiburger Erzbischof in einem Interview. Ein Abschied vom Zölibat wäre eine Revolution, bei der ein Teil der Kirche nicht mitginge. Nötig wäre daher bei diesem Thema ein Konzil, weil in das innere Leben der gesamten Kirche eingegriffen würde.

Die Macht der katholischen Kirche

Viele mutige Katholiken, die sich aktiv für die Abschaffung des Zölibats einsetzten, bekamen die ganze Macht der katholischen Kirche zu spüren und wurden ihres Amtes enthoben. Am bekanntesten dürfte der Fall Eugen Drewermann sein, der 1966 zum Priester geweiht wurde, aber zunehmend Kritik an seiner Kirche ausübte. Im Oktober 1991 entzog ihm Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt die katholische Lehr- und im Januar 1992 die Predigtbefugnis. Im März 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt. Auch Uta Ranke-Heinemann, die 1969 sie sich als erste Frau der Welt in katholischer Theologie habilitierte und 1970 weltweit die erste Professorin in diesem Fach wurde, wurde 1987 die Lehrbefugnis entzogen, weil sie nicht an die jungfräuliche Geburt Marias glauben konnte.

Ihr Hauptwerk »für das Himmelreich – Katholische Kirche und Sexualität« (1988) wurde 1989 zum »Sachbuch des Jahres« gewählt und weltweit zum Bestseller. Das Buch wurde 2000 als Heyne-Taschenbuchausgabe wesentlich erweitert (vor allem das Kapitel »Homosexualität«) und erscheint mittlerweile in der 25. Auflage. In dem Buch wird die 2000-jährige Geschichte der katholischen Sexualmoral aufgezeichnet. Ihr vernichtendes Urteil: »So lange zwangsentsexualisierte Priester mit Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern in dunklem Beichtstuhlgewisper vereint sind, wird sich der Beichtstuhl immer mehr zur Kontaktbörse für Sexualneurotiker entwickeln, in der Pädophilie nicht ausgeschlossen werden kann und sollte darum für Kinder und Jugendliche verboten werden«.

© karrenbrock pixelio.de
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Nachwuchsmangel

Wegen Nachwuchsmangels steht die katholische Kirche seit Jahren unter Druck. Nach Angaben der Priestervereinigung reichten die 16.523 Priester in Deutschland gerade einmal aus, um gut die Hälfte der Pfarreien mit einem eigenen Pfarrer zu versorgen. Die Zahl neu aufgenommener Priesterkandidaten sank laut Deutscher Bischofskonferenz von 456 im Jahr 1972 auf 210 im Jahr 2004. 842 Seminaristen gibt es derzeit in Deutschland; vor zehn Jahren waren es 1122, das ist ein Rückgang um etwa 25 Prozent. 2008 ließen sich fast 100 Männer zum katholischen Priester weihen, 1998 waren es noch 171 gewesen - ein Minus von mehr als 40 Prozent. In vielen Gemeinden (der westlichen Welt) kann wegen dieses Priestermangels keine sonntägliche Eucharistiefeier mehr stattfinden. Als Folge des Priestermangels kommt es in den Bistümern zu Fusionen der Kirchengemeinden und zur Schaffung von Pfarrverbänden. Zunehmend klagen die Priester über psychosomatische Symptome, lassen sich krankschreiben und scheiden aus dem Amt, in dem sie eine Frau heiraten.

Die »Föderation verheirateter Priester in der katholischen Kirche« umfasst weltweit tausende zwangsweise aus dem Amt geschiedene Geistliche. Allein in Deutschland mussten nach Schätzungen der Vereinigung bereits 3000 bis 4000 Priester wegen Eheschließungen ihren Beruf aufgeben. Nur ein zölibatär lebender Priester darf eine Gemeinde leiten, die Eucharistie feiern, taufen, die Beichte hören, trauen, beerdigen. Entlastung ist nicht in Sicht: Die Lockerung des Zölibats oder die Zulassung von Frauen zum Priesteramt scheint derzeit ausgeschlossen zu sein. Und die Laien-Theologen, die genauso gut ausgebildet sind wie Priester, dürfen offiziell weder Leitungsaufgaben übernehmen noch predigen.

Zölibat auch theologisch nicht haltbar

Dabei lässt sich ein Zwang zur Ehelosigkeit theologisch nicht begründen. Im Evangelium wird das Zölibat nicht erwähnt. In der Bibel gibt es genauso viele Stellen, die sich auf die Ehelosigkeit beziehen, wie Stellen, wo die Ehe gepriesen wird. Erst 1139 hatte ein Konzil die Entlassung für Priester nach der Hochzeit vorgeschrieben. Christliche Priester waren in der Urkirche vielfach verheiratet.

Die Haltung der Kirche

In der Bischofssynode in Rom von 2005 wurde der Zölibat zwar thematisiert, aber eine Mehrheit zur Reform unter den Bischöfen fand sich nicht. 2006 bestätigt der Präfekt der Kongregation für den Klerus Kardinal Claudio Hummes, dass der Zölibat kein Dogma sei. Im Nachsynodalen Apostolischen Schreiben vom 13. März 2007 bestätigt Papst Benedikt XVI. den Zölibat der Priester. Im Februar 2008 erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, dass die Verbindung zwischen Priestertum und Ehelosigkeit »nicht theologisch notwendig« sei Im Juni 2009 betonte Papst Benedikt XVI. mit Bezug auf den Fall eines Priesters aus Oberösterreich erneut die Beibehaltung des Zölibates. Im August 2009 schrieb Joachim Kardinal Meisner einen Hirtenbrief zum Priesterjahr über den Zölibat.

Ein mutiges Beispiel

Ich frage mich, ob der Papst nicht ein einsamer Mensch ist, weil er keine Liebe erfährt.

Das es auch anders geht, beweist seit 37 Jahren der katholische Priester Bruno Ix, der in dem 1000-Seelen-Dorf Dreiborn predigt und mit einer Frau und zwei Adoptivkindern zusammen lebt. »Wer die Liebe nicht erfährt, kann sie auch nicht geben«, sagt Ix. Und spricht von seinen vielen Amtsbrüdern, »die so tun, als könnten sie ausatmen, ohne einzuatmen«. Die vorgeben, als »Junggesellen leben zu können«, die am Zölibat zerbrechen, die »Alkoholiker werden oder depressiv«, weil sie »ohne die Liebe leben. Die abgeschnitten sind von ihren Gefühlen. Ich frage mich, ob der Papst nicht ein einsamer Mensch ist, weil er keine Liebe erfährt«

Seine Kirche ist voll, an jedem normalen Sonntag rücken die Menschen auf den Bänken eng zusammen. Viele bekommen nur Stehplätze. Dabei leben in Dreiborn nur 1000 Menschen. Sie sehen in ihrem Pfarrer einen Kirchenrebellen, einen Vorkämpfer für eine neue katholische Kirche. Und sind stolz. Als einer der Ersten in Deutschland ließ Ix Mädchen als Messdienerinnen zu, setzte sich für Frauen als Priester ein. Er lud Verbrechensopfer, unter ihnen vergewaltigte Frauen, in sein kleines Pfarrhaus, riet Schwangeren zum Abbruch und predigte über die Doppelmoral der Kirche. Seine Gemeinde hält zu ihm.

Jahrzehntelang hält ihn auch sein Vorgesetzter und lässt ihn gewähren. Klaus Hemmerle, der Bischof des Aachener Bistums, schützt seinen Freund Ix vor der Exkommunikation. 1994 stirbt Hemmerle. Dessen Nachfolger schweigt bisher zum »Fall Ix«. Vor ein paar Jahren schickt der neue Bischof seinen Weihbischof nach Dreiborn. Er soll den Rebell am Rande des Bistums begutachten, vielleicht auch stoppen. Als er nach der Messe aus der Kirche tritt, sagt der Weihbischof halb bewundernd, halb resignierend: »Machen Sie weiter. Die Menschen hier lieben Sie.«

Oliver Bartsch (Quellen: Spiegel, Focus, Süddeutsche Zeitung, Wiesbadener Kurier, Wikipedia)

Das Zölibat

Der Begriff Zölibat wird insbesondere innerhalb der römisch-katholischen Kirche verwendet. In der Lateinischen Kirche ist der Zölibat vor der Weihe zum Diakon durch den Canon 277 des kirchlichen Gesetzbuchs Codex Iuris Canonici vorgeschrieben. Ordensleute sind vom Tag ihres Ordenseintrittes implizit zur Ehelosigkeit verpflichtet, explizit nach der zeitlichen Profess. Es handelt sich um keine »auferlegte« Verpflichtung, sondern um eine freiwillig gewählte; sie stellt jedoch eine Vorbedingung für die Priesterweihe dar. Diese Vorschrift gilt nicht in allen Riten der katholischen Kirche, sondern nur im lateinischen (westlichen) Ritus; so gibt es in den mit Rom unierten Kirchen des östlich-orientalischen Ritus keine Verpflichtung, ein zölibatäres Leben zu führen. Der Zölibat, der auch als Befolgung eines Evangelischen Rates verstanden wird, beruht auf der frei gewählten Lebensform der Ehelosigkeit »um des Himmelreiches willen«, von der Mattäus spricht: »Denn es ist so: Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht - um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.« (Matthäus 19, Vers 12)

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Kommentare  

 
-3 # Jürgen Steininger 2009-12-12 00:02
Lieber Oliver, ich finde es ja rührend wie du dir so Sorgen machst um das sexuelle (Nicht-)Leben \"unserer\" Zölibatanten. Obwohl ich den Herrn Ratzinger nicht mag, in seiner strengen Auslegung seines Katholizismus unterstützte ich ihn gerne! Denn nur wenn der Zölibat nicht abgeschafft wird und auch die Laienpriestersc haft und andere \"Erleichterungen \" die in den 60er Jahren von Rom verkündet wurden, zurückgenommen werden werden immer mehr Menschen von der Kirche lassen und sich vielleicht auf ihre ganz persönliche Suche nach dem göttlichen und spirituellen Leben machen und womöglich bei der Connection fündig werden. Man könnte den für den Herausgeber erfreuliche Hoffnung kundtun: Je mehr frustrierte Katholiken desto größere Aussicht auf eine Steigerung der Verkaufszahlen von Connection!
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+2 # olli 2009-12-12 14:33
Lieber Jürgen, so hab ich das noch gar nicht gesehen-:)
Ich mache mir weniger Sorgen um das Sexleben der Zölibanten als vielmehr um das seelische Wohl der von Ihnen vergewaltigten Messdiener, da helfen auch die Heerscharen von Psychologen und Therapeuten nicht viel, denn solche Vergewaltigungs schäden wirken sich häufig nachteilig auf das ganze restliche Leben aus. Mein Fazit: Lieber ein paar sexuell frustrierte Priester weniger und dafür mehr Menschen, die auch innerhalb der Kirche an das Gute und Schöne im Menschen glauben...
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0 # betenlernen.de 2009-12-12 21:50
Das Zöllibat muss weg, lautet der Titel dieses Artikels. Jedoch man muss schauen, warum landen diese Menschen in der Priesterrolle ? Ganz viele von denen tragen aus früheren Leben Schwüre in sich, die beispielsweise derart sind, dass sie Keuschheit (gegenüber dem weiblichen Geschlecht) geschworen haben. Solche Schwüre wirken, wenn sie mit entsprechenden Ritualen ausgeführt wurden meist über viele Leben hinweg - eben solange, bis sie aufgelöst werden.
Kommen dann noch Schwüre hinzu, ihr Leben Gott zu widmen, dann landen die in diesem Leben schnell als schwule Priester in der katholischen Kirche...

Gott zum Gruß !
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-2 # Hubertus Hauger 2009-12-17 11:39
Statt Deinen Artikel zu rezensieren, oder ein Bekenntnis abzulegen, ist es mir heute wichtig, etwas grundsätzliches loszuwerden.

Bis mit 22 war das bei mir auch so, ich kannte das Kathol als Außenstehender und es machte keinen guten Eindruck auf mich.

Alles was ich mitbekam, war diese allgemein kritische Haltung. Was hörte man über das Kathol: „Hexenverfolgun g, Ketzerbestrafun g, Inquisition, Exorzismus, Bigotterie, religiöser Fanatismus, unfehlbarer Papst, lächerliches schwules Outfit, total schwule salbungsvolle Art zu reden, Abtreibungsverb ot, Verhütungsverbo t, Scheidungsverbo t, Onanieverbot, Zwang zum Beichten, Zwang zum in die Kirche gehen, usw..“ Eine düstere, altertümliche, mittelalterlich e Geheimgesellsch aft mit finsteren Riten. Es hat was vom Nationalsoziali smus. Die hatten auch ein Kreuz. Alles finstere Gesellen, die es nicht gut mit einem meinen. Das Kathol machte mir Angst. Davor muss man flüchten. Kann froh sein, wenn es untergeht.

Was ist schon gut am Kathol?

Das habe ich mich auch gefragt.

Deine Meinung über das Kathol spiegelt diese allgemein kritische Haltung. Das Kathol ist abstoßend, fremdartig und unheimlich. Du bist kein Insider. Du kennst es von außen. Das was Du kennst, bewertest Du negativ. Sonst existiert nichts, oder? Was du kennst, ist eine Karikatur dessen, was es wirklich allumfassend ausmacht!
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