Der ehrbare Inzest
Artikel - Gesellschaft/Ökologie

Bild: samuelwidmer.ch
Wahrhaftigkeit in familiären Beziehungen
Jahrhundertelang totgeschwiegen, steigt heutzutage die
Berichterstattung und Aufklärung über den sexuellen Missbrauch an
Kindern in den Medien. Tabu allerdings ist nach wie vor die Auseinandersetzung
mit dem »ehrbaren« Inzest, wie der Schweizer Psychotherapeut
Samuel Widmer den
nicht vollzogenen Inzest nennt, den er von den Folgen her mit dem vollzogenen
Inzest gleichsetzt. Der ehrbare Inzest bezeichnet den Abbruch der Beziehung
zwischen Vater und Tochter, Mutter und Sohn und hat schließlich Beziehungsunfähigkeit
und Isolation zur Folge. Bedingung für die Heilung des »ehrbaren«
Inzests ist Wahrhaftigkeit in Eltern-Kind-Beziehungen: eine Liebe, die losgelöst
ist von konventionellem Sicherheitsdenken und dem Ausbrechen aus gängigen
Beziehungsmustern
Liebe heilt
Liebe heilt« das klingt fast wie eine Binsenwahrheit. Jeder weiß
wohl inzwischen, dass nur in einem Raum von Liebe das Gute gedeihen kann. Doch
was meinen wir mit der Liebe das Geliebtwerden oder das Lieben? Alle wünschen
sich das Geliebtwerden und sie haben Recht: Kinder brauchen Liebe, um
unneurotisch zu wachsen und neurotische Erwachsene tun gut daran, ein Feld von
Beziehungen zu suchen, indem sie geliebt werden, um heilen zu können. Aber
dennoch: Das Geliebtwerden schafft vielleicht günstige Voraussetzungen, aber
es heilt nicht. Vielleicht ist es leichter, diesen sprudelnden Quell in sich wieder
zu erschließen, wenn man, genährt von liebenden Menschen, in einem
Feld der Liebe gesunden und blühen darf. Aber erst das Aufbrechen dieser
Kraft von innen und ihr Ausdruck in der Gemeinschaft, in der man wirkt, bringt
einem dieses Gefühl von Ganz- und Heilsein. Geliebtwerden genügt nicht
zur Heilung. Das, was heilt, ist das Lieben. Diese These will ich am Beispiel
des »ehrbaren« Inzests, seiner Auswirkungen in der Welt und seiner
erfolgreichen Behandlung näher erläutern.

Samuel Widmer
Ehrbarer Inzest und offensichtlicher Missbrauch
Ehrbarer Inzest, was ist das? Als Therapeut, der viel mit der Inzestproblematik
konfrontiert wird, unterscheide ich zwischen dem ehrbaren und dem vollzogenen
Inzest. Beim letzteren wäre dann noch eine Differenzierung zwischen dem
liebevoll und dem brutal vollzogenen Inzest zu machen. Doch darauf wollen wir
an dieser Stelle nicht eingehen, und auch den verantworteten Inzest werden wir
hier höchstens streifen. Der ehrbare Inzest wird meist übersehen,
obwohl er viel verbreiteter ist als der vollzogene. Er hat in unserem Zusammenleben
vielleicht noch verheerendere Folgen als der offensichtliche Missbrauch. Dem
ehrbaren Inzest sind in unserer Gesellschaft mehr oder weniger alle Kinder ausgesetzt.
Seine Folgen, die im Inzesttabu ihren konzentrierten Ausdruck finden, beherrschen
unser ganzes Zusammenleben.
Um den ehrbaren Inzest zu verstehen, wollen wir zuerst das Inzesttabu definieren.
Gemeinhin meint man damit das Verbot, mit seinen Eltern, seinen Kindern oder
seinen Geschwistern Sex zu haben. Dieses Gebot, welches in der Geschichte unseres
Bewusstseins mit massiven Drohungen und Konsequenzen durchgesetzt worden ist,
hat Auswirkungen in unser ganzes Bezogensein hinein, so dass es sinnvoll ist,
es weiter zu fassen. Unter dem Inzesttabu verstehe ich daher nicht nur das Tabu,
nicht tun zu dürfen, was man will, sondern vielmehr das Tabu, nicht hinschauen
zu dürfen, wie es ist. Ich darf unter keinen Umständen die vereinbarten
Strukturen unserer Beziehungen vergessen. Die Muster, die in der Vergangenheit
gewoben wurden, müssen um jeden Preis aufrecht erhalten werden. Ich darf
dir nicht unmittelbar begegnen. Ich darf mich nicht einfach vom Leben und seinen
Kräften treiben lassen. Ich darf nicht unschuldig, nicht selbstvergessen
sein. Ich muss mir in jedem Moment darüber klar bleiben, dass du meine
Tochter bist, dass du meine Mutter bist, dass du meine Schwester bist.
Das ist noch nicht alles. Ich darf auch nicht vergessen, dass du die Frau meines
Freundes bist und nicht die meine. Ich darf nicht aus den Augen verlieren, dass
du meine Frau bist und nicht eine andere. All diese Muster in Beziehungen, die
der Sicherheit, oder besser: der Sicherung von Besitz dienen, dürfen auf
keinen Fall in mir zusammenbrechen. Das Denken in Besitzkategorien darf nicht
zu Gunsten einer einfachen Betrachtung von Wirklichkeit verschwinden. Im Kern
von all dem sitzt das Inzesttabu. Wird uns das in unserer Kindheit anerzogen?
Oder mit der Muttermilch weitergegeben? Gibt es traumatisierende Ereignisse,
die dazu führen, dass wir uns diese Konditionierung einverleiben?
Vater und Tochter, Mutter und Sohn
Wir alle werden, wenn wir in unseren Erinnerungen kramen, irgendeine traurige Geschichte der Zurückweisung finden, die wir wohl nie ganz verstanden haben, deren unverdaute Schmerzen und Ängste aber nachhaltig dafür sorgen, die durch Besitzrechte etablierten Grenzen in Beziehungen nicht zu überschreiten. In der Regel handelt es sich um eine Geschichte zwischen Vater und Tochter oder Mutter und Sohn. Erinnerst du dich als Tochter daran, dass irgendeinmal, als du zwischen sechs und zwölf Jahre alt warst, dein Vater sich von dir zurückgezogen hat, ohne dass du dies verstehen konntest?
Du weißt sicher noch, wie weh das tat, als plötzlich das Glück
der Nähe und der Freude zwischen dir und deinem Vater abbrach und einfach
nicht mehr gefunden werden konnte. Wie es ersetzt wurde durch Distanz, Machtkämpfe
und Entzweiung, wie du dich abgewiesen fühltest darin und welch ein Unglück
das alles für dich war. Was geschehen war, hast du damals nicht verstanden
und verstehst es vielleicht auch heute noch nicht, obwohl es ganz einfach ist.
Denn auch in der Psychotherapie, sofern du eine solche absolviert hast, auf
der Suche nach Befreiung, meidet man dieses Problem. In der Regel kommt es dort
zu einer Wiederholung der ursprünglichen Geschichte, zu einer erneuten
Abweisung, und nicht zur Erlösung vom ursprünglichen Leid.
Dein Vater erkannte eines Tages die Frau in dir, sah, dass du im Begriff warst,
die Unschuld des kleinen Mädchens zu verlieren und dafür zu erwachen,
dass du eine Frau bist und er ein Mann ist. Dein Vater konnte mit dieser Tatsache
nicht umgehen. Er hatte es nie gelernt. Er traute es sich auch nicht zu, es
zu lernen. Aber er war ein ehrbarer Mann, deshalb verstieß er dich. Besser
keine Beziehung, als Gefahr laufen, sich nicht beherrschen zu können und
einen Übergriff zu begehen. Das war das Ende der Liebe zwischen dir und
deinem Vater, sofern sie nicht schon früher zerbrochen war und
der Beginn einer Beziehung, die keine ist, die von Bildern lebt. Zwei Bilder,
die miteinander kommunizieren über Gedanken. Das Bild des Vaters und das
Bild der Tochter, die um jeden Preis aufrecht erhalten werden müssen. Mit
der Konsequenz von Konflikt und Leid. Das Ende von wahrhaftiger Beziehung. Das
Ende der Liebe.
All das nenne ich den ehrbaren Inzest. Was nicht stattgefunden hat, was sich
dein Vater nicht zutraute, was sich niemand zutraut, ist ein lebendiger Abklärungsprozess
zwischen zwei Wesen, wie sie es mit Sinnlichkeit, Sexualität und Körperlichkeit
miteinander halten wollen. Ein wunderschöner Prozess, wenn er stattfinden
darf, wenn da jemand ist, der ihn sich zutraut, der bereit ist, gemeinsam zu
lernen, vielleicht sogar Fehler zu begehen und auch daran zu wachsen. Beziehung
eben. Das, was stattgefunden hat, ist das Beenden von wirklichem Bezogensein,
das Ersetzen von echter Beziehung durch sichere Beziehungsschubladen, in denen
jeder von uns isoliert ist und deren Verbindung untereinander in der Essenz
Enttäuschung, Konflikt und Feindschaft bedeutet.
Angstfrei - im Wirbelsturm der Zeit
Daran leidest du, an den Folgen des ehrbaren Inzests. Daran leide ich. Darum
gibt es keine Beziehung zwischen den Menschen, keine Freundschaft, kein reiches
Blühen. Darum lebst du isoliert neben deinem Nachbarn und nicht in friedvoller
Verbundenheit. Darum herrscht Krieg allenthalben im Großen und im Kleinen.
Darum leben wir in tausend voneinander getrennten Wirklichkeiten, ausgedachten
Universen, jeder Einzelne in seinem eigenen und nicht im einen, großen,
wirklichen, gemeinsamen, das uns gegeben ist. Vielleicht leidest du auch am
vollzogenen Inzest. Da ist kein prinzipieller Unterschied. In der Tiefe handelt
es sich um dieselbe, traurige Geschichte. Denn die Lösung besteht nicht
darin, dass sich dein Vater oder deine Mutter auf eine inzestuöse Beziehung
mit dir einlassen. Das ist es, was der verdorbene, ehrbare Geist immer falsch
versteht.
Die Aufhebung des Inzesttabus ist nicht ihr Gegenteil, ist keine Billigung von
Missbrauch. Tabu und Missbrauch gehören zusammen wie die zwei Seiten einer
Münze. Die Aufhebung des Inzesttabus zwischen dir und deinem Vater, zwischen
mir und meiner Mutter wäre eine ganz andersartige Geschichte, in der weder
ein Tabu noch ein Missbrauch die Liebe zwischen uns verbannt. Es wäre eine
Geschichte von Beziehung, von sich wirklich aufeinander einlassen. Zu verstehen,
was wahr ist zwischen uns, zu lernen, immer und überall ergründen
zu dürfen und zu lassen, was wirklich sein will zwischen dir und mir. Wahrscheinlich
wäre es dabei nie zu einem inzestuösen Geschehen gekommen zwischen
dir und deinem Vater, zwischen mir und meiner Mutter. Wir hätten einander
gelassen, weil wir die Richtigkeit davon gesehen hätten. Nicht, weil es
jemand befohlen, unter Androhung schlimmster Konsequenzen verordnet hätte,
sondern weil wir ganz persönlich, ganz individuell, ganz intim die Wahrheit
davon zwischen uns erkannt hätten. Absolut sicher ist das nicht, denn der
verantwortete Inzest bleibt in der Liebe immer eine Möglichkeit. Gerade
deshalb getraut sich ja niemand, die Verantwortung wirklich zu übernehmen
und Beziehung wirklich zu leben. Aber das ist eine andere Geschichte, auf die
wir hier nicht näher eingehen wollen und können. Hier beschäftigt
uns die Frage, was es denn braucht, damit wir diese unglückliche Geschichte
der Entzweiung der Urliebe zwischen Vater und Tochter, zwischen Mutter und Sohn
wieder heilen können. Die Entzweiung, die überall zwischen uns spürbar
ist, die das Urmuster bildet für die Entzweiung zwischen Menschen überhaupt.
Was kann uns davon heilen, was könnte die Liebe wieder herstellen zwischen
uns?
Das Inzesttabu aufheben heißt nicht, Inzest billigen
Wie gelangen wir nun in das Auge des Sturms, in das Zentrum dieser weisheitsvollen
Stille? Schweigen ist eine der schwierigsten Übungen, denn wenn es in uns
und um uns herum wirklich still wird, müssen wir damit beginnen, uns selbst
auszuhalten.
Zulassen und Loslassen ist ein anderer Weg. In dem Augenblick, in dem unsere
Ängste und Sorgen kommen und gehen dürfen und so in unserer tiefsten
Stille ihren Frieden finden, kann die Welt sich entspannt zurücklehnen
und gesunden. Und wir mit ihr.
Ganz praktisch können Sie auch damit beginnen, Ihre Befürchtungen
aus einer gesunden Distanz zu betrachten. Am einfachsten funktioniert dies wieder
anhand eines kraftvollen inneren Bildes:
Nehmen Sie eine aktuelle Situation aus Ihrem Leben, die Ihnen anhand der möglichen
Konsequenzen tatsächlich Angst macht. Lassen Sie dabei den Anteil Ihrer
Persönlichkeit, der glaubt, stark sein zu müssen, freundlich und bewusst
vor der Tür und seien Sie wirklich ehrlich zu sich selbst: das ist die
Grundvoraussetzung für diese Übung.
Lassen Sie nun in diesem Bild alle Konsequenzen, die Sie befürchten, wie
einen Film in sich ablaufen. Erleben Sie Ihren persönlichen Untergang
go with the flow und versuchen Sie dabei zu beobachten, mit welchen
Emotionen Sie reagieren. Wenn es Ihnen hilft, schreiben Sie dazu eine tatsächliches
Drehbuch und nehmen Sie sich Zeit, wieder zur Ruhe zu kommen.
Danach lassen Sie dasselbe Bild entstehen und wechseln Sie die Perspektive:
Sehen Sie sich jetzt als Regisseur Ihres eigenen, gerade selbst gedrehten Films.
Lassen Sie die Bilder erneut ablaufen, und bleiben Sie in der Position des Beobachters.
Schreiben Sie die Szenen um, die Ihnen so nicht gefallen und lassen Sie den
Hauptdarsteller (sich selbst) neue Rollen finden. Machen Sie sich ebenso bewusst,
dass Sie die Perspektive jederzeit wechseln können. Bewusst oder auch nicht:
Wir sind ohnehin immer beides, Regisseur und Hauptdarsteller, zum selben Zeitpunkt.
Niemand außer uns selbst ist der Schöpfer unseres eigenen Schauspiels,
dem wir uns so oft ausgeliefert fühlen. Wenn Sie möchten, spielen
Sie ein bisschen mit den Möglichkeiten, dies nimmt Ihrer Angst ein wenig
von dem Drama, das sich damit verbindet.
Wenn Sie diese Übung besonders ehrlich, intensiv und realistisch ausführen,
werden Sie vielleicht zusätzlich eine erstaunliche Entdeckung machen: in
dem Augenblick, in dem Sie sich Ihrer persönlichen Katastrophe ohne Einschränkungen
und vertrauensvoll hingeben, dann, wenn Ihre Gedanken und Gefühle aufhören,
sich dagegen zu wehren, jedoch achtsam bleiben, finden Sie sich sehr plötzlich
wieder im Auge des Wirbelsturms und seiner heilsamen Stille. Sie beginnen, unter
Wasser zu atmen, auf den Turbulenzen des Sturms zu tanzen und erfahren, dass
tatsächlich alles möglich ist. In jedem einzelnen Augenblick
und seiner unendlichen Kraft.
Nichts anderes geschieht tatsächlich in dem Moment, den wir als Sterben
gelernt haben, zu verstehen: am Ende ein sehr großes, unfreiwilliges Loslassen
dessen, wozu wir freiwillig und hingebungsvoll im Hier und Jetzt die Chance
haben.
Beide Wege tragen in ein Land, in dem sich der Schleier dessen hebt, was wir
Menschen für unsere ausschließliche, tägliche Realität
halten. Und beide Wege öffnen unsere Herzen für den Moment, in dem
wir wieder beginnen zu hören auf die leise Stimme dessen, was wirklich
wesentlich ist: Werden im Wachsen und Wachsen im Werden um am Ende zu
sein, was wir schon immer waren.
Unschuldige Liebe das Ende von Beziehungsmustern
Eigentlich ist es einfach: Die Liebe heilt. Die Liebe heilt alles. Die Liebe
selbst wird die Liebe wieder herstellen, das Erwachen der Liebe in dir, das
Erwachen der Liebe in mir. Wo sie wohnt, entfaltet sich alles, wer in ihr wurzelt,
kann berühren, was er will, alles beginnt um ihn herum zu blühen.
Alles Sich-bemühen nützt nichts, wenn die Liebe nicht da ist. Konflikt,
Krieg und endlos ermüdende Friedensgespräche entspringen aus dem Verlust
der Liebe. Und nichts kann sie wieder herstellen. Alle diesbezüglichen
Versuche sind erschöpfend und untauglich. Alle Friedensverhandlungen sind
letztlich lediglich die Fortsetzung des Krieges. Sie, die Liebe selbst muss
durchbrechen dürfen, damit daraus Gemeinschaft und Freundschaft wachsen
können. Niemand kann sie aufhalten, wenn sie da ist. Sie setzt sich durch
wie der Löwenzahn, der im Frühjahr den Straßenbelag aufwirft,
um in Unschuld zu erblühen.
Aber wie findest du zu ihr, wie findet sie dich, die Liebe? Wenn du reif wirst
dafür, wird dich das Leben selbst in die notwendigen Situationen führen.
Du wirst noch einmal eine Mutter finden, noch einmal einen Vater finden, mit
dem du die verpatzte Geschichte wiederholst. Es wird wohl kaum dein leiblicher
Vater oder deine leibliche Mutter sein, sondern eine neue Beziehung, in der
du auf ein Gegenüber stößt, das den Mut findet, das Inzesttabu
zu durchbrechen, die Schale der Ehrbarkeit zu sprengen und sich zuallererst
der Wahrheit in Beziehungen zu stellen. Auf einen Liebenden wirst du treffen,
der oder die den sprudelnden Quell in sich wieder gefunden hat, von dem wir
zu Beginn gesprochen haben.
Es ist wahr, das braucht es zuerst, das Geliebtwerden. Und das Leben wird es
dir schenken, wenn du dafür bereit geworden bist. Auf die Liebe kannst
du dich unter allen Umständen und in jedem Fall verlassen, auch wenn sie
wenig verbreitet ist, auch nicht in den Therapiepraxen. Aber das Geliebtwerden
allein wird dich nicht heilen. Es bildet lediglich den Rahmen, in dem die Heilung
stattfinden kann. In der Übertragungsgeschichte zur liebenden Zweitmutter,
zum liebenden Zweitvater in deinem Leben wird sich die vermasselte Liebesgeschichte
deiner Kindheit noch einmal aufrollen, mit all ihrem Schmerz, mit der Einsamkeit,
mit dem Unverstandensein. Du wirst das Weh austragen in dir, weil es dein Gegenüber
mit dir in seiner Liebe trägt. Aber auch das allein wird nicht genügen.
Du würdest für immer abhängig bleiben von deinem Helfer, würdest
für immer Kind bleiben in der Beziehung, wenn nicht etwas anderes in dir
geboren würde. Etwas, das in der Tiefe des Wehs schlummert und sich entfalten
will als eigenständige Blume in einem Feld von Blüten. In der Tiefe
des Schmerzes über die unglückliche Geschichte zwischen dir und deinem
Vater, zwischen dir und deiner Mutter wirst du die ursprüngliche Liebe
wieder finden. Eine unschuldige Liebe, die nichts weiß von Beziehungsmustern,
in der alle Strukturen des Besitzdenkens, der Sicherheit zusammenbrechen, in
der du nicht unterscheiden kannst zwischen der Frau deines Freundes und deiner
eigenen, zwischen deiner Freundin und deiner Mutter, zwischen deinem Freund
und dem Freund einer anderen. In dieser unschuldigen Liebe wirst du lernen,
jedes Wesen für sich zu würdigen, unabhängig von jedem anderen.
Keine Vergangenheit wird darin Platz haben, die das, was zwischen euch sein
will, regelt. Es wird eine ewig neue, ewig waghalsige Entdeckungsreise ins Unbekannte
bleiben.
Zurück zum Nichtwissen
Was kann dir helfen, diesen Brunnen in dir wieder zum Fließen zu bringen? Das kann niemand genau sagen. Bist du damit völlig allein? Niemand kann dir helfen, obwohl dir die Liebe selbst alle notwendige Hilfe in Form eines Lehrers, in Form einer Gemeinschaft, in Form einer zweiten Mutter oder eines zweiten Vaters geschickt hat. All das macht es dir leichter, zeigt dir den Weg, schafft die Bedingungen für dein eigenes Erwachen. Doch aufwachen musst du selbst.
Manchmal scheint es ein mutiger Schritt zu sein, den du zu tun hast, der Schritt
in die Ungewissheit hinein, welche die Liebe umgibt. Du bist darin wie ein Neugeborenes,
wie ein zarter Kelch an einem Strauch, ungeschützt, preisgegeben und doch
von einer Beharrlichkeit und Beständigkeit, wie sie nur das Leben hat,
das sich immer wieder aus jeder Spalte und Ritze des Betons hervordrängt.
Darum erscheint es manchmal als ein mutiger Schritt, den du zu tun hast, um
die Liebe zu erlangen. Es ist wie eine Gnade, in etwas aufgenommen zu werden,
wozu du nichts beitragen kannst. Etwas, das dir geschieht ohne dein Zutun.
Aber auch darin bist du wieder in diesem Zustand der Hilflosigkeit, der Ohnmacht,
des Ausgeliefertseins, der eine Voraussetzung zu sein scheint, damit diese seltene
Flamme in dir zu lodern beginnen kann, das Feuer, das alles Zerbrochene zu heilen
vermag. Angesichts dessen wird man demütig, klein und nichtig, ein ganz
einfacher Mensch, der leer ist von allen Bildern der Vergangenheit, von allen
Strukturen, die aus Gedanken gewoben wurden, der wurzelt im Glück und in
der Ekstase des einfachen Menschen. Nichtwissen begleitet deinen Weg, und du
stellst dich ihm Schritt für Schritt: diesem Nichtwissen, das dein Vater
gescheut hat, als er dich von sich wies, weil er nicht wusste, wie er mit dir
umgehen soll. Du wirst dich jetzt diesem Nichtwissen stellen und dadurch in
einem lebendigen Prozess die Wahrheit in aller Unsicherheit immer wieder ertasten.
Es ist ein mutiger Schritt, jedes Mal wieder. Es ist ein Geschenk, das ohne
Verdienst zu dir kommt. Wenn du es findest, wirst du in dem einen Raum leben,
der nicht von Gedanken geschaffen ist, der erfüllt ist vom weiten Himmel
über dir und der festen Erde unter dir. Deine Ekstase werden die Regentropfen
sein, die auf das Dach trommeln oder an der Fensterscheibe herabrinnen. Du wirst
erfüllt sein vom Du, eine Offenheit sein für diesen Raum, für
die Ekstase des einfachen Menschen. Du wirst sehr allein sein in diesem Raum,
denn die meisten Menschen leben in den schattenhaften Gemächern der Gedanken,
in Strukturen und Bindungen, die vom Denken zusammengehalten werden. Sie kennen
die Liebe nicht. Nur wenige finden sie.
Das Korsett der Ehrbarkeit durchbrechen
Dabei ist es so leicht, die Liebe zu finden. Dein Vater hätte sie leicht finden können, wenn er den Mut gehabt hätte, sich ihr zu stellen. Sie wäre im Leben deiner Mutter ganz natürlich und von selbst erblüht, wenn sie den Mut gehabt hätte, dich, ihren Sohn, kennen zu lernen, und wenn sie das, was zwischen ihr und dir erblühen wollte, zu würdigen bereit gewesen wäre.
Das Korsett der Ehrbarkeit wäre allerdings dabei von ihr abgefallen, sie
wäre nicht darum herum gekommen, das Inzesttabu zu durchbrechen, den Inzest
allenfalls zu verantworten. Nicht, dass dies die Regel wäre, um es noch
einmal zu betonen. Das ist die Fantasie des verdorbenen Geistes der Ehrbarkeit.
Aber sie hätte das Glück erfahren, von der süßen Wehmut
zu kosten, die der Abschied zwischen euch, der ganz natürlich gekommen
wäre, gebracht hätte. Sie hätte sich begnadet gefühlt, dich
in den verantworteten Inzest begleiten zu dürfen.
Doch das sprengt den Rahmen hier. Darüber werde ich vielleicht gelegentlich
ein Buch schreiben, über den verantworteten Inzest, über die Unverbrüchlichkeit
einer Liebe zwischen Vater und Tochter, auf welcher Ebene auch immer, zwischen
die niemand einen Keil treiben kann, weil sie wahrhaftig ist. Hier wollten wir
uns der Wahrheit stellen, dass die Liebe heilt, dass sie das Einzige ist, was
heilt, und dass es vor allem das Lieben ist, das heilt, und nicht das Geliebtwerden.
Welch ein Blühen könnte zwischen uns sein, wenn wir dem Lieben zwischen
uns Raum geben würden, dem verantworteten Lieben! Wer von uns wird den
Mut finden, die Liebe zu verantworten und ihre Gnade zu erfahren?
— von Samuel Widmer
Samuel Widmer, (* 24. Dezember 1948) ist ein Schweizer Arzt, Psychiater, Psychotherapeut und Autor. Er ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie (FMH), tätig in eigener Praxis, und lebt und arbeitet in Lüsslingen in der Nähe von Solothurn (Schweiz). Widmer ist Spezialist für Psycholytische Psychotherapie und besaß eine Spezialbewilligung vom BAG (Eidgenössisches Bundesamt für Gesundheitswesen), mit den Substanzen MDMA und LSD psycholytische Psychotherapien durchzuführen (1988-1994). Er ist Mitbegründer des ECBS (Europäisches Collegium für Bewusstseinsstudien) und des SÄPT - "Schweizerische Ärztegesellschaft für Psycholytische Psychotherapie". Widmer referierte u. a. auf den Basler Psychotherapietagen. Er leitet spirituelle Workshops, Meditations- und Tantra-Seminare und Meditationsreisen. Seine sprirituellen Lehrer sind Krishnamurti und Carlos Castaneda. Widmer lebt mit zwei Frauen zusammen und hat mit beiden Kinder. Um Samuel Widmer und seine Frau Danièle Nicolet herum ist eine wachsende Lebensgemeinschaft mit zur Zeit etwa 80 Erwachsenen und 55 Kindern entstanden.






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Kommentare
der artikel ist einer der wenigen, die ich mir ausgedruckt habe...
es geht noch weiter: ich glaube, daß der begriff \"erbsünde\" genau die schuldübertragu ng meint, die geschieht, wenn ein unreifer erwachsener seine \"verbotene\" sexuelle erregung verdrängt und damit auf das kind überträgt.
mein persönliches schlüsselerlebn is hatte ich, als die tochter einer bekannten auf meinem schoss herumritt und ich über eine erektion in panik geriet. glücklicherweis e war ich damals schon einige jahre mit osho unterwegs und hatte erleuchtung: daß ich mich deswegen nicht schuldig fühlen muss. und bald ging die erektion auch wieder weg und die kleine hörte auch irgendwann von allein auf mit dem reiten...
om namah shivaya
boom
Als Vater ständig und immer im Auge zu behalten, das seine Tochter SEINE Tochter ist, ist auch keine Unterstützung des Besitzdenkens, sondern die kontinuierliche Ausübung von Verantwortlichk eit. Wobei ich die Mutter nicht explizit erwähne, weil die Ziffer der Inzestbeziehung en mit vollzogenem Geschlechtsverk ehr zwischen Mütter und Söhnen im Vergleich der Vater/Tochterbeziehun gen verschwindend gering ist - wenn auch nicht weniger gravierend für die Entwicklung des Kindes.
Die Verantwortlichk eit besteht darin - für die, die es auch als Erwachsene noch nicht begriffen haben - das ein Kind unmündig ist, also nicht in der Lage ist, abzuschätzen, welche Konsequenzen eine bestimmte Handlung hat. Auf sexuelle Ebene bezogen: Welche körperlichen Auswirkungen dies hat. Welche moralischen Verwicklungen es hat. Welche Auswirkungen dies auf das weitere Leben, auch emotional, haben könnte. Über spirituelle Denkansätze will ich hier mal gar nicht reden, diesen Ansichten zu folgen würde bedeuten, sich *wirklich* verheerenden Folgen eines Inzest zu verdeutlichen.
Ein Kind - auch mit 12 oder 14 Jahren - kann noch nicht auf allen Ebenen des Seins selbst-verantwortlich denken und handeln, das soll es u.a. von den Eltern lernen. So auch den Unterschied zwischen sexueller Attraktion, körperlichen Reaktionen und Liebe.
In Deutschland ist "das Korsett der Ehrbarkeit zu sprengen" und einen "verantworteten Inzest" als Begnadung zu betrachten und auszuführen eine kriminelle Handlung. Und selbst bei sehr nachsichtiger Betrachtungswei se ist die in diesem Artikel vertretene Aufforderung die Anstiftung zu einer Straftat - zumindest nach deutschem Recht.
Auch Pressefreiheit hat Grenzen.
An K.Widmer
Ich finde den Beitrag unerträglich, viel Gerede ohne auf den Punkt zu kommen. Ich habe das Gefühl, als würde der Author einfach nur Nebelkerzen werfen. Und als selbst vom Vater und Mutter missbrauchter Junge habe ich bei ihm ein so komisch-eigenartiges Gefühl, der Author kommt mir manipulativ vor, verscuth mit viel Blabla abzulenken. Ich komme mir von ihm verhöhnt vor.
Er nimmt keinerlei Bezug zum Trauma des missbrauchten Kindes, wie sich "Leben" anfühlt, welche seelischen Qualen es erleidet, wie keine Beziehungen mehr gelebt werden können, wie keine erfüllende Sexalität mehr erlebt werden kann, wie unendlich tief die Traurigkeit des missbrauchte Mensch ist und sein Leben lang bleibt.
Das Gesülze von der alles heilenden Liebe ist sowas von Bullshit, die so überhaupt nicht hilft, wenn nur der Tod als einziger Ausweg aus der Hölle des Lebens empfunden wird.
Er nennt Dinge nicht beim Namen, bezieht keine Stellung, verschleiert die Tatsachen und schützt damit die Täter.
UND SCHÜTZT DAMIT DIE TÄTER!
Ich finde es unfassbar, dass der Artikel hier erscheint und noch unfassbarer finde ich, dass so wenig Besucher dieser Seite eine Meinung darüber haben.
An Monika
Die Mütter sind bei einem Inzest ebenfalls beteiligt. Wenn nicht aktiv dann als Mitwisser oder Dulder.
Sprich mal mit Betroffenen oder mit Wildwasser, in wie fern Mütter wirklich "unschuldig" am seelischen Tod ihrer Kinder sind.
Sehr oft "opfern" Mütter Ihre Töchter, da sie sich "ihrem" Mann verweigern. Er nimmt sich halt dann die Tochter vor, wenn er die Mutter nicht bekommt.
Und die Mütter schauen zu, statt ihre Töchter zu schützen und sich von dem Mann zu trennen.
Oder die Mütter haben keinen Mann und holen sich dann ihren kleinen Sohn ins Bett, oder oder oder.
Über Inzest an Jungs wird noch viel weniger gesprochen als Inzest an Mädchen.
Generell - die Verdrängungsmec hanismen sind so mächtig, dass "man" sich oft nicht mehr daran erinnert.
Darum kann man auch keine Befragungen machen.
Erlebter Inzest als Baby ist im Erwachsenenalte r sehr schwer greifbar. Es fehlt die Sprache um das Erlebte ausdrücken zu können.
Warum hier so wenige das Wort ergreifen? Ich glaube, ein Großteil der Connection-Leser hat schon begriffen, dass es keinen Sinn macht, sich Heilloses bis zur Oberkante hineinzuziehen, erst recht nicht wenn sie keinen direkten Einfluss darauf nehmen können - damit würden sie nur noch (ihre Lebens-) Energie hinein geben und damit das verstärken, was sie zu bekämpfen versuchen.
Den Fokus auf das Gute richten, ohne Hilfe da zu unterlassen, wo ich sie wirklich leisten kann - das ist immer wieder die Herausforderung in diesem Leben, finde ich. In meiner Nachbarschaft würde ich \"himmel und hölle\" in Bewegung setzen - hier aber wende ich mich lieber ab und gebe meine Energie dort hin, wo sie Gutes bewirken kann.
Dem Foto nach macht Herr Widmer auf mich nicht den Eindruck, als sei er durch - noch so gute - Argumente wirklich zu erreichen. Und das Gefühl von \"da stimmt was nicht\" teile ich auch mit Ihnen. LG, Clara
und: Dass ich hier den Code 4u6gv schreiben muss, finde ich auch einen seltsamen zufall ...
der artikel ist einer der wenigen, die ich mir ausgedruckt habe…\"!!!!!!
Wenn Ihr, die diesen Scheiss bejahen, nicht in der Lage seid, einen (Sexual)-Partner auf Augenhöhe zu begegnen, dann lasst es ganz und verschont die Menschheit mit diesen gruseligen Lügenmärchen!!! !
bist du dir auch ganz sicher, dass du den Artikel gelesen und verstanden hast??
LG
Lieschen
Als mittlerweile 64jähriges Missbrauchsopfe r - vom 11.bis zum 13. Lebensjahr - meines leiblichen Vaters, danke ich Ihnen für Ihren Artikel.
Es ist wirklich grotesk, aber beim Lesen der Ausführungen Herrn Widmers, fiel ich sofort wieder in das typische Verhaltensmuste r eines Opfers, mit Schuldgefühlen gegenüber meines Peinigers. Zu \"meiner Zeit\", wurde dieses Thema nie thematisiert, ich wusste als 11jähriges Kind nicht, dass es nicht richtig war, wenn mein ehrbarer Vater, Staatsangestell ter und Stadtrat, nach geselligem Abend mit seinen Sportkameraden -wohlgemerkt nüchtern- in mein Zimmer schlich, sich zu mir ins Bett legte, um sich \"Appetit\" für das eheliche Schlafzimmer zu holen. Zu keinem Zeitpunkt habe ich ihm Gefallen signalisiert. Vor Panik erstarrt, ließ ich diese Marter über mich ergehen, wohl wissend, dass sonst Prügel auf den Fuß folgen würden. Diese Mischung aus sexueller und körperlicher Gewalt hat mich geprägt und aus mir einen lebensuntüchtig en, nicht durchsetzungsfä higen Menschen gemacht, mit einem zutiefst gestörten Selbstwert- trotz Therapien.
Wo Liebe und Achtung da ist, habe ich keine Angst übergriffig zu werden. Indem der Erwachsene sein wachsendes Kind wahrnimmt, nimmt er auch wahr und lernt, was der Beziehung gerecht wird und hält die liebevolle Nähe aufrecht. Die Leser, die dieser Artikel getroffen hat und die entsprechend reagieren, haben solch eine Liebe nie kennengelernt, genauso wenig wie ich und viele andere. Aber weder Rückzug noch Übergriff ist eine Lösung, ein Ersatz für Liebe.
Ich habe Samuel Widmer kennengelernt und achte ihn für seinen Mut, dieses schwierige Thema zu beleuchten.
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