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Selbstwerdung als Entwicklung der Polarität zwischen Oberfläche und Tiefe

Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Selbstwerdung als Entwicklung der Polarität zwischen Oberfläche und Tiefe
© S. Hofschlaeger pixelio.de

Just be yourself!

Um Erwartungen anderer zu erfüllen, passen wir uns an und machen anderen was vor. Nun steht die für andere sichtbare Oberfläche meiner privaten Tiefe (»Das bin ich wirklich«) polar gegenüber, meint der Psychotherapeut und Initiatische Gestalttherapeut Winfried Wagner. Je näher ich der Tiefe bin, umso mehr bin ich »ich selbst«. Im Prozess der Selbstwerdung wird diese Trennung jedoch wieder aufgehoben: Oberfläche und Tiefe nähern sich dabei einander wieder an

»Just be yourself« – »Sei einfach du selbst«, habe ich neulich auf einem T-Shirt gelesen. Diese Aufforderung verweist auf unsere Fähigkeit uns zu beherrschen und eine Rolle zu spielen, uns selbst darzustellen und zu verstellen, ein Gesicht zu zeigen und eine Maske (latein. persona) zu tragen, »unecht« im Sinne von unauthentisch zu sein und anders erscheinen zu wollen als wir in Wirklichkeit, in Wahrheit sind. Was aber meint eigentlich Echtheit bzw. Authentizität? Wer sind wir denn in Wirklichkeit oder in Wahrheit?

Wie wirke ich?

Jeder Mensch hat Ansichten über sich selbst und ein Bild von sich selbst. Das Wort »Ansichten« verweist schon darauf, dass es mehrere Perspektiven oder Blickwinkel gibt, aus denen der Mensch sich selbst betrachten kann. Unterscheiden wir der Einfachheit halber eine Außenansicht von einer Innensicht. Die Außenansicht ist, wie der Begriff schon sagt, außengeleitet in dem Sinne, als sie von der Frage geleitet wird: Wie sehen mich die anderen? Wie wirke ich auf andere? Welches Bild haben die anderen von mir? Diese Perspektive auf uns selbst wählt sozusagen den Umweg über die anderen, über unsere Mitmenschen und deren tatsächlichen oder vermeintlichen Erwartungen an uns sowie unsere erwarteten (oft auch: befürchteten) Reaktionen von denen auf uns. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, denn auf dieser Perspektive beruhen alle unsere Rollenerwartungen an andere und deren Rollenerwartungen an uns. Diese Perspektive ist sozusagen die öffentliche, also diejenige, welche die meisten Mitmenschen von uns mitbekommen und auch mitbekommen dürfen.

Wie bin ich?

Daneben gibt es noch eine private, persönliche Ansicht: Wie erfahre ich mich selbst unabhängig davon, wie andere mich sehen oder was andere von mir erwarten? Wie sehe ich mich selbst in Anbetracht der Daten über mich selbst, die viele Außenstehende kaum oder gar nicht mitbekommen, z.B. meine wahren Gefühle und Bedürfnisse oder geheimen Wünsche und Gedanken? Wie bin ich im Grunde meines Wesens wirklich? Diese Unterscheidung von Außen- und Innenansicht betrifft also den Gegensatz von öffentlichem und privatem Selbstbild. In beiden Fällen lautet die Leitfrage »Wie bin ich?«. Das heißt: Wie sehe ich mich selbst und wie (vermutlich) die anderen? Gegenstand dieser Frage ist mein Erscheinungsbild. Mehr oder weniger versuchen wir alle, unser privates Selbstbild, unsere Eigen- oder Innenperspektive abzugleichen mit dem vermeintlichen Bild der anderen von uns, der öffentlichen Fremd- oder Außenperspektive. Echtheit meint dann die Bereitschaft und den Mut, sein »privates Selbst« nach außen, öffentlich zu zeigen.

Bin ich wie die anderen?

Prinzipiell handelt es sich bei der Unterscheidung zwischen Außen- und Innenansicht, öffentlichem und privatem Selbstbild um zwei sich gegenseitig ergänzende und korrigierende Seiten eines Ganzen. Als Gegensatz stellt dies aber auch ein enormes Konfliktpotential dar, das unser Selbst(wert)gefühl massiv beeinträchtigen kann. Das trifft vor allem für jene Menschen zu, die sich ständig mit anderen vergleichen, wobei das Ergebnis ihres Vergleichs im Grunde von vorne herein feststeht: Für die einen fällt es durchwegs negativ aus, d.h. der Vergleich dient lediglich dazu, ihre Selbstzweifel zu nähren und sich selbst abzuwerten. Für die anderen fällt das Vergleichsurteil durchwegs positiv aus, da dient der Vergleich lediglich dazu, ihr Selbstwertgefühl zu bestätigen und sich aufzuwerten. Hinter beiden steht eine Unsicherheit in Bezug auf den Selbstwert. Beide Vergleichsurteile beruhen auf Verzerrungen der Wahrnehmung und Beurteilung von sich selbst. Dennoch ist das Vergleichen ein Stück weit notwendig, damit wir Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen uns und anderen entdecken. Der Mensch bedarf nun mal der Bestätigung durch den Anderen, um ein adäquates Selbstkonzept entwickeln zu können. Indem wir Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen uns und anderen erkennen und uns damit identifizieren, d.h. sie uns zu eigen machen, erlangen wir eine Identität. Das hilft uns, unseren Platz in der Welt zu finden. Dies ist unsere Merkmals-Identität! Sie beruht auf einer vergleichenden Perspektive. Es geht hierbei um die Zuschreibung von Merkmalen, aufgrund deren ich identifizierbar bin – eine Art umfassender Steckbrief, wenn man so will.

Selbstwerdung als Entwicklung der Polarität zwischen Oberfläche und Tiefe
© Thommy Weiss pixelio.de

Der Wesenskern

Die vergleichende Perspektive ist jedoch nicht die einzige Quelle unseres Selbst- und Identitätsgefühls. Der Philosoph Kierkegaard meinte sogar, dass jeder Vergleich das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit sei. Ihm ging es dabei um die Frage »Wer bin ich im Grunde meines Wesens wirklich?« jenseits aller Merkmalszuschreibungen und, wenn man es auf die Spitze treiben will, jenseits aller raumzeitlichen Bedingungen. Solche raumzeitlichen Bedingungen sind z.B. der Kulturkreis und die Epoche, der biologische Körper und das Elternhaus, in die ich hineingeboren wurde, sowie die gesellschaftlichen Bedingungen (soziale Schicht, Schulbildung, etc.), unter denen ich aufgewachsen bin und heute lebe. Gegenstand dieser Frage ist also nicht mehr unser privates oder öffentliches Erscheinungsbild, sondern wir selbst in unserem innersten, wahren Wesenskern. »Kern« bedeutet hier soviel wie tief innen, zentral, essentiell, ureigen. Es geht hier nicht mehr um eine vergleichende Perspektive, nicht um eine bestimmte Art und Weise oder Beschaffenheit, sondern um unser wahres Selbst. Diese Identität ist nicht mehr eine Sache von Merkmalszuschreibungen, sondern beruht auf einer unvergleichbaren Innen- und Tiefenperspektive unseres Selbstbewusstseins. In Anlehnung an Dürckheim spreche ich hier von Wesens-Identität. Diese liegt allem Selbstbewusstsein und Selbstbestimmungsversuch zugrunde, was bereits der Philosoph Johann Gottlieb Fichte postuliert hatte. Im Vergleich zur Merkmalsidentität erscheint die Wesensidentität von weitaus größerer Tiefe, Zentralität und essentieller Bedeutsamkeit. Daraus ergibt sich überhaupt erst die Möglichkeit des Bei-sich-selbst-seins, in sich selbst zentriert zu sein jenseits oder zumindest relativ unabhängig von spezifischen lebensgeschichtlichen Bedingungen.

Oberfläche und Tiefe

»All I can do is be me – whoever that is«
Bob Dylan

Die moderne Selbstkonzeptforschung bezieht sich überwiegend auf die Merkmalsidentität des Menschen. Sie ist der Versuch der Objektivierung des Selbst unter Vernachlässigung oder gar Verneinung der Subjektseite und der Wesensidentität. Aber »ein Selbst, das zu einem Gegenstand der Berechnung und Handhabung gemacht worden ist, hat aufgehört, ein Selbst zu sein. Es ist ein Ding geworden« (Tillich). Das Subjekt der Erfahrung und der Erkenntnis kann niemals vollständig mittels psychologischer Fragebögen oder Tests erfasst werden. Die Wesensidentität kann nicht definiert werden, sie verweist auf einen transzendenten Aspekt von uns, vor aller bewussten Erfahrung, wie es auch in spirituellen Anschauungen z.B. einer Buddha-Natur im Buddhismus oder des Atman im Hinduismus zum Ausdruck kommt.

Die Unterscheidung zwischen existentiellem In-Erscheinung-treten und essentiellem Sein, von Oberfläche (öffentlich) und Tiefe (privat), von Merkmals- und Wesensidentität deckt sich mit Konzepten eines sogenannten originären, authentischen und wahren Selbst oder »Wesenskerns« des Menschen mit einer transzendenten bzw. spirituellen Dimension. Nach dem bereits erwähnten dänischen Philosophen Sören Kierkegaard ist jeder Mensch dazu bestimmt, er selbst zu werden. Dementsprechend unterscheidet er hinsichtlich der Selbstwerdung des Menschen zweierlei Leiden:

Zweierlei Leiden

  • Nicht man selbst sein wollen oder können: Dies betrifft die Notwendigkeit, Jemand (man selbst) zu werden, die Notwendigkeit der Selbstbejahung und der Selbstwerdung: »Jeder Mensch ist nämlich ursprünglich als ein Selbst (auf sich selbst hin) angelegt, mit der Bestimmung, er selbst zu werden« (237). Bereits die Antike kannte die ethische Maxime, man selbst zu sein (Pindars »Werde, der du bist«, oder die sokratische Forderung, mit sich selbst überein zu stimmen). Das Selbst »drängt« sozusagen den Menschen, er selbst zu sein. Der Mensch hat aber die Möglichkeit, niemand zu sein, die Möglichkeit der Selbst-Verneinung, der »Verweigerung« und des »Misslingens« der Selbstwerdung. Er hat die Macht bzw. die Freiheit, seinem essentiellen Wesen zu widersprechen, seine Bestimmung zu verfehlen.
  • Unbedingt man selbst sein wollen, d.h. »das Selbst, das der Mensch sein will, ist ein Selbst, das er nicht ist, (sondern) das er selbst erfunden hat.« Dies meint den Wunsch, anders oder mehr sein zu wollen als man ist, also die Gefahr der verfälschenden Selbstdarstellung und der narzisstischen Selbstidealisierung, denn »so verflüchtigt sich das Selbst immer mehr« (Kierkegaard).

Beide Fälle führen zu einem »falschen« oder »leeren« Selbst, zumindest zu einer reduzierten oder nur fragmentarischen Selbstwerdung.

Das genuin Eigene

»Das eigene Selbst ist gut versteckt; von allen Goldminen ist die eigene die letzte, die man ausgräbt«
Friedrich Nietzsche

Das wahre Selbst hat wenig mit dem zu tun, was man im Allgemeinen für die Identität eines Menschen hält, nämlich die Gesamtheit seiner gewohnheitsmäßigen Identifizierungen, konditionierten Haltungen und Merkmalszuschreibungen. Diese Merkmalsidentität ist eher ein soziales Selbst, weil es sich über sozial-interaktive Austauschprozesse und Spiegelung, Identifizierung und Perspektivenübernahme bildet. In der Merkmalsidentität entdecken wir überall »die Spur des Anderen«. Daraus ergibt sich die Gefahr, dass man nie bei sich selbst, stets dezentriert ist, weil man immer draußen beim Anderen oder gar ein Anderer ist!

Unsere Wesensidentität aber wirkt sozusagen aus dem Hintergrund der Persönlichkeit, aus der Tiefe unseres Daseins. Sie zeigt sich seltener in den üblichen Alltagskontexten, eher bei Erschütterungen und Krisen, oder als diffuses, schwer zu konkretisierendes Gefühl, nicht wirklich man selbst zu sein, etwas Wesentliches, Wesenhaftes von sich selbst nicht ins Leben gebracht zu haben (Lesmeister). Sie ist das »genuin Eigene«, das sich nie vollständig mit der Welt verbindet, das nicht »bevölkert« und »zugestellt« ist von verinnerlichten anderen und deren Ansichten, sondern das bis zu einem gewissen Grad stets »es selbst« bleibt – »ungefunden« und »ungebunden«, »für immer still« und selbstverborgen.

Es ist ein Ort, wo wir ganz bei uns und dennoch in nicht egoistischer Weise zentriert sind. Es scheint eine Art Subjektkern zu sein, der zwar existentiell, aber nicht essentiell der Geschichtlichkeit (Zeitlichkeit) unterworfen ist. Daraus ergibt sich die Lebensaufgabe, die biografischen, raumzeitlichen Bedingungen mit dem transbiografischen Wesen in Verbindung und Einklang zu bringen (Dürckheim). Selbstwerdung bedeutete für Kierkegaard die Konkretisierung des wahren Selbst in der ganzen Vielfalt der Eigenschaften und Bedingtheiten der persönlichen Biografie: »...daraus folgt..., dass es zugeschliffen, nicht, dass es abgeschliffen werden soll«.

Die Trennung aufheben

Nach deinem Tod wird Gott dich nicht fragen, warum du nicht wie Jesus, Buddha oder Mohammed gewesen bist, sondern, warum du nicht du selbst gewesen bist.

Die Unterscheidung von In-Erscheinung-treten und essentiellem Sein, von Oberfläche (öffentlich) und Tiefe (privat), von Merkmals- und Wesenidentität beinhaltet demnach keine Trennung: Das Wesentliche erscheint stets durch Merkmale, die Tiefe zeigt sich in der Oberfläche, die sie zugleich verbirgt. Sie bilden zwei zusammengehörende und sich ergänzende Seiten (Pole) eines Ganzen, sie sind zwar unterscheidbar, aber nicht trennbar. Polarisieren heißt unterscheiden, was letztlich zusammengehört! »Essenz und Erscheinungsformen durchdringen einander« heißt es im Sandokai (Deshimaru) und ähnlich im Herz-Lotos-Sutra, zwei buddhistischen Lehrtexten. Oder wie Nietzsche es formulierte:
»Welt-Spiel, das herrische,
Mischt Sein und Schein: –
Das Ewig-Närrische
Mischt uns – hinein!«
Eine größere oder chronische Diskrepanz zwischen Oberfläche und Tiefe, Selbstkonzept und Selbsterfahrung, Merkmals- und Wesensidentität, Schein und Sein macht uns jedoch krank. In seiner tiefsten, existentiellen und spirituellen Bedeutung meint der Begriff der Authentizität, dass sich unser wahres Selbst, unser Wesen möglichst ungebrochen und unverfälscht in der Merkmalsidentität ausdrückt und verkörpert. Selbstwerdung sei allerdings ein Wagnis, meinte Kierkegaard, »denn ein Selbst ist das, wonach in der Welt am wenigsten gefragt wird« – ein Satz, der wohl auch heute noch seine Gültigkeit besitzt.

Dies ist ein zusammenfassender Auszug aus dem Buch »In sich selbst Halt finden«, von Winfried Wagner, das im Herbst 2010 im Verlag Via Nova, Petersberg, erscheint.

Winfried Wagner, Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut, Qi-Gong- und Aikido-Lehrer (7. Dan), Leiter der Schule für Initiatische Gestalttherapie Schweinfurt

Quellen

Deshimaru, T. (1980) »Sandokai«, Berlin
Dürckheim, K.Graf von (1993), »Von der Erfahrung der Transzendenz«, Freiburg-Basel-Wien
Kierkegaard, S. (2006) »Der Begriff der Angst. Die Krankheit zum Tode«, Wiesbaden. 2. Aufl.
Lesmeister, R. (2006) »Die Idee vom wahren Selbst. Zur Dialektik von Eigenem und Fremdem«. in: Analytische Psychologie. Zeitschrift für Psychotherapie und Psychoanalyse, Heft 145, 37. Jg., Nr. 3/2006
Nietzsche, F. (1999) »Die fröhliche Wissenschaft«, München
Schlegel, L. (1973) »Grundriß der Tiefenpsychologie. Band 4: Die Polarität der Psyche und ihre Integration«, München
Tillich, P. (1991) »Der Mut zum Sein«, Berlin
Wagner, W. (2006) »KriegerIn des Lichts, der Liebe und des Lebens«, Reihe Transpersonale Studien Bd. 10, Oldenburg

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