Transnistrien ist von keinem Staat der Welt anerkannt
Artikel - Gesellschaft/Ökologie

© Zollinger
Reisen in ein Niemandsland
Geht das: Reisen in ein Land, das es eigentlich gar nicht gibt? Rainer Spallek hat es versucht und berichtet von seiner Reise in das mysteröse Transnistrien weit im Osten Europas...
Angefangen hat alles am Hauptbahnhof Duisburg. Hier fahren Busse ab nach Osteuropa. Spallek ist einziger Zusteiger, vor ihm liegen 42 Stunden Busfahrt. Ziel: Moldawiens Hauptstadt Chisinau, um von hier aus weiter nach Transnistrien zu reisen. Was er bisher über dieses Land wusste, klang allerdings eher nach Absurdistan...
Es mangelt nicht an Warnungen, will man das Land bereisen. Es hat zwar Nationalflagge und hymne, eigenes Geld und Grenzkontrollen doch anerkannt wird es von keinem Staat dieser Welt. Hier herrscht rechtsfreier Raum. Sollte dem Reisenden etwas zustoßen, ist er ganz allein auf sich gestellt.
Kriegszustand
Zu sowjetischen Zeiten gehörte man noch zusammen. Doch 1992 gab es einen
Krieg zwischen Moldawien, das starke Bindungen zu Rumänien hat und Transnistrien,
das enge Kontakte zu Russland pflegt und ein eigener Staat sein will. Bis heute
gibt es keinen Friedensvertrag. Trotz allem fahren Kleinbusse täglich von
Chisinau nach Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens. Ausländer sind hier
sehr selten: An der Grenze sorgt Spalleks Reisepass für Aufsehen. Er muss
dem Blick verschiedener Amtsautoritäten standhalten. Es gelingt.

Regierungsgebäude in Tiraspol © Monk
Als erstes muss in Tiraspol Geld umgetauscht werden: Hier rollt der transnistrische Rubel! Zu Fuß macht sich Spallek auf ins Stadtzentrum: Es geht die Leninstraße entlang über die Liebknechtstraße und vorbei an der Marxstraße. Und schon tauchen riesige Plakate auf: Staatschef Igor Smirnow beim Händeschütteln mit den Russen Putin und Medwedjew. Autokratisch herrscht er über 650.000 Menschen.
Die Uhren ticken anders
In den Straßen von Tiraspol bewegt man sich langsam und unaufgeregt. Die Uhren ticken stiller und Sitzbänke gibt es im Überangebot. Plötzlich steht der Reisende vor dem Café Eilenburg! Benannt wurde es nach der einzigen Stadt Westeuropas, die eine Partnerschaft in Transnistrien pflegt: Eilenburg in Sachsen.
Einen Sheriff hat das Land übrigens auch: Der superreiche Viktor Gushan
ist ein Mächtiger der Wirtschaft. Er hat sich den Sheriff-Stern als Markenzeichen
u. a. für seine Supermarktkette ausgewählt und heftet sich ihn gern
auch an die eigene Brust. Nebenbei gehört ihm der Fußballclub FC
Sheriff Tiraspol, der auch schon internationale Erfahrungen hat.
Einblicke in den eher tristen transnistrischen Alltag erhielt Spallek auch durch
Gespräche mit Einheimischen. Materielle Not gebe es hier nicht, meinen
sie; virtuell kann man per Internet reisen wohin man will. Doch die reale Insellage
schlägt aufs Gemüt! Der eigene transnistrische Pass gilt nur im eigenen
Land. Reale Reiseversuche scheitern in der Regel an hohen bürokratischen
Hürden. Viele hier wollen vor allem eins: endlich als eigener Staat anerkannt
werden. Doch bis dahin wird wohl der Djnestr, der mächtige Fluss, der Moldawien
und Transnistrien voneinander trennt, noch viel Wasser ins Schwarze Meer spülen.
Rainer Spallek






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