Sich der Angst stellen bedeutet Weiterentwicklung

© Rainer Sturm pixelio.de
»Habe Angst!«
Wir menschlichen Tiere werden von zwei wesentlichen Kräften gesteuert: wir wollen unangenehme Gefühle vermeiden und angenehme Gefühle erleben. Um dies zu erreichen, strengen wir uns mitunter sehr stark an und setzen alle Energie daran, die unangenehmen Gefühle abzuwehren. Dies ist natürlich und allzumenschlich. Wenn wir erfolgreich eine Komfort-Strategie finden, den unangenehmen Gefühlen auszuweichen, kann das aber eine unangenehme Nebenwirkung haben, die wir nicht wahrnehmen: wir entwickeln uns nicht weiter.
Es ist paradox: Die ganze Kulturgeschichte und Kulturentwicklung der Menschen basiert größtenteils auf unangenehmen Erlebnissen, sie waren der Antrieb etwas zu verändern. Und so ist es auch auf der individuellen Ebene: Selbst-Bewusstsein entsteht durch das Aufbrechen von psychologischer und existenzieller Angst. Die Erfahrung von unangenehmen Gefühlen bis hin zu Schmerz und Verzweiflung, Einsamkeit und Verlorenheit erzeugen Selbstbewusstsein, weil wir uns in diesen Momenten nach der Anerkennung und Bedeutung von uns Selbst und nach Lebensmöglichkeiten fragen.
Wer bin ich jenseits meiner Gewohnheiten?
Warum ist das so, muss mensch unbedingt durch diese Gefühle hindurch? Meine Antwort würde lauten: ich weiß nicht was man muss, jeder Mensch kommt aber sicherlich irgendwann in seinem Leben an den religiös-philosophischen Punkt, an dem er oder sie sich die Frage stellt, ob es irgendeine Notwendigkeit gibt, dass er oder sie existiert, ob das Leben einen Sinn macht und überhaupt, welche Art von Leben mensch führen will, die Möglichkeiten sind erschlagend riesig. Je mehr wir uns die unendlichen Möglichkeiten vor Augen stellen, wo, wie und mit wem wir leben wollen, stehen wir vor dem Nichts: weil es nichts und niemanden im Außen gibt, das uns sagt, wie wir leben sollen. Sobald der Mensch die gewohnten Bahnen verlässt und sich die unendlich vielfältigen Möglichkeiten des Lebens anschaut, wird er mit der Freiheit, sich aus eigenen Stücken zu entscheiden, konfrontiert und schon stehen wir vor der Frage: welches sind denn die eigenen Stücke, wenn es nicht die Gewohnheiten sind? Wer bin ich jenseits meiner Gewohnheiten?

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Unangenehmen Gefühlen liebevolle Aufmerksamkeit schenken
Sich nicht nur gedanklich, sondern auch gefühlsmäßig, eben existenziell diesen unendlichen Lebensmöglichkeiten zu stellen, macht Angst. Angst ist gewissermaßen der Preis, es ist die andere Seite der Medaille von Freiheit. Andersrum gesagt: Wenn Du Angst hast, bist Du Deiner Freiheit möglicherweise sehr nahe. Darum drehe ich es um: Habe Angst und stell Dich Deiner Freiheit, ergreife Deine Freiheit und Deine Verantwortung. Und ich setzte paradoxerweise hinzu: Und vertraue darauf zu vertrauen. Natürlich ist das leicht gesagt, aber aufgrund der existenziellen Angst schwer getan. Daher noch einmal zurück zu den unangenehmen Gefühlen. Sie vermeiden zu wollen ist so richtig, wie es falsch ist, es kommt auf die Definition an: Solange wir Gefühle wie Traurigkeit, Angst, Schmerz, Wut als unangenehm definieren, sind sie es auch und sie gewinnen dadurch an dämonischer Kraft. Sie als bloße Gefühle zu betrachten, die auch ihre Anwesenheit und Aufmerksamkeit brauchen, in denen mitunter viel liebevolle Kraft steckt, die ausgedrückt wiederum zu angenehmen Gefühlen der Befriedigung führen, fühlt sich befreiend an. Wenn du deinen Frieden gemacht hast, sind die Dämonen, die dich umgeben, in Wirklichkeit Engel. (Meister Eckhardt)
Religiöse Anerkennung
Sich nicht mit den Gefühlen zu identifizieren, sondern sie liebevoll kommen und gehen zu lassen; dies wäre ein erster mystischer (buddhistischer) Schritt
Wie wäre es, wir würden uns nicht mehr anstrengen, sondern die unangenehmen Gefühle einladen, mit im Orchester der Gefühlsvielfalt da zu sein. Wir würden nichts mit ihnen machen, außer sie zu fühlen, und gleichzeitig wahrnehmen, wie unser Über-Ich sie abwertet und weghaben will. Sich nicht mit den Gefühlen zu identifizieren, sondern sie liebevoll kommen und gehen zu lassen; dies wäre ein erster mystischer (buddhistischer) Schritt: den See ruhiger und klarer werden lassen, so dass man tiefer hindurch gucken kann. Wenn wir dabei merken, dass uns die Gefühle nicht nur bedrohen, können wir im zweiten Schritt uns mit ihnen zeigen, in wertschätzenden Kontakt gehen und wahrnehmen, dass uns Menschen nicht mit Beschämung, sondern mit Liebe und Anerkennung begegnen: wir müssen uns nicht anstrengen, um geliebt zu werden. So ein menschlicher Kontakt ist wie eine bunte Glasscheibe, durch dass das Sonnenlicht hindurch scheint: Ein Verweis auf etwas Größeres: Eine Liebe, die uns absolut meint und genauso will, wie wir sind. Ein unendliches, göttliches Vertrauen, das größer ist als alles Diesseitige. (Dies wird traditionell im Judentum, Christentum und Islam als personaler Gottesglaube gelebt.)
Kurz zusammengefasst: wenn wir aus den alltäglichen Gewohnheiten ausbrechen, werden wir unsicher und bekommen Angst vor dem Fremden, Ungewohnten. Diese Gefühle sind ein wichtiger Indikator auf dem Weg zur Autonomie. Wenn wir lernen, diesen unseren Gefühlen in uns zu begegnen und in unser Leben zu integrieren, ihnen ihre dämonische Kraft zu nehmen, werden wir mehr und mehr in Einklang kommen mit unserem Selbst und eine bewusste freie Haltung zu unserem Selbst einnehmen können. Im anerkennenden Kontakt mit Anderen wird unser Selbst bewusst und wir werden selbstbewusst. Dies gibt es sicherlich nicht als einen Endzustand, sondern ist (gottseidank) ein ständiges Lern- und Übungsfeld in unserem Leben...
Malte Schlösser (Erstveröffentlichung im Magazin für Lebenslust und in der KGS






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