Befreiung des Ich
Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Zen-Lehrer Wolfgang Walter
Die Auflösung des Leids
Beobachtet man den Rauch einer Zigarette, sieht man, wie schnell er sich im Raum verflüchtigt und auflöst. Bläst man den Rauch einer Zigarette jedoch in eine durchsichtige Flasche, kann man beobachten, wie sich dieser Rauch stundenlang darin bewegt und am Ende die Flasche eintrübt.
Wir betrachten mit unserem Alltagsbewusstsein oft unseren Körper auf die gleiche Weise. In dieser »Flasche«, so scheint es, ist alles eingeschlossen: Unsere Gefühle, unsere Gedanken, Erinnerungen und Bilder, ebenso wie unsere Ängste und Sorgen. Manch einer sagt sogar unsere Seele. Diese Betrachtungsweise führt dazu, dass wir leiden und manchmal sogar daran zerbrechen. Tage- und wochenlang werden wir von diesen Eintrübungen gequält, weil unser Bewusstsein nicht mehr klar und transparent ist.
Im Schauen nach Innen wird diese Form aufgebrochen, so dass all das, was uns quält, Raum hat und sich auflösen kann. Der Mensch erfährt sich als ein transparentes und offenes Wesen. Im Grunde ist dieser Körper so leer wie das Weltall. Jeder Mensch kann diese Erfahrung machen. Dabei geht es um den Prozess des Leer-Werdens. Ich kann in ein volles Glas nichts mehr hineintun. Das bedeutet: Wenn ich innerlich voll bin mit Ansichten und Meinungen und Bildern, kann mir nichts geschenkt werden. Deswegen müssen wir uns leer machen. Das ist der Prozess, der in der Meditation stattfindet. Erinnerungen steigen auf, ich erkenne sie und lasse sie vergehen. Ich verdränge nichts, lasse alles los und wende mich immer wieder dem zu, was jetzt ist: Dieses Geräusch, dieses Gefühl, dieser Augenblick. Dabei beurteile ich nichts, ich lasse es geschehen. »Dein Wille geschehe«. Ich fließe mit und vertraue auf das, was mich trägt und uns alle verbindet.
Wolfgang Walter
Willigis Jäger, bei dem er sein Koan-Studium abschloss.
Im Jahr 2000 wurde er zum Zen-Lehrer der Sanbo-Kyodan-Schule ernannt. 2004 ernannte
ihn auch sein Lehrer Willigis Jäger zum Zen-Lehrer. Beim Internationalen
Zen-Lehrer-Treffen im August 2006 wurde ihm von Roshi Yamada der Name E'un-Ken
verliehen, d. h. »Wolke der Weisheit«.






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