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Interview mit Christian Meyer über die 7 Schritte zum Aufwachen

Artikel - Interviews

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Bild: Christian Meyer

»7 Schritte zum Aufwachen«

Dr. Gudrun Blasius interviewte den Diplom-Psychologen Christian Meyer anlässlich eines Retreats in Polen. Er hat ein »7 Schritte Programm zum Aufwachen« entwickelt und äußert sich über die innere Leere, die inneren Abgründe und den Umgang mit unserer existenziellsten Angst: Der Angst vor dem Sterben.

Lieber Christian, als ich das erste Mal hierher ins Retreat nach Polen fuhr, bin ich der Einladung eines Freundes gefolgt – und ich habe es nicht bereut! Ich möchte gerne diese Einladung weitergeben an die Leser von connection spirit! Nun – nicht gleich an alle, hierher nach Moryn zu fahren … aber dich kennen zu lernen. Und vor allem natürlich deine Message.
Damals war mir das Ziel meiner Reise noch gar nicht so richtig bewusst. Das Ziel nennt sich »Aufwachen«. Schlafen wir denn alle?

Viele Wecker
Bild: pixelio

Aufwachen ist das, was früher Erleuchtung genannt wurde.

Nun, dafür glaubte ich, zumindest in den Himalaja klettern zu müssen! Doch du lässt dieses höchste Ziel realisierbar erscheinen, wenn wir uns nur auf den Weg machen!

Aufwachen ist eine grundlegende Transformation der ganzen menschlichen Psyche, die alle Bereiche des Daseins erfasst. Nach dem Aufwachen wird deutlich, dass es vorher ein Nebel und ein Traum war. Es war ein Nebel, weil die Wirklichkeit nicht gesehen wurde und es war ein Traum, weil das Unwirkliche, all die Illusionen, die ganzen barocken Gedankengebäude für wahr genommen wurden. Meister Eckehart hat gesagt: »Kümmert euch nicht, wenn ihr das nicht versteht, weil man es erst versteht, wenn die Erfahrung da ist«.

Damit wurde mir schon damals klar, dass ich erst am Anfang einer weiten Reise stand, die nach Innen geht . Was ist das Besondere an deinem »Weg«?

Der große Lehrer Ramana Maharshi hat es in zwei Worte gefasst »Sei still«. Halte an.

Heißt das, dass ich mich hinsetzen und meditieren soll? Ich habe damit zwar die Erfahrung gemacht, dass ich ruhiger werde, aber eine grundlegende und länger anhaltende Veränderung ist nicht eingetreten. Was genau meinst du mit »Anhalten«?

Das Anhalten, das innere Anhalten ist der Weg und die Voraussetzung dafür, dass alles zur Ruhe kommt und erst wenn alles zur Ruhe kommt, kann sich beginnen zu zeigen, was wirklich ist. Denn das, was wirklich ist, ist hinter vielen Schleiern oder man kann auch sagen unter vielen Schichten verborgen. Wir haben in der oberen Schicht die Gedanken, die Bilder, die Fantasien. Darunter haben wir Sinnes-Wahrnehmungen, wie das Sehen, Hören und vor allem die Körperempfindungen. Darunter finden wir das Reich der Gefühle.
Das ist das, worin der Mensch sich normalerweise aufhält und womit sich Therapeuten befassen, nämlich Veränderungen des Fühlens und des Denkens herbeizuführen, unangemessen erscheinende Gefühlsreaktionen zu lösen und anderes mehr.

Was gibt es unter diesen Schichten zu entdecken? Und warum vermeiden wir es tunlichst, das vertraute Terrain zu verlassen?

Unter diesen Schichten beginnt zuerst eine Leere und unter dieser Leere ein innerer Abgrund, den viele auch als ein inneres schwarzes Loch erleben. Diesen Abgrund in sich kennt jeder. Die meisten Menschen versuchen, nicht in die Nähe dieses Abgrundes zu geraten. Die Existentialisten haben diesen Abgrund beschrieben. Was die wenigsten verstehen – auch im spirituellen Raum – ist, dass man durch diesen Abgrund hindurch finden kann, was in etwa mit einem Erleben des inneren Sterbens und des Sterbens des Ichs verbunden ist. Es gibt Ähnlichkeiten mit Nahtoderfahrungen, wo der Abgrund als ein enger Tunnel und ein Sog beschrieben wird. Wer weiß schon, dass in der Tiefe dieses Abgrundes Freiheit zu finden ist und Frieden und das Aufwachen – Glückseligkeit.

Ich muss gestehen, dass ich mich auch davor fürchte, mich in diesen unbekannten Abgrund fallen zu lassen. Gibt es wirklich kein Erwachen ohne »Absturz«?

In unserer heutigen Zeit ist das Aufwachen so präsent, dass Menschen Einsicht in das Einssein, Erfahrung der Unendlichkeit und auch wirkliches Aufwachen erleben, ohne durch dieses innere Sterben, diesen inneren Abgrund gegangen zu sein. Wenn das aber der Fall ist, dann ist das Aufwachen selbst nicht tief genug und auch nicht stabil genug. Das greift vielleicht nochmals die Eingangsfrage auf nach der Besonderheit meiner Arbeit. Man liest allzu oft, durch das Aufwachen verändere sich nichts. Gedanken und Gefühle blieben dieselben. Wenn das so wäre, dann würde es sich nicht wirklich lohnen. Das Aufwachen, das den ganzen Menschen erfasst, beendet die Gedanken. Es beendet die Geschichten, die Vergangenheit und die Zukunft. Es lässt nämlich den Verstand still werden. Lässt den Verstand so still werden, wie es vorher nicht vorstellbar ist. Und es verändert auch die Gefühle. Dahingehend, dass die verschiedenen ichhaften Gefühle verschwinden und dass die Angst vor dem Sterben, die grundlegendste Angst, die der Mensch überhaupt kennt, beendet wird. Neue Erfahrungen, die tiefer sind als Gefühle, prägen dann das ganze Dasein: Ein grenzenloser Frieden und Stille, aus der Handlungen von alleine geschehen, Zeitlosigkeit, Bewusstsein und Liebe – Glückseligkeit.

Wäre es denn dann richtig, dich als Lehrer des »Wach-Seins« zu bezeichnen?

Ich glaube nicht, dass mit neuen Begriffen geholfen ist. Ich sehe mich da übrigens sehr in Übereinstimmung mit Ramana Maharshi, mit Poonjaji oder auch mit vielen christlichen Mystikern, von denen mir Johannes Tauler besonders lieb ist und glaube, dass sich das Aufwachen nur lohnt, wenn nach dem Aufwachen ein Prozess der Vertiefung stattfindet, der das ganze Leben andauert und das ganze Leben durchdringt. Sonst wird die Sehnsucht des Menschen nicht wirklich erfüllt.

Um durch diesen Abgrund zu gelangen, müssen wir eine ganze Menge Angst überwinden. In deiner Arbeit dreht es sich also oft um den Umgang mit dem Gefühl Angst.

Ja, aber wir wollen zuerst mal mit den Gefühlen generell etwas klären. Wir können da in der Geschichte zurückgehen. Osho hat in seiner Arbeit versucht, den Weg des Buddha, nämlich die Meditation, mit westlicher Therapie zu verbinden. Es war damals schon ganz klar, dass die Meditation alleine, die im wesentlichen darin besteht, den inneren Beobachter zu entwickeln, die Gefahr beinhaltet, dass der Mensch sich von seinen Gefühlen noch mehr entfremdet, die Gefühle nur noch beobachtet und sich von ihnen dissoziiert . Deswegen kam die Vorstellung auf, den Weg des Buddha mit dem westlichen Weg zu verbinden. Die westliche Therapie führt dazu, dass die Gefühle in Gedanken erklärt werden oder in Gestalt- und Körpertherapie ausgedrückt werden. Und beide Wege führen nicht zu wirklicher Freiheit und beide Wege zu verbinden, auch nicht. Es hat sich gezeigt, dass es einfach nicht funktioniert. Die Erkenntnis, dass es einen anderen Weg gibt, ist vielleicht das wichtigste Geschenk meines Lehrers Eli Jaxon-Bear, der nach langer spiritueller Suche zu Poonjaji kam und gleichzeitig in westlicher Therapie zuhause war. Dieser Weg besteht darin, dass man das Gefühl weder beiseite schiebt noch etwas tut , sondern sich stattdessen ganz von dem Gefühl erfassen lässt. Man das Gefühl noch nicht einmal ausdrückt! Keine Bewegungen. Und nichts in den Gedanken tut und agiert. Nur in dem Gefühl bleiben und entdecken, was es mit dir macht!

Also auch kein Weinen?

Doch! Natürlich! Weinen ist keine Bewegung und kein Tun! Sondern einfach ein autonomes Körpergeschehen, so wie die Veränderung des Atems.

Jetzt verstehe ich besser, was Anhalten und Stillsein wirklich bedeutet!

Und es zeigt sich – das zeigt sich ganz praktisch in der Arbeit, die ich jetzt seit fast 10 Jahren mit sehr vielen Schülern mache – dass in diesem wirklich neuen Umgang mit Gefühlen eine ungeheure transformierende Kraft liegt.

Und was mache ich, wenn sich das Gefühl auf diese Weise aufgelöst hat oder verbrannt ist, wie du gerne sagst?

Dann gilt es wirklich, weiter in der Erfahrung zu bleiben, offen dafür, welches Gefühl oder welche Erfahrung als nächstes wohl auftaucht. Das verändert den Menschen so sehr, wie ich es in meiner jahrzehntelangen vorherigen therapeutischen Arbeit niemals erlebt habe.

Und dabei spielt der Umgang mit der Angst eine besondere Rolle. Warum?

Weil jeder, der diese Reise nach Innen machen will, der existentiellen Angst begegnet und sich mit dieser Angst auseinander setzen muss. Dies ist die Angst vor der Bodenlosigkeit, dem Vernichtet-werden, der Auflösung in der Unendlichkeit oder die Angst vor dem absoluten Alleinsein und schließlich die Angst vor dem Sterben selbst.

Und in welchem Zusammenhang steht das mit dem Aufwachen?

Die Begegnung mit diesen Ängsten ist gewissermaßen das Tor zum tiefen Aufwachen.

Wir können also etwas tun, wir können uns wirklich auf unser Innenleben einlassen. Ballast loslassen. Was muss noch hinzukommen?

Das, was die Zen-Buddhisten Zufall nennen und andere gerne Gnade. Du kannst Aufwachen nicht tun, nicht machen. Es geht um ein Anhalten, dem Ende des Tun. Aber angesichts der Tatsache, dass die ganzen inneren Muster, das Karma und die Konditionierungen, die Verstrickungen mit anderen Menschen, dass all dies ja von alleine weiterläuft, ist das Anhalten ein sehr aktiver Prozess. Aber es ist eben auch Gnade.
So wie die Sufis sagen, dass wenn du einen Schritt auf Gott zugehst, dir Gott dann 1000 Schritte entgegen kommt.

Dann müsste die Angst uns ja nur noch 993 Schritte entgegen kommen … Denn der Umgang mit der Angst ist ja nur einer der 7 Schritte, zu denen du uns in deiner Arbeit ermutigst. Was können wir noch tun, um wirklich still zu werden, um anzuhalten?

Also um wirklich anzuhalten habe ich die so genannten »7 Schritte zum Aufwachen« entwickelt, in die all das, was ich bei meinem Lehrer Eli Jaxon-Bear gelernt habe und manches aus anderen spirituellen und auch therapeutischen Wegen eingeflossen ist.
Sie beinhalten diese Arbeit mit den Gefühlen; das Entdecken deiner wirklichen Ziele; das Erforschen des Sinns des Lebens; es geht darum, sich mit der Vergangenheit zu versöhnen, um die Energie wirklich für die Gegenwart zur Verfügung zu haben. Dann halte ich es für unabdingbar, dass der Mensch die Blockierungen seines Körpers auflöst und das Atmen frei wird. Weil die inneren Erfahrungen oft beim besten Willen gar nicht zugänglich sind, wenn du beim Weinen oder beim Lachen den Atem nicht frei fließen lassen kannst. So ist spirituelle Körperarbeit ein fester Bestandteil meiner Arbeit. Dann ist da die Enneagramm-Arbeit, von der ich glaube, dass sie vor allem unter spirituellen Gesichtspunkten die beste Methode ist, um über seine Muster und seine inneren Verstrickungen Klarheit zu bekommen.

Jetzt fehlt nur noch ein Schritt, eben der Umgang mit der existentiellen Angst.
Und mit viel Liebe arbeitest du mit den Menschen da, wo sie gerade stehen.
Was ist deine Motivation, dich auf diese Art ins Leben einzubringen?

Ich habe da nie groß das Gefühl gehabt, wühlen zu können. Es hat sich nach dem Aufwachen einfach von alleine ergeben, dass ich meine bisherige Arbeit vorwiegend als Psychotherapeut so veränderte und der Bitte folgte, Retreats, Seminare und inzwischen auch Weiterbildungen für Psychotherapeuten und Ärzte zu machen. Und das scheint mir das zu sein, was – wenigstens im Augenblick – zu tun ist.

Gibt es da auch die Motivation , durch deine Arbeit positiven Einfluss auf die Welt zu nehmen? Erwachen nicht nur als spiritueller Höhenrausch?

Zunächst ist Aufwachen ganz und gar zweckfrei, es soll keinen Nutzen haben und genügt sich selbst. In gewisser Weise kann man sagen, dass es das Ziel des menschlichen Daseins ist. Andererseits glaube ich allerdings, dass es dem Planeten und der Menschheit gut tun wird, wenn mehr aufgewachte Menschen in den verschiedenen Bereichen arbeiten und leben. Ich glaube damit, dass der nächste Schritt darin zu bestehen hat, dass die Bewegung zum Aufwachen hin zu einem normalen gesellschaftlichen Thema wird. Dass es kulturelle Präsenz bekommt! Dass es also gewissermaßen jemandem peinlich sein muss, über das Aufwachen nicht Bescheid zu wissen. Dann wird es für immer mehr Menschen eine wichtige und spannende Alternative zum normalen Leben. Dadurch wird sich etwas verändern – dann wird sich etwas an der Kultur ändern. Ich glaube, das ist das Dringendste, was die Welt heute braucht.

Das Interview führte Dr. Gudrun Blasius (Ärztin mit psychotherapeutischer Weiterbildung), die an der VHS Tübingen Kurse für integrale Lebenspraxis gibt

Christian Meyer, geb. 1952, lebt mit seiner Frau Dr. Angelika Winklhofer und deren beiden Kindern in der Nähe von Berlin, arbeitet als spiritueller Lehrer und Therapeut. Er nutzt das Enneagramm, Körpertherapie, NLP, Hypnose, Familienaufstellungen und die Gestalttherapie. Mehrere Jahre Lehrtätigkeit an Universitäten in Hamburg und Berlin. Als er nach vielen Jahren der spirituellen Suche 1998 seinen Lehrer Eli Jaxon-Bear – in der Tradition von Sri H.W.L. Poonjaji und Ramana Maharshi – traf, erkannte er seine wahre Natur und unterstützt seitdem Menschen, die den Wunsch nach vollständiger Freiheit und Selbstverwirklichung haben.

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