Zur psychosozialen Lage in Deutschland

© Gerd Altmann pixelio.de
Psychische Krisen als Massenphänomen
Die Lage ist ernst, ja sogar besorgniserregend: 21 leitende Ärzte und Wissenschafter, darunter Dr.
Joachim Galuska, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der Heiligenfeld Kliniken in Bad Kissingen, bringen in einem Aufruf ihre persönliche tiefe Erschütterung über die psychosoziale Lage in Deutschland zum Ausdruck. Inzwischen leiden rund 30 % der Bevölkerung in Deutschland innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Über 1.250 Fachleute aus dem Bereich der Behandlung und der Begleitung psychosozialer und seelischer Probleme unterstützen die Initiative bereits mit ihrer Unterschrift.
In allen gesellschaftlichen Bereichen, allen Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern, in allen Schichten und in allen Nationen zunehmenden Wohlstands nehmen seelische Erkrankungen zu und besitzen ein besorgniserregendes Ausmaß im Hinblick auf Arbeitsunfähigkeit, Berentung, Behandlungsnotwendigkeit, Produktionsausfälle und gesellschaftliche Kosten. Aufgrund dieser Entwicklung ist trotz des kontinuierlich verbesserten Versorgungsangebots eine angemessene Behandlung nur in Ansätzen möglich. Angesichts der vorherrschenden gesellschaftlichen Orientierung an materiellen und äußeren Werten wird die Bedeutung des Psychosozialen dramatisch unterschätzt. Daher wird ein gesellschaftlicher Dialog über diese Situation in allen relevanten gesellschaftlichen Feldern und nicht nur in der psychosomatischen Medizin nötig.
Der Aufruf
Wir sind Fachleute, die Verantwortung für die Behandlung seelischer Erkrankungen und den Umgang mit psychosozialem Leid in unserer Gesellschaft tragen. Wir möchten unsere tiefe Erschütterung über die psychosoziale Lage unserer Gesellschaft zum Ausdruck bringen. In unseren Tätigkeitsfeldern erfahren wir die persönlichen Schicksale der Menschen, die hinter den Statistiken stehen.
Die Fakten
Seelische Erkrankungen und psychosoziale Probleme sind häufig und nehmen in allen Industrienationen ständig zu. Rund 30 % der Bevölkerung leiden innerhalb eines Jahres an einer diagnostizierbaren psychischen Störung. Am häufigsten sind Depressionen, Angststörungen, psychosomatische Erkrankungen und Suchterkrankungen. Der Anteil psychischer Erkrankungen an der Arbeitsunfähigkeit nimmt seit 1980 kontinuierlich zu und beträgt inzwischen 15 bis 20 %. Der Anteil psychischer Erkrankungen an vorzeitigen Berentungen nimmt kontinuierlich zu. Sie sind inzwischen die häufigste Ursache für eine vorzeitige Berentung.
Psychische Erkrankungen und Verhaltensprobleme bei Kindern und Jugendlichen nehmen kontinuierlich zu. Psychische Störungen bei älteren Menschen sind häufig und nehmen ständig zu. Nur die Hälfte der psychischen Erkrankungen wird richtig erkannt, der Spontanverlauf ohne Behandlung ist jedoch ungünstig: Knapp ein Drittel verschlechtert sich und knapp die Hälfte zeigt keine Veränderung, chronifiziert also ohne Behandlung.
In allen Altersgruppen, bei beiden Geschlechtern, in allen Schichten und in allen Nationen zunehmenden Wohlstands nehmen seelische Erkrankungen zu und besitzen ein besorgniserregendes Ausmaß. Die gesellschaftlichen Kosten der Gesundheitsschäden durch Produktivitätsausfälle, medizinische und therapeutische Behandlungen, Krankengeld und Rentenzahlungen sind enorm. Eine angemessene medizinische und therapeutische Versorgung ist weltweit nicht möglich. Trotz der kontinuierlichen Zunahme an psychosozialen medizinischen Versorgungsangeboten ist die Versorgung auch in Deutschland angesichts der Dynamik und des Ausmaßes der seelischen Erkrankungen nur in Ansätzen möglich.

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Gesellschaftliche Fehlentwicklungen
Die Ursache dieser Problemlage besteht nach unseren Beobachtungen in zwei gesellschaftlichen Entwicklungen:
- 1. Die psychosoziale Belastung des Einzelnen durch individuellen und gesellschaftlichen Stress, wie z. B. Leistungsanforderungen, Informationsüberflutung, seelische Verletzungen, berufliche und persönliche Überforderungen, Konsumverführungen, usw. nimmt stetig zu.
- 2. Durch familiäre Zerfallsprozesse, berufliche Mobilität, virtuelle Beziehungen, häufige Trennungen und Scheidungen kommt es zu einer Reduzierung tragfähiger sozialer Beziehungen und dies sowohl qualitativer als auch quantitativer Art.
Die Kompetenzen zur eigenen Lebensgestaltung, zur Bewältigung psychosozialer Problemlagen und zur Herstellung erfüllender und tragfähiger Beziehungen sind den Anforderungen und Herausforderungen dieser gesellschaftlichen Entwicklungen bei vielen Menschen nicht gewachsen. Angesichts der vorherrschenden gesellschaftlichen Orientierung an materiellen und äußeren Werten werden die Bedeutung des Subjektiven, der inneren Werte und der Sinnverbundenheit dramatisch unterschätzt.
Forderungen
- Wir benötigen einen gesellschaftlichen Dialog über die Bedeutung des Subjektiven, des Seelischen, des Geistig-spirituellen, des sozialen Miteinanders und unseres Umgangs mit Problemen und Störungen in diesem Feld.
- Wir benötigen einen neuen Ansatz zur Prävention, der sich auf die grundlegenden Kompetenzen zur Lebensführung, zur Bewältigung von Veränderungen und Krisen und zur Entwicklung von tragfähigen und erfüllenden Beziehungen konzentriert.
- Wir benötigen eine Gesundheitsbildung, Erlernen von Selbstführung und die Erfahrung von Gemeinschaft schon im Kindergarten und in der Schule, z. B. in Form eines Schulfaches "Gesundheit".
- Wir benötigen eine ganzheitliche, im echten Sinne psychosomatische Medizin, die die gegenwärtige Technologisierung und Ökonomisierung der Medizin durch eine Subjektorientierung und eine Beziehungsdimension ergänzt.
- Wir benötigen eine Wirtschaftswelt, in der die Profit- und Leistungsorientierung ergänzt wird durch eine Sinn- und Lebensorientierung für die Tätigen.
- Wir benötigen einen integrierenden, sinnstiftenden und soziale Bezüge erhaltenden Umgang mit dem Alter.
- Wir benötigen eine das Subjektive und Persönliche respektierende, Grenzen achtende und Menschen wertschätzende Medienwelt.
- Wir benötigen ein politisches Handeln, das bei seinen Entscheidungen die Auswirkungen auf das subjektive Erleben und die psychosozialen Bewältigungsmöglichkeiten der Betroffenen reflektiert und berücksichtigt.
- Wir benötigen mehr Herz für die Menschen.
Das Anliegen
Wir haben, auf Initiative von Dr. Joachim Galuska, im Kreis leitender Ärzte humanistisch-integrativer Psychosomatischer Kliniken die erschreckende Entwicklung der psychosozialen Belastung in Deutschland und letztlich in allen Industrienationen diskutiert. Wir sind zu dem Schluss gekommen, dass das Ausmaß der Problematik in unserer Gesellschaft nicht ausreichend wahrgenommen wird und möchten mit einer Art Memorandum einen gesellschaftlichen Dialog darüber anstoßen, wie wir die Problematik verstehen und was getan werden kann.
Wir möchten zunächst einmal keine bestimmte Zielgruppe ansprechen, sondern alle Menschen, denen die psychosoziale Lage unseres Landes am Herzen liegt. Der Aufruf möchte unsere Betroffenheit und Erschütterung ausdrücken und geschieht aus Mitgefühl und Mitverantwortung für die Menschen in unserer Gesellschaft.
Wir glauben nicht, dass ein bestimmter Sektor der Gesellschaft, wie z. B. die Schule, die Familie, die Politik oder die Wirtschaft dafür verantwortlich ist, sondern dass es sich um eine allgemeine und grundlegende Entwicklung der modernen Gesellschaften handelt, die bisher nicht angemessen erkannt wird. Der Aufruf möchte dies bewusst machen und ist nicht als Provokation gemeint.
Wir wollen zu einem offenen gesellschaftlichen Dialog über die psychosoziale Lage, ihre möglichen Ursachen und sinnvolle Handlungsansätze aufrufen.
Die Erstunterzeichner: Klaus Buch, Leitender Arzt, Psychosomatische Klinik, Bad Kissingen Dr. Andreas Elsen, Oberarzt, Psychosomatische Klinik, Stiefenhofen Dr. Joachim Galuska, Ärztlicher Direktor Psychosomatischer Kliniken, Bad Kissingen Matthias Gasche, Ärztlicher Leiter, Psychosomatisches Gesundheitszentrum, Düsseldorf Dr. Thomas Henrichs, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Reichenhall Dr. Rüdiger Höll, Ärztlicher Direktor, Psychosomatische Klinik, Potsdam Dr. Friedrich Ingwersen, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Zwischenahn Prof. Dr. Dr. Volker Kollenbaum, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Segeberg Prof. Dr. Thomas Loew, Universitätsprofessor für Psychosomatische Medizin, Regensburg Martin Lotze, Leitender Arzt, Psychosomatische Klinik, Potsdam Dr. Reinhard Mumm, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Waldmünchen Dr. Manfred Nelting, Ärztlicher Direktor, Psychosomatische Klinik, Bad Godesberg Dr. Franz Pfitzer, Chefarzt Psychosomatik, Prien am Chiemsee Dr. Volker Reinken, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Grönenbach Dr. Bernd Sprenger, Chefarzt, Psychosomatik, Fürth Erwin Schmitt, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Kissingen Dr. Carsten Till, M.Sc., Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Breuberg Dr. Michael Tischinger, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Stiefenhofen Dr. Dr. Klaus von Ploetz, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Bad Herrenalb Dr. Johannes Vogler, Chefarzt, Psychosomatische Klinik, Isny-Neutrauchburg Dr. Jochen von Wahlert, Ärztlicher Direktor, Psychosomatische Klinik, Bad Grönenbach






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Kommentare
Nach meiner Information einer Psychologin werden die Zulassungen für Therapeuten allerdings von den Krankenkassen stark beschränkt. Eine zynische Sparpolitik, die auf Dauer gesehen weitreichende Folgen mit sich bringen wird.
Gerade die Menschen in der Langzeitarbeits losigkeit (Hartz 4) sind sehr gefährdet, psychisch zu erkranken. Das bleibt nicht aus.
Neben dem materiellen und sozialen Aus, droht dazu noch der Verlust der Lebenskraft/Lebensfreude.
Ein Kreislauf, aus dem viele nicht mehr herauskommen. Und dies bedeutet sehr viel Leid für die Betroffenen.
Ich würde es sehr gut und wichtig finden, wenn auch die Arbeit der \"Helfer\" in die Überlegungen mit einbezogen würde.
Hier zur Ergänzung ein Auszug aus dem Deutschen Ärzteblatt 99. Jahrgang, Ausgabe Nr. 38 vom 20.9.2002:
Der Wettbewerb zwingt zur Erschließung neuer Märkte. Das Ziel muß die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein, also Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch, als auch psychisch für von Experten therapeutisch rehabilitativ und präventiv manipulierungsb edürftig halten, um \"gesund\" leben zu können. Dies gelingt im Bereich der körperlichen Erkrankungen schon ganz gut, im Bereich der psychischen Störungen aber noch besser, zumal es keinen Mangel an Theorien gibt, nach denen fast alle Menschen nicht gesund sind\".
2. Aspekt: Bayer und Basf haben Rekordgewinne gemacht. Ich glaube, die chemische Industrie würde es verkraften, wenn bestimmte, Farbstoffe, Süßstoffe und Geschmacksverst ärker, die sich psychisch negativ auswirken, verboten würden.
Scheidung oder Todesfall sind keine psychischen Krankheiten. Trotzdem werden in solchen Situationen oft Psychopharmaka verschrieben, die dazu führen können, daß das Ereignis nicht verarbeitet werden kann und ein Problem chronisch wird. Außerdem besteht die Gefahr der Abhängigkeit und teilweise starke Erhöhung der Suizidgefahr. Pfitzer hat zugegeben, daß das Antidepressivum Reboxetin bei Depressionen unwirksam ist aber gefährliche Nebenwirkungen hat. Pfitzer hat Studienergebnis se verheimlicht. In Amerika bekam das Medikament keine Zulassung.
Die heutige Technologie lässt dieses in einem verstärkten Maße zu, da Transparenz auch gleichzeitig "Kostenvorteile" für den Konsumenten offenbaren, was wiederum zu verstärkten Konzentrations- und damit Exclusionstende nzen führt.
Die Moderne ermöglicht also zugleich "Effizienz", aber auf Kosten sozialen Zusammenhalts.
Exclusions- und damit verbundene Abstiegsängste verursachen wohl die o.g. Probleme. In Zeiten des (letzlich wirtschaftliche n) Aufschwungs, profitiert der Einzelne in 3erlei Hinsicht. Er erfährt 1. positive Selbstwirksamke it, 2. wird nicht excludiert und 3. materieller Wohlstand wird gesteigert.
In Zeiten der Finanzkrise fallen alle drei Faktoren systembedingt weg. D.h.,systembedingt wird man eine Zunahme der Krankheiten beobachten müssen - wenn ein nicht allein korrelatives Verhältnis zwischen Wirtschaftswach stum und Krankheit besteht.
Kritische Ökonomen lassen nichts gutes erwarten. Das hieße, dass auch am wirtschaftliche n Gesellschafskon zept gearbeitet werden müsste, um Schaden vorzubeugen.
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