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Shinui

Artikel - Gesundheit/Heilung

Shinui

Partnertanz als spiritueller Weg

Shinui, ein bislang noch kaum bekannter spiritueller Weg, macht den improvisierten Partnertanz in seiner symbolischen Bedeutung zum Zentrum der Übung. Bisher sind es nur etwa fünfzig Menschen, die diesen Tanz praktizieren, auch in ihrem Alltag, und die meisten von ihnen kennen sich seit vielen Jahren. Ihre Jahrestrainings machen sie im Connectionhaus und gewährten uns dort einen Einblick

Es ist heiß, die Bäume stehen voll im Laub, das Grün ist fast schon übergegangen ins Welke, aber noch üppig. Eine alte Freundin ruft an, eine internationale Gruppe von Tänzern, die sie kenne, sei mit ihrer Unterkunft nicht zufrieden - ob bei uns was ginge. Normalerweise tanzen sie in einer Turnhalle, eine solche bei uns zu mieten sei doch hoffentlich kein Problem. Einen Tag später waren drei von ihnen bei uns, drei Frauen aus Bremen, Toronto und Tel Aviv. Später stelle ich fest, dass etwa ein Drittel der Tänzerinnen aus Israel kommt, die anderen Drittel aus Deutschland und Kanada. Sie wollen in Zelten im Garten schlafen, teilweise unseren Mediraum benutzen, teilweise die örtliche Turnhalle. Sie kommen, wir werden schnell Freunde, sie verlieben sich in unseren Mediraum und wollen deshalb bald keine Turnhallen mehr sehen. So begann unsere Beziehung.

Führen und geführt werden

Diesen Winter waren sie wieder da, für ihr zweites Training. Die Beziehung zwischen den Tänzern und der Connection ist enger geworden. Was sie machen ist »Shinui«, hebräisch für Wandel oder Veränderung. Das ist ihr Thema, und das ist ihr Tanz. Natürlich tanzen sie nicht nur, aber der Tanz ist der Beginn und Kern ihrer Praxis, die sich auf das ganze Leben ausdehnt. Es beginnt ungefähr so: Zwei Menschen entscheiden sich, miteinander zu tanzen und gehen auf »die Bühne«, das heißt einen gewählten Freiraum, der für diese Bewegungen geeignet ist. Dann beziehen sie sich aufeinander, zum Beispiel indem der eine Tänzer führt und der andere geführt wird. Sie berühren sich in der Urform am Unterarm, in den erweiterten Formen am ganzen Körper. Beide bewegen sich dabei achtsam durch den Raum, nur die Körper »sprechen«, es fallen keine Worte, es spielt keine Musik. Wer führt, muss genauso achtsam den Partner erspüren wie der Geführte (der Folgende). Wie kannst du es dir als Folgender (Führender) gut gehen lassen? Wie kannst du so führen (oder folgen), dass dein Partner sich wohl fühlt? Und wer hat dabei die größeren Freiheiten? Langsame Bewegungen wechseln ab mit schnellen, im Stehen oder am Boden, manche Schritte erinnern an die »Martial Arts« Ostasiens, andere an Kontakttanz oder Tanzimprovisation. Die Tänzer wirken natürlich, spontan, es sieht nicht nach einstudierten Bewegungen aus, und doch sind sie dabei ernst und intensiv, immer wieder unterbrochen von Lachen.

Nach ihrem ersten Shinui-Tag ist eine Teilnehmerin den Tränen nahe. Sie merkt, wie sehr sie solchen Kontakt, solchen Bezug, zu anderen und sich selbst vermisst hat und will erstmal aufhören. Die einzelnen Bewegungen sehen leicht aus und sind es eigentlich auch, und doch entfalten sich in den Übenden so starke Gefühle, dass ausgiebige Pausen und lange offene Gespräche über das Geschehen ein wichtiger Teil von Shinui sind.

Stille Präsenz

Geleitet wird das ganze von Hillel Kraus, einem 45jährigen Amerikaner jüdischer Abstammung, der in Toronto lebt und zwei oder drei Mal im Jahr die ganze Gruppe zum Training einlädt. Geplant ist eine Lebensgemeinschaft, in der der Alltag noch stärker zum Teil des Tanzes werden soll, voraussichtlich in Toronto. Die meisten sind schon sehr lange dabei, einige seit zehn Jahren. Sie kommen immer wieder, und zu den meisten Treffen kommt, wer kann. Hillel ist ein schöner Mann: schlank, beweglich, charmant und unaufdringlich präsent. Die meisten seiner Schüler sind weiblich, und sie himmeln ihn an. Soweit die Oberfläche. Ein zweiter Blick zeigt, dass er nur wenig dominiert und die Frauen in seinen Gruppen starke, selbständige Naturen sind. Und auch die Männer hier sind nicht ohne: Ihre stille, kraftvolle Art passt sich der Umgebung an, protzt nicht und ist doch stark spürbar. Obwohl es ungewohnt ist, mehr als zwanzig zusätzliche Bewohner im Connectionhaus zu haben, noch dazu im Winter, fügen sie sich so leicht in unser Leben ein, füllen die Räume in unserem Erdgeschoss mit ihrer Fröhlichkeit, Ernsthaftigkeit und Stille, dass wir diese Besucher immer wieder bei uns haben wollen.

Shinui

Tanz der Gegensätze

Was mir an Shinui das Wesentliche zu sein scheint, ist das Sich-aufeinander-Beziehen und das In-Beziehung-Sein. Menschen stehen in Beziehung, untereinander und jeder zu sich selbst. Und sie stehen in Bezug zu ihrer Umgebung, zu Dingen und Themen. Und all das wandelt sich, nichts steht still, alles ist Tanz, unsere Beziehungen ebenso wie unser Umgang mit uns selbst oder der Tanz der Gegenpole in uns und um uns: Stille und Bewegung, das Ganze und sein Teil, Mann und Frau, aktiv und passiv, das Relative und das Absolute, das Gute und das Böse, Führen - und Geführt Werden, Sex und Meditation, einfach alles tanzt miteinander! Was wir auch erkennen, überall sind Paare von Gegensätzen sichtbar, sie spielen und tanzen miteinander. Es wäre doch dumm, nur einen Teil davon zu wollen: nur das Aktive und nicht das Passive, nur die Stille und nicht die Bewegung, nur die Größe und nicht das Detail, nur den Neubeginn und nicht den Abschied. Wenn wir klug sind, akzeptieren wir beides - und schwingen mit.

Für mich ist das Faszinierendste an Shinui, dass ich hier einer Interpretation unseres Verlagsnamens begegne. »Connection« bedeutet Beziehung oder Bezogenheit. Alles ist mit allem verbunden - und genau diese Tatsache tanzt Shinui. Dieses In-Beziehung-Sein, diese Verbundenheit mit allem ist auch Kern und Praxis von Shinui.

Beziehungen

Shinui oder Connection meint aber nicht nur, dass das Universum ein Hologramm ist, dass in jedem Teil das Ganze verborgen ist, sondern Shinui tanzt und übt zugleich konkrete Beziehungen - auch das, was wir normalerweise darunter verstehen, unsere Liebesbeziehungen. Nach einem Streit nicht aufgeben, sondern neu hinschauen und den Kontakt halten. Im Anderen auch das akzeptieren, was man in sich selbst zunächst nicht ausstehen kann und dadurch ganz werden. Dran bleiben, auch wenn das Thema unangenehm ist. Durchgehen, auch durch die Tunnel. In Bewegung bleiben, Veränderungen akzeptieren. »Ihr Kontakt wird gehalten!«, die sonore Stimme von der Telekom bei der Weitervermittlung erinnert mich immer wieder daran. Und dabei die innerliche Stille pflegen, denn jede Bewegung spielt sich auf einem Hintergrund ab, jede Veränderung ist in etwas Größeres eingebettet, das bleibt. Alles das erfahren wir im Shinui ganz körperlich, in den Bewegungen der Tänzer und ihrem Umgang miteinander, auch wenn wir gerade nicht tanzen. Beziehungen zu führen und darin geführt zu werden, so wie man einen Tanzpartner führt und sich führen lässt, kaum etwas ist in unserer heutigen, quirligen Gesellschaft wichtiger als dies.

Wenn der Rahmen einer Beziehung weit genug gesteckt ist, erlaubt er zum Beispiel verschiedene Entfernungen oder Tempi: Mal ist man sich näher, mal ferner, mal ist er Tanz schneller, mal langsamer. Ist der Abstand, den zwei Menschen zueinander haben im Rahmen ihrer Beziehung hingegen immer derselbe, dann muss der eine folgen, wenn die andere sich entfernt oder zurückweichen, wenn die andere sich nähert. Alles das wird in den Bewegungen von Shinui symbolisiert, sie zeigen das wechselvolle Bild einer Beziehung in Bewegung und geben damit ein Beispiel, wie eine Beziehung aussehen kann, jeder neue Tanz ein neues Beispiel. Will ich immer nur Nähe, dann werde ich darunter leiden, wenn meine Partnerin sich entfernt. Wenn ich hingegen weiß, dass unser Tanz ein Wechselspiel ist, dann werde ich diese Bewegungen gelassen hinnehmen und mich vielleicht sogar freuen, wenn sich meine Partnerin von mir entfernt, denn es folgt wieder eine Annäherung - irgendwann wird eine Annäherung folgen. »Make time your own« sagte Hillel während einer dieser Übungen, »mache (dir) die Zeit zu eigen«. Inmitten all der Bewegung und der »Arbeit« an uns selbst berühren wir einen Punkt der Stille, an dem Getrenntes nicht mehr verschieden ist und sogar Zeit und Tod sich als Illusion erweisen.

Massieren und massiert werden

Ein Teil von Shinui heißt IMI (Interactive Movement Integration, ausgesprochen wie »I am I« - »Ich bin ich«), eine Art interaktiver Massage oder auch Shinui am Boden. Die Massierende führt, der Massierte ist dabei aber nicht völlig passiv, sondern dosiert den Widerstand zwischen Null (wie in der herkömmlichen Massage) und stark (Gegendruck, wie beim Strecken). Dazwischen ist Raum für eigene Bewegung und Selbstausdruck in Bezug auf das Signal, das vom (aktiv) Massierenden kommt. Was ist schöner: zu tanzen oder massiert zu werden? Oder zu massieren? Oder getanzt zu werden? Erst die Entfaltung dieses Formenreichtums und der jeweiligen Übergänge von einer Form in die andere macht uns bewusst, was wir bisher taten (»Ich habe getanzt«, »Ich bin massiert worden«) und welche Möglichkeiten uns sonst noch offen stehen. Allein die Gestaltung des Gegendrucks im IMI kann zu einer kleinen Erleuchtung führen: Ich darf Druck spüren, Widerstände haben, mich widersetzen - und das ganze kann sich wunderbar gut anfühlen, erholend und entspannend! Und auch für den im Tanz (oder IMI) Führenden ist der Widerstand nicht einfach ein Hemmnis, sondern ein wichtiges, ja unentbehrliches Element des Tanzes und eine Variable, die Eigenheit signalisiert, so wie auch die Gravitation für den Tänzer nicht nur Hemmnis ist, sondern ein willkommener Druck oder Sog, sie ist nämlich die Anziehungskraft unseres Planeten, unserer Heimat.

Shinui ist übrigens nicht nur ein Partnertanz, jeder kann auch allein tanzen: Ich und ich tanzen miteinander, und auch das ist ein Tanz der Gegensätze, mit tausend Variablen. Mindestens eine Partnerin ist ja immer da: die Erde, die mich kraft ihrer Attraktion immer wieder auf den Boden zurückholt. Meine Beziehung zu ihr spüre ich mit jedem Schritt, mit jeder Bewegung, im Sitzen, Stehen oder Liegen, mein Gewicht ist nichts anderes als ein Ausdruck unserer Anziehungskraft.

Wolf Schneider



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