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Über den Umgang mit Krankheit

Artikel - Gesundheit/Heilung

Über den Umgang mit Krankheit
© Berit H. pixelio.de

Der Vogel lässt sich nieder auf einen Baum…

Warum wird der Mensch krank? Und wie geht er mit der Krankheit um? Körperliche Krankheiten haben mit seelischen Themen zu tun. Aus diesem neuen Dogma entstehen oft Schuldgefühle und ein wenig liebevoller Umgang mit sich selbst, weiß die Psychotherapeutin Nora Römer...

Es ist wieder Herbst auf einer griechischen Insel. Die Gemeinschaft von Wissenden und Suchenden sitzt bei etwa 20 Grad im leichten Schatten des Gartens, verteilt auf weiß/blauen Holzbänken, alle mögen sich irgendwie, alle kennen sich irgendwie. Hier kommen Menschen zusammen, die sich in unterschiedlichster Weise gut in ihrem Leben um sich gekümmert haben, Menschen, die an sich gearbeitet haben mit Therapien, Heilungen, spirituellen Lehren, die ein höheres Maß an Bewusstsein entwickeln als der Rest der breiten Bevölkerung aus Deutschland, Österreich, der Schweiz… Menschen, die »auf dem Weg sind«, mehr oder weniger lange Zeit. Es gibt Frühstück mit Unmengen an frischen Früchten, Joghurt, Tomaten, Käse, Frischkornbrei… die Ernährung ist ausgewählt gut. Es ist eine fröhliche Stimmung, doch eine unter ihnen fängt an, von ihren Krankheiten zu berichten. Seit dem sie denken kann, ist sie krank, immer chronisch, schmerzhaft, heftig. Sie hat schon alles durch, was es an Therapien gibt, kennt sich aus, hat alles probiert und studiert. Auch eine andere fällt ein – sie muss sich ein Drittel ihres Lebens in dunkle Räume zurückziehen – nicht zu glauben, dass diese schöne, sanfte freundliche Frau so von Migräne geplagt ist.

Die neue Moral

Der Vogel lässt sich nieder auf einen Baum…
Eine Dritte kommt dazu und berichtet, wie sehr es ihr zu schaffen macht, wenn sie wegen einer Grippe ausfällt, sich ins Bett legen, bedienen lassen muss. Dass der erste Gedanke der ist – ein Gedanke, der ihr mit Schrecken in die eh schon grippeschmerzenden Glieder fährt: Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich übersehen? Und letztlich: wofür werde ich bestraft? Eine neue Moral hat sich ausgebreitet. Seitdem es populär geworden ist, dass körperliche Krankheiten mit einem persönlichen, seelischen Thema zu tun haben können, ist ein neues Dogma entstanden. Einfach ausgedrückt heißt es: Bist Du krank, hast Du etwas falsch gemacht. Bist Du krank, hast Du etwas noch nicht richtig verstanden. Bist Du krank, bist Du etwas, das Du hättest spüren können, übergangen. Bist Du krank, bist Du noch nicht reif genug. Bist Du krank, zeigt das Deine Unfähigkeit. Bist Du krank, bist Du falsch/nicht gut genug/ dumm…

Was wissen wir denn schon über das Wesen von Krankheiten?

Dem Körper geben, was er braucht

Beim Schreiben dieser Sätze merke ich, wie sich mir der Hals zuzieht, mir eng wird, schwer, mein Herz ängstlich wird, ich kleiner werde, weglaufe, betteln, die Sätze mögen aufhören, der hohe Richter möge Gnade walten lassen, schließlich bin ich doch schon gebeutelt genug mit meinen Schmerzen, meiner triefenden Nase, meiner Schwäche, meinem Unwohl-Sein… Der Vogel lässt sich nieder auf einen Baum… Was wissen wir denn schon über das Wesen von Krankheiten?

Es ist doch so: Mein Körper wird krank und als allererstes habe ich damit zu tun, das anzuerkennen. Ich hatte das ja schließlich nicht geplant, hatte nicht in meinem Terminkalender eingetragen: von Dienstag 14.00 Uhr bis Donnerstag 18.00 Uhr Bettruhe wegen grippalem Infekt. Und schon gar nicht: ab dem 3. September 201… Arbeitsunfähigkeit wegen Unfallfolgen. Oder noch weniger: ab meinem 34. Lebensjahr Siechtum wegen Colitis utcerosa oder Leukämie. Also ich werde krank und habe als erstes damit zu tun, das anzuerkennen. Ich muss meine Termine absagen, muss meine Verbindlichkeiten im Alltag verteilen, muss letztlich jemanden finden, der sich auch um mich kümmert. Das alles mit einem bereits geschwächten Körper. Das ist schon allerhand, wenn nicht sogar zu viel. Ist mir das gelungen, ist das nächste, was ansteht, meinem Körper das zu geben, was er jetzt braucht.

Braucht er Ruhe, gebe ich ihm Ruhe. Braucht er Wärme, gebe ich ihm Wärme. Braucht er Berührung, frage ich jemanden nach Berührt-Werden. Braucht er Trost, suche ich mir tröstende Arme oder finde selber tröstende Worte. Braucht er Sicherheit, gebe ich ihm Sicherheit. Braucht er heilsame Pflanzen, gebe ich ihm heilsame Pflanzen. Braucht er Medizin, gebe ich ihm Medizin. Braucht er Liebe, gebe ich ihm Liebe. Braucht er Musik, gebe ich ihm Musik. Braucht er Stille, gebe ich ihm Stille. Braucht er Nahrung, gebe ich ihm Nahrung. Braucht er Wasser, gebe ich ihm Wasser. Braucht er Schatten, gebe ich ihm Schatten. Braucht er Licht, gebe ich ihm Licht. Braucht er etwas, was ich noch nicht weiß, finde ich heraus, was dieses ist. Braucht er Hilfe, besorge ich ihm Hilfe. Und dann, wenn mir all dies gelungen ist, kann ich erst einmal tief durchatmen. Und damit sein. Mit der Krankheit und dem, was mein Körper braucht. Mit mir. So, wie ich jetzt bin, krank und bedürftig: sein. Mit dem, was ich brauche: sein. Ankommen. Dableiben. Liebevoll mit mir selbst. Einfach krank – sein. Nichts weiter. SEIN. Atmen. SEIN. Nichts weiter.

Über den Umgang mit Krankheit
© Jetti Kuhlemann pixelio.de

Liebevoller Umgang mit der Krankheit

Und dann, vielleicht ohne mein Zu-Tun, ohne meinen Willen, jenseits meiner Kontrolle, ebenso unplanbar wie der Eintritt meiner Krankheit, entsteht es, erst noch ganz klein und schließlich ja auch umhüllt von Schmerz wie eine vage Ahnung, noch nicht greifbar, nicht benennbar, trotz allem aus dieser tiefen Quelle der Gewissheit des verbundenen Wissens: Es gibt einen Sinn in meiner Krankheit. Nun ist dieser geahnte Zusammenhang zwischen Körper und Seele nicht mehr streng, strafend, unerbittlich, verurteilend, sondern weich, liebevoll, zärtlich, annehmend. Erneut ist dieses wie ein tiefes Durchatmen. Und wiederum muss nichts passieren. Denn dieses Etwas, das in mir um den Zusammenhang meiner Erkrankung und meinem Innenleben weiß, lässt sich weder unter Druck setzen, noch ist Eile angeraten.

Das Wissen um meine Krankheit ist mit Erweiterung verbunden

Liebevoller Umgang mit der Krankheit

Dieses Etwas ist sowieso von seinem Wesen her ausgerichtet auf Heilung, auf Erkenntnis, auf ganz werden. Dieses Etwas arbeitet immer von Selbst, ist angeschlossen an einem viel größeren Antrieb, als den mir mit meinem Bewusstsein zugänglichen. Dieses Etwas meint es immer gut mit mir und ist von innen her bemächtigt, mir einen Hinweis zu geben. Doch welcher Hinweis ist das? Wie kann ich ihn erkennen? Nun, hier können die ganzen Konzepte über die Zusammenhänge von Körper und Seele hilfreich bei der Suche sein. Es gibt ja wirklich so unzählig viele Möglichkeiten, warum gerade ich unter diesen Umständen, zu dieser Zeit diese Erkrankung bekommen habe. Nehme ich also all diese aus Erkenntnis und Erfahrung gesammelten Möglichkeiten, die zu meinem Zustand passen und sortiere sie vor mir auf den Tisch wie die Puzzleteile eines Bildes, das ich fertig noch nicht gesehen habe. Da ich keine Anleitung zur Verfügung habe, finde ich ein Ordnungsprinzip, das mir entspricht. Und in dem ich die verschiedenen Möglichkeiten auswerte, wächst gleichzeitig in mir dieses Etwas, wird heller, spürbarer, sendet erste Impulse in Form von Erinnerungen an zuletzt Erlebtes, in Form von Wörtern, Gesprächsfetzen, Klängen.

Immer noch bin ich krank. Bin ich krank. Bin ich mit meinem kranken Körper. So wie der Vogel sich auf diesem Baum niederlässt und nicht auf dem anderen, hat die Krankheit sich in meinem Körper niedergelassen und nicht in einem anderen.

Die äußere Suche nach Gründen und das innere Anwachsen der Gewissheit, dieses auf Heilung ausgerichtete Etwas treffen sich irgendwann in mir und plötzlich ist es da, jetzt ging es ganz schnell, wiederum unerwartet, ungeplant: Plötzlich weiß ich, warum ich krank geworden bin. Ganz mütterlich ist dieses Wissen, ganz verzeihend von vorn herein. Es ist mit Mut verbunden dieses Wissen, Mut, Dinge in meiner Lebensführung zu ändern, die in Resonanz standen zu diesem tiefen Grund meiner Erkrankung. Es ist mit Hoffnung verbunden dieses Wissen, Hoffnung, dass ich etwas dazu beitragen kann, dass mein Körper wieder heilen kann. Es ist mit Erweiterung verbunden dieses Wissen. Erweiterung meiner bisherigen Erkenntnisse und Annahmen von dem, wer ich bin und wie ich leben möchte; auch mit Erweiterung bisheriger Annahmen über die Resonanzprinzipien von körperlicher und seelischer Gesundheit. Und es ist mit Stärke verbunden, dieses Wissen, Stärke die entsteht, wenn fühlbar wird, dass mit meiner Schwäche der Krankheit ein Prozess verbunden ist, der mich letztlich zu dem Wesen auf dieser Welt werden lässt, wie ich gemeint bin. Mit allem.

Wieder ist es Herbst auf meiner griechischen Insel und sich vertraute Menschen sitzen bei einem ausgewählten Frühstück. Eine von ihnen ist heute nicht dabei, in ihr hat sich eine Grippe niedergelassen. Die Gruppe bespricht, ob und was sie für die Kranke tun können, damit sie möglichst gute Umstände hat, mit Ihrer Erkrankung zu sein. Plötzlich fängt einer an zu lachen und sagt: »Wisst ihr noch, wie wir früher immer sofort Erklärungen parat hatten wie Du hast wohl die Nase voll, brauchte wohl eine Auszeit, hat es wohl nicht besser hingekriegt, hat auf jeden Fall etwas falsch gemacht…«. Betretene Stille breitet sich am Tisch aus. Alle hatten Erfahrungen gemacht mit diesen unerbittlichen, Gnade – losen Vorurteilen und es hatte etwas Bitteres, sich daran erinnern zu müssen. Der Eine lacht wieder und sagt: »Wie froh können wir sein, dass wir das nicht mehr tun müssen. Lasst uns unsere Freundin gut versorgen und wenn dann Etwas mit ihr geschieht, dass sie wissen lässt, haben wir alle etwas davon.« Über ihnen setzt sich ein kleiner Vogel in den Baum und singt sein Lied. Nach einer Weile bleibt er still. Dann fliegt er weiter. Wo er sich erneut niederlässt weiß ich nicht.

Nora Römer, Psychotherapeutin, Heilerin, Lebensberaterin

Nora Römer wohnt und arbeitet in einem kleinen Dorf südlich von Bremen. Sie ist langjährig erfahrene Heilpraktikerin und Psychotherapeutin, spirituelle Wegbegleiterin und Heilerin und arbeitet sowohl in eigener Praxis, als auch in Seminaren (Aufstellungen, Supervision, etc.) und Gruppentherapien (tiefenpsychologisch fundiert, systemisch, multimethodisch und spirituell), mit tiefem Verständnis und fließender Intuition um alles, was sich im einzelnen und zwischen Menschen ereignen kann. Kontakt: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

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Kommentare  

 
+2 # MatthiasHe 2011-01-22 20:33
Aber lauert da nicht doch wieder der Anspruch, es müsse sich früher oder später eine Antwort auf die Warum-Frage einstellen? So dass am Ende nur der Tonfall liebevoller ist, aber die Erwartung einer \"Erklärung\" immer noch die gleiche?

Falls du dieses liest, liebe Nora, würdest du die Möglichkeit einräumen, dass eine Krankheit einfach passieren kann und auch keine innere Erklärung auftaucht - weil es keine gibt?

Pyar sagte einmal ganz nüchtern nur: \"shit happens\". Ist nicht auch die Suche nach Erklärungen eine Form unseres Anspruchs, immer alles unter Kontrolle zu haben - selbst unser Scheitern?

Matthias
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0 # Nora Römer 2011-01-26 22:35
Hallo Matthias!
Danke für Deinen Kommentar! Auf jeden Fall räume ich die Möglichkeit ein,dass Krankheit einfach so passieren kann ohne erklärbaren seelischen Hintergrund - wie gesagt, "der Vogel läßt sich nieder auf einen Baum", dabei würde auch niemand den Ehrgeiz entwickeln herauszufinden, warum er sich nun gerade auf diesen und nicht auf einen anderen setzt, oder?
Mir geht es nicht "um die Suche nach einer Erklärung", sonder darum, dass jede/r die Möglichkeit hat, unbewertet in dem eigenen Tempo einen Umgang mit der Erkrankung zu finden, die die persönlich stimmigste ist. Und wenn sich in diesem Prozeß von innen her etwas meldet, das einen Zusammenhang mit seelischen oder anderen Ereignissen anfängt zu vermuten, kann es sinnvoll sein, dieser Spur zu folgen. Wenn sich da nichts meldet - auch gut und mitnichten ein Scheitern.
Herzliche Grüße - Nora
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0 # ManfredSandvoss 2011-02-07 15:59
Mir gefällt die mal gelesene Aussage: "Man erkrankt an dem, was man übersieht."
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0 # MatthiasHe 2011-02-07 23:02
Hallo Nora,

Danke für Deine Antwort. So wie Du es formulierst, kann ich dem sehr gut zustimmen. Ich bin in letzter Zeit mal so im Geiste durchgegangen, welche neuen Glaubenssätze an die Stelle der alten getreten sind ... es sind leider eine ganze Menge (gut dass connection dabei ist, hier aufklärerisch zu wirken). Das Festnageln auf einen psychischen Hintergrund des Krankseins - der dem Betroffenen oft sogar detailliert vorbuchstabiert wird - gehört dazu. Ich finde es erleichternd, dass es Stimmen gibt wie Deine, die sich nicht scheuen, hier von einem neuen Dogma zu sprechen.

Ich sage das so, obwohl mir klar bewusst ist, auch aus eigener Erfahrung, wie häufig und wie stark unsere emotionalen Erfahrungen Form und Verlauf unseres Krankseins prägen. Es wäre also zynisch, keine Überprüfung des psychischen Anteils oder der Lebensweise vorzunehmen, da manchmal nur von dort die Heilung kommen kann. Andererseits gilt es eben auch, die altkluge Dogmatik zu vermeiden, die Du in Deinem Artikel sehr anschaulich kritisiert hast. Für viele Menschen ist es offenbar schwer, sich in diesem Spielraum offener zu bewegen - sie halten sich lieber an einem Extrem fest. Das gibt vermeintliche Sicherheit im Urteil ... aber das ist wieder ein anderes Thema.

Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deiner Heilungsarbeit!
Matthias
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