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Über die Dummheit

Artikel - Lebenskunst/Weisheit

Was ist Dummheit?
© Gaby Schoenemann pixelio.de

Die Dummen sind oft gar nicht so doof

Ellen Wilmes ist einem zu unrecht negativ besetzten Begriff nachgegangen: der Dummheit. Was sie dabei in einer geistreichen und persönlichen Auseinandersetzung herausfand, wollen wir unseren Lesern nicht vorenthalten.

Schweißgebadet wachte ich nach dem Alptraum auf. Ich träumte, dumm zu sein.

»Wach auf, du verstehst eh nichts«, so klang die Stimme in mir. Ich, die sich so große Mühe gab, ihre Bildung zu erhöhen, die nicht aufhörte sich zu belesen, die sich unablässig neuen Reizen aussetzte, um sich neu zu gestalten. Ich war dumm. Das war wahrlich ein Alptraum.

Fragen über Fragen überkamen mich: Was fühle ich, wenn ich dumm bin? Was fällt mir an mir und den Anderen auf, wenn ich dumm bin? Welche Fragen stelle ich mir als Dumme? Was ist Dummheit? Was bedeutet Dummheit in der sozialen Gemeinschaft, in der ich lebe, für mich, für die Anderen? Wie fühle ich mich psychisch? Bin ich ein vollanerkanntes Individuum? Bin ich überhaupt ein Individuum, wenn ich dumm bin?

Spontan fiel mir der Film »Forest gump ein. Ein Mensch, der dumm ist, der von seiner Mama gesagt bekommt, dass ihre Aufgabe war, ihn zu haben und sich um ihn zu sorgen, aber er müsse selbst herausfinden, was seine Aufgabe sei. Forest Gump, der Dumme, der Menschen im Krieg rettet, die nicht gerettet werden wollen, der Shrimps fischen geht, obwohl er keine Ahnung davon hat, der durch Amerika läuft, weil er die Welt nicht versteht, der Tischtennis bis zum Abwinken spielt und ohne sich zu wehren geht, wenn man ihn nicht mehr braucht. Dumme scheinen irgendwie konsequent in ihrer Haltung, in ihrem Tun zu sein. Forest Gumb fährt stundenlang Aufsitzrasenmäher. Wenn sie einmal etwas begriffen haben, wenn sie einmal etwas können, dann tun sie es immer wieder voller Begeisterung und Eifer. Es wird ihnen nicht langweilig. Dummheit macht offenbar zufrieden und glücklich.

Mir als »Normalbürgerin vergeht die Lust an einer Tätigkeit, wenn sie nicht abwechslungsreich ist. Ich möchte die Eintönigkeit überwinden und abwechslungsreich arbeiten. Dumme genießen ihr Tun. Sie beherrschen es. Sie wollen nichts Anderes tun. Anderes bereitet ihnen Kopfzerbrechen. Neues bedeutet neu anfangen, neu lernen, das fällt ihnen schwer. Sie müssen sich mit Ungewohntem auseinandersetzen. Das ist Schwerstarbeit für die Dummen. Ich soll dumm sein? Lächerlich?

Kann ich das etwa nicht, mich auf Neues einstellen, spontan und ohne langes Zögern? Brauche ich eine Einarbeitungszeit?

Was ist Dummheit?
© RB pixelio.de

Da ist es, ich muss zugeben, dass ich sie brauche. Ja, sagen sie jetzt, aber das dauert nicht so lange. Ist das wirklich so? Die Chefin meines Mannes, immerhin eine Frau Doktor der Pädagogik sagte immer: »Verglichen mit Einstein, sind wir alle geistig behindert.«

Sehen sie, also doch dumm. Mir rinnt wieder der Schweiß. Zugeben, dass ich dumm bin, das geht doch wirklich zu weit. Also halten wir mal dagegen, was wir alles geschafft haben. Wir haben eine Ausbildung mit guter Note bestanden. Wir haben vielleicht sogar das Abitur geschafft, vielleicht sogar ein Studium. Wir können also unmöglich dumm sein, ich also auch nicht. Was ist dumm sein also?

Wikepedia, das digitale internettale Lexikon spuckt aus, dass dumm identisch mit blöd sei. Blöd kommt von dem germanischen Wortstamm bloede, was soviel heißt wie schwach. Wenn ich dumm bin, bin ich also schwach. Wo bin ich schwach?

»Verglichen mit Einstein, sind wir alle geistig behindert.«

Interessanterweise meint man keine körperliche Schwäche, sondern eine geistige Schwäche. Dummheit, Blödheit ist geistige Schwachheit. Wobei ein Idiot medizinisch gesehen einen Intelligenzquotienten von unter 20 haben soll. Im Lexikon stand die Bemerkung, dass dies heute nicht mehr vorkomme. Die Beschulung doch ein Erfolg? Bildung besitzt also doch die Fähigkeit, Geist zu erweitern? Oder sagen jetzt die Naturwissenschaftler sofort, dass liegt an der guten medizinischen Versorgung, die nur dem technischen Fortschritt zu verdanken ist. Ich denke beides spielt eine Rolle. Aber die Bildung des Geistes durch Wissen erweitert eben nicht nur »normale» Geister, sondern auch dumme Geister.

Blöd gelaufen

Heute existieren in unserem allgemeinen Sprachgebrauch noch viele Redewendungen mit diesen Worten: Das ist blöd gelaufen. Eine dumme Sache. So blöd kann man doch gar nicht sein, usw.

Diese Aussprüche implizieren eigenartigerweise, dass wir alle irgendwann irgendwie dumm sein können. Und Beispiele gibt es genug dafür&

Wie oft kaufen Menschen, die es sich nicht leisten können, die allein leben, aber auch solche, die eine Familie ernähren müssen ein, richtig großes Auto, mit dem Zeichen von Mercedes, BMW oder Audi drauf? Ist das nicht dumm? Wie viele Menschen fressen sich zu Tode? Ist das nicht dumm? Wie viele Menschen schlagen, misshandeln, töten andere Menschen? Ist das nicht dumm? Wie viele Menschen zerstören die Umwelt durch Wasserverunreinigungen (Verkappung von Ölen auf dem Meer, Düngemittel im Trinkwasser usw.), durch Endlagerung von Atommüll, durch Trockenlegen von Feuchtgebieten? Ist das nicht dumm?

Sind dies nicht alles Zeichen eines schwachen Geistes? Unüberlegt, unbewusst, aber manchmal auch ganz bewusst aus reiner Profitgier wird so gehandelt. Dummheiten, Schwachheiten, Blödheiten, die zur Selbstauflösung, zur Selbstzerstörung, zur Zerstörung des eigenen Lebensraumes beitragen. Was für eine Dummheit!

Sind dies vielleicht Gründe, die mich davon abhalten, zu sagen, ja, ich bin dumm. Mein Intelligenzquotient würde beweisen, dass ich nicht dumm bin. Er würde zeigen, dass ich normal intelligent bin, was einem IQ von rund. 100 entspricht, dem Richtwert. Nein, ich bin bestimmt nicht dumm, oder doch?

Was sagt denn so ein Wert aus? Er wird von der Allgemeinheit aufgestellt. Er ist ein Wert, der gemessen wird mit Tests, die sich Menschen ausgedacht haben, die begründen sollen, dass ein Mensch intellektuell, also geistig intelligenter ist als ein anderer. Die Normalen brauchen einen derartigen Beweis für ihre Cleverness, für ihre Normalität, für ihre Abgrenzung. Sie brauchen den Dummen, um ihre Normalität überlegen aussehen zu lassen.

Die Abweichung von der Norm ist wichtig. Abweichungen müssen ausgesondert werden, müssen anderes behandelt werden, müssen für ihre Nutzung für die Gesellschaft überprüft und präpariert werden. Die Normalen als Aussortierer, hatten wir das nicht schon einmal in unserer Geschichte?

Aber was sagt der Wert, der IQ wirklich aus?

Kreative, emotionale, soziale Intelligenz

Heute gibt es Wissenschaftler, die die These vertreten, dass nicht nur der Intellekt die Qualität und die Intelligenz eines Menschen ausmacht. Ein Mensch verfügt über weitere Fähigkeiten, die sich in einer kreativen, emotionalen, sozialen Intelligenz niederschlagen kann. Der Mensch ist also die Summe seiner Kompetenzen. Siehe wieder das berühmte Beispiel Forest Gump. Eine emotionale Kompetenz wird ihm keiner absprechen wollen.

Also bin ich vielleicht ein Normalbürger, was den Intellekt betrifft, aber dumm und behindert in meiner sozialen Fähigkeit, was heute scheinbar häufig der Fall ist? Die neuen jungen Intellektuellen, die nur noch sich und ihre Welt sehen. Sie nehmen Menschen um sich herum meist nur beschränkt wahr. Menschen, die unter ärmeren Bedingungen aufwachsen und leben müssen als sie selbst, scheinen für sie nicht zu existieren. Tauchen sie doch einmal in ihrem Leben auf, so wird behauptet, diese sind an ihrer Armut und Dummheit selber Schuld. Ich lernte eine 18-jährige Gymnasiastin kennen, die auf eine Gesamtschule wechselte. Sie meinte, da habe sie auch die Anderen kennen gelernt. Es klang so überheblich, so eindeutig ich bin etwas Besseres, dass mir die Kluft verdeutlicht wurde, in der diese unsere Gesellschaft lebt. In wie weit ist sie nämlich besser? Mit einer derartigen Bemerkung verdeutlich sie Außenstehenden einen Mangel an sozialer Kompetenz, die ein Dummer siehe das berühmte Beispiel von Forest Gumb offensichtlich hat. Würde der IQ der sozialen Intelligenz gemessen, würde sie wahrscheinlich in die untere Kategorie fallen und damit als sozial schwach eben dumm eingestuft. Wie viele Menschen reagieren heute aber genau so wie diese junge Frau? Erwachsene, gestandene Männer und Frauen? Soziale Intelligenz schwach also dumm?

Wie oft hört man den Spruch, dass die öffentliche Schulbildung allen alle Bildungsmöglichkeiten eröffnet. Wenn diese Anderen ihre Chancen übersehen, so ist das ein Zeichen ihrer Dummheit.

Nette Erklärungen für Klassenunterschiede in unserer Gesellschaft, die nach einer Schulstudie mit Namen Pisa weiß, dass der soziale Stand über den Bildungsabschluss entscheidet. D.h. ein kluger Mensch der Unterprivilegierten macht eben kein Abitur, weil er es nicht zeigen kann. Ein dummer Mensch der Elite macht Abitur, weil Papa genug Geld für Förderung hat.

Ein Vorurteil? Nein, seid Pisa belegt. Ein trauriger Fall, der noch verschärft wird durch die Einführung von Studiengebühren. Ist Dummheit, also eine Frage der Schicht?

Bin ich wahrhaftig dumm, wenn ich viele Dinge nicht weiß?

Aber, was ist wahre Dummheit? Gibt es sie überhaupt? Handelt es sich nicht um ungebildet sein? Bin ich wahrhaftig dumm, wenn ich viele Dinge nicht weiß? Bin ich nicht eher ungebildet? Hätte ich die Möglichkeit der Bildung gehabt, wäre ich dann jetzt nicht dumm, sondern gebildet und klug? Meine Klugheit hängt also ab von meinem Bildungsweg und damit meine Dummheit oder mein Ungebildetsein?

Wenn ich mir meine Geschichte anschaue, dann müsste ich ganz schön dumm sein. Ich bin groß geworden in der sogenannten Arbeiterschicht. Mein Vater war Arbeiter, meine Mutter Hausfrau und Mutter und ungelernte Kraft bis zur Heirat. Da kann ich nur dumm sein, oder? Bestätigt durch das Urteil einer Lehrerin in der vierten Klasse: Sie kann nie Abitur machen. Dies sagte sie damals in meinem Dabeisein meinen Eltern.

Das stärkt das Individuum. Das stärkt das Selbstbewusstsein. Wahrlich eine gute Lehrkraft, die einen Menschen mit zehn Jahren aburteilen kann für das ganze Leben. Wie fühlt sich ein zehnjähriges Kind, dem bescheinigt wird, dass es zu dumm ist, eine höhere Schule zu besuchen? Wer kann entscheiden, ob es dumm und somit schwach ist oder nicht? Wobei wir wieder bei der Frage landen, was ist dumm? Ist ein Test die Lösung?

Howard Gardner behauptet, dass kreative intelligente Menschen in sich drei Schlüsselelemente vereinigen: die Fähigkeit zur Selbstreflektion, die eigenen Stärken er- kennen und ausspielen können und Erfahrungen sinnvoll bewältigen.

Ist dafür der starke Intellekt nötig oder kann auch ein schwacher Intellekt, also ein Dummer, diese Eigenschaften besitzen und somit kreativ intelligent sein? Können Menschen mit schwachem Geist lernen, sich selbst zu reflektieren? Seien wir mal ehrlich, können wir das als angeblich Normale?

Fangen wir doch einmal bei unseren selbst produzierten Fehlern an. Ist es nicht schwer, sich einzugestehen, einen Fehler gemacht zu haben, um anschließend daraus zu lernen?

Unsere Gesellschaft übt sich früh darin, Fehler aufzudecken. In der Grundschule macht das die Lehrerin oder die Mama. Im Beruf macht es der neuartige Beruf des Controllers. Übrigens gut bezahlt. Der überprüft, ob wir nicht nur Fehler machen, sondern auch ob unser Leistungs-Nutzenverhältnis stimmt. Falls nicht, sollten wir uns übereinstimmend von einander trennen. Noch ein Arbeitsloser mehr. Aber die Ersparnisse des Unternehmens wachsen dennoch nicht wie vorgestellt. Wo bleibt nur der Gewinnzuwachs?

Wenn unser gesellschaftliches und soziales System erlauben und gestatten würde, dass junge Menschen ihre Potenziale finden, gäbe es wahrscheinlich weniger Inselbewohner. Inseln für die Behinderten, Inseln für die Alten, Inseln für die Armen, Inseln für die Reichen, Inseln, die so tolle Begrenzungen haben und schwierig zu erreichen sind.

Der dumme August macht nachdenklich

Wenn wir der Kreativität jedes Einzelnen die Tür öffneten, würden wir gesamtwirtschaftlich gewinnen. Stattdessen zahlen wir lieber Inselniveau, was ja bekanntlich teuer und purer Luxus ist. Aber ein Staat, der mit Milliarden Banken unterstützen kann, kann sich auch Dummheit in der Bevölkerung halten. Wir sind ja großzügig. Behinderung, Schwachheit, Altsein gehört in einer sozialen Gesellschaft unbedingt dazu. Sie sind unser ethisches Gewissen. Das müssen wir uns leisten dürfen.

Womit wir beim dummen August wären. Er ist das Gewissen in der Clownskette. Er ist der Allerletzte. Er hat die besondere Fähigkeit, alles durcheinander zu bringen. Dennoch macht gerade er die Menschen mit seiner Dummheit nachdenklich, wird von den Zuschauern geliebt. Er sammelt Erfahrungen, lebt diese aus, experimentiert mit ihnen, spielt mit ihnen. Ist das nicht kreativ?

Gibt die Einteilung von Howard Gardner den schwachen Intellekten also noch eine Chance? Wir sollten es ausprobieren. Dies setzt allerdings voraus, dass unser soziales System ein ausgeklügeltes Fördersystem für jeden hat, nicht nur für Menschen mit Geld.

Vor 50 Jahren haben dumme Menschen in unserer Gesellschaft noch ihren Mann/ihre Frau gestanden. Sie trugen bei zum Bruttosozialprodukt. Heute verursachen sie nur Kosten und sowohl die eine Seite der Gesellschaft als auch die andere Seite ist unzufrieden. Eltern behinderter Kinder fühlen sich gesellschaftlich geächtet. Deswegen werden selbst heute noch behinderte Kinder versteckt. Die Gesellschaft ist unzufrieden, weil sie nur immer für die besonderen Aufwendungen zahlen sollen. Wäre doch toll, einmal eine neue Variante auszuprobieren!

Dazu fällt mir ein Witz meines Schwiegervaters ein: Ein Lehrer trifft nach Jahren einen Schüler wieder, der die vierte Klasse viermal gemacht hat. Das war damals nicht unüblich. Er schaute ihn an und meinte: Du hast aber einen schicken Anzug an. Fährst ein dickes Auto. Wie machst du das? Der ehemalige Schüler antwortete: Ich kaufe Holzplanken. Das Stück für 50 Cent. Aus denen mache ich Kisten. Die verkaufe ich für ein Euro. Von den 10 Prozent lebe ich.

Ha, ha, ha. Wer ist jetzt dumm?
Dennoch bleibt bestehen, für sie, die Dummen, Schwachen gab es die Teilnahme am Bruttosozialprodukt in unserer Gesellschaft. Heute werden sie abgeschoben. Unbrauchbar.

Braucht unser Staat die Dummheit der Dummen?

Braucht unser Staat die Dummheit der Dummen? Baut er nicht sogar darauf? Je weniger die Menschen dort unten durchschauen, je weniger fuschen sie den wirklich Guten, den Wissenden ins Handwerk. Sie können in ihrer Politik der Geldmacherei, der Gewinnzuwächse, des überdimensionalen Luxus weiterleben. Ab und zu werfen sie den Dummen ein Butterbrot oder ein Auto siehe Abwrackprämie zu, dann sind alle zufrieden. Die Dummen dumm lassen, das macht Sinn. Die angeblich Normalen dumm sterben lassen, macht auch Sinn. Also die Normalen auch nicht besser als die Dummen? Jedenfalls für die wissenden Machtgeier. Je weniger der wirklich große Kuchen geteilt werden muss, umso besser für sie.

Dumme, schwache Menschen gehören auf ihre Inseln. Wie viele Inseln gibt es schon, ohne dass genau hingeschaut wird? Ist nicht heute schon jede Familie eine Insel für sich? Jeder sieht nur auf sein Durchkommen, sein Vorwärtskommen, sein Ziel, das ihm doch bei genauerer Betrachtung von denen vorgegeben wird, die den Besitz eng an sich gebunden haben und binden. Deshalb arbeiten Menschen heute für fünf Euro die Stunde. Wenn sich wirklich alle konsequent weigern würden, dann gäbe es keinen Nächsten, der die Arbeit übernimmt und der suchende, arme Fabrikant, Unternehmer oder Manager müsste wieder erkennen, dass Arbeit einen Wert hat.

Unsere Gesellschaft braucht Fachkräfte und keine Idioten, wird behauptet. Idioten waren in der Antike einfach nur Privatpersonen. Menschen, die wie Handwerker ihr privates Leben nicht vom öffentlichen trennen konnten, die keine Zeit hatten dem politischen Leben zu folgen. Im Laufe der Geschichte wurde daraus der unwissende Mensch, der heute Dummkopf, Schwachkopf oder sogar Laie ist.

Werden nicht in unserer Arbeitswelt Idioten gefordert? Die Arbeitgeber klagen nur noch über die Dummheit und Unausbildbarkeit der jungen Menschen. Aber sind sie nicht auch ganz glücklich darüber? Geringerer Stundenlohn, bessere Gewinne? Weniger persönlicher Einsatz? Sich kümmern tun lieber die Anderen, wer das auch immer sei.

Sind wirklich rund 20 bis 25 Prozent aller Jugendlichen eines Jahrgangs so dumm, dass sie keinen Schulabschluss bekommen können?

Sind wirklich rund 20 bis 25 Prozent aller Jugendlichen eines Jahrgangs so dumm, dass sie keinen Schulabschluss bekommen können? Sind nicht die Ausbilder in Schule und Beruf dumm? Sie erfassen nicht die wahre Lage der jungen Menschen und das, was sie wahrhaftig brauchen, um sich selbst zu entwickeln und ihre Potenziale zu entdecken. Damit wären wir wieder bei der Definition von Howard Gardner und den damit verbundenen Chancen.

Meine Chance war damals die Hauptschule, wenn auch auf ungeahnte Weise. Alle meine Freundinnen gingen auf die höhere Schule, aber die kamen ja auch nicht aus der Arbeiterschicht. Mein Hauptschullehrer, wohl ein gutes Exemplar, übrigens im Alter von Mitte vierzig einem Herzinfarkt erlegen, war schnell anderer Auffassung als meine Grundschullehrerin. Ihm verdanke ich meinen weiteren, wenn auch nicht geraden Weg zum Abitur.

Das Üble darin ist, dass sich heute nach fast vierzig Jahren nichts geändert hat. Soll es dies vielleicht auch nicht? Die oben genannten Vermutungen könnten das meinen.

Der Sozialpädagoge Brophy hat einmal eine Untersuchung unter Lehrern gemacht. Er sagte ihnen, dass eine bestimmte Schülergruppe, die angeblich getestet wurde, sich im nächsten Schuljahr besonders gut und eine andere Schülergruppe nachteilig entwickeln würde. Die Schüler waren in Wahrheit nicht getestet worden. Brophy wollte nachweisen, wie vorgefasste Urteile Lehrer beeinflussen. Die Lehrer reagierten wie vermutet. Die angeblich guten Schüler entwickelten sich positiv, die angeblich schlechten Schüler entwickelten sich negativ. Somit belegte Brophy damals auf seine Weise, was heute durch Pisa erneut bestätigt wurde. Förderung ist das Geheimnis. Vorurteile sind die Barrieren.

Dummheit, also nicht bei den Kindern und Schülern, sondern bei den Unterrichtenden, die doch Studierte sind? Dummheit also bei den sich höher wertig vorkommenden Menschen z.B. Manager. Sie steuern im Glauben an ihren gierigen Profit auf ein entfesseltes Chaos zu. Wird diesen angeblich Dummen der ihnen eingetrichterte Konsum genommen, so werden sie nicht mehr still und friedlich sein. Wie lange kann sich ein Staat den Luxus der Aussonderung von Menschen leisten? Vor allem wenn Gelder statt dorthin in den gierigen Profit fließen?

In unserer sozialen Gemeinschaft ist dumm sein eine Behinderung

In unserer sozialen Gemeinschaft ist dumm sein eine Behinderung. Sie gehört aussortiert. Es geht in eine Sonderschule, es geht in eine beschützende Werkstatt, es geht auf Inseln für Menschen mit Behinderung- Wohngruppen- Eltern mit Behinderten- Selbsthilfegruppen usw. Dummheit, Schwachheit will keiner bekennen. Daher wohl meine Panik vor Dummheit. Sie würde meine sofortige Aussonderung zur Folge haben, mein Abschieben, mein Wegschieben von der normalen Teilhabe an der Gesellschaft. Das will ich wohl unter allen Umständen vermeiden.

Aber, wenn ich jetzt dumm wäre, wie würde ich mich fühlen? Würde ich es wissen, dass ich dumm bin, dass ich ausgesondert bin? Ich glaube, dass ich es wüsste und heimlich still und leise unter dem Stigma der Dummheit leiden würde. Die Anderen zeigen mit deutlich, dass ich nicht mithalten kann. Dumm und doch nicht immer glücklich also. Bei Forest gumb war es das Unglück nicht die Liebe seines Lebens halten zu können, weil er dumm war.

Bei Dummen in unserer Gesellschaft ist es das Bewusstsein, eine Randfigur zu sein. Ähnlich geschieht es alten Menschen häufig. Diese können auch nicht mithalten, sind angreifbar und leicht verletzbar.

Um mich nicht verletzten lassen zu müssen, ziehe ich mich als Dumme in die Bereiche zurück, die man mir zuweist, die Inseln der Dummen. Wer weist sie mir zu? Die, die normal sind. Sie meinen, dass wäre besser für mich. Sie denken, dass sie mir so etwas Gutes tun. Mir fällt da noch der Jugendstrafvollzug ein. Wie viele angeblich dumme Verlierer sitzen dort, die keine Chance, keine Förderung, niemanden hatten, der sie in ihren Potenzialen fördert, die Fähigkeiten entdeckte, die wirklich in ihnen stecken, so das sie keinen Ausweg in ein Verbrechen brauchen.

Weitere große Inseln sind die Wohnbetonsiedlungen. Dort leben die sozial schwächeren, weil es die einzigen Wohnungen sind, die sie sich leisten können und vom Amt bezahlt werden. Dort sind sie alle unter sich und richten keinen Schaden an.

Welchen Schaden sie anrichten können, konnte man vor einiger Zeit in Frankreich verfolgen oder auch vor ein paar Jahren in Los Angelas. Die Benachteiligten, die Behinderten, die dummen Menschen riefen zum Boykott auf, machten auf sich aufmerksam, zeigten ihre Inseln. Unsere Politiker, Arbeitgeber, Banker, Manager sollten sich des Potenzials dieser gebündelten Kraft bewusst sein. Mit großem Einsatz wurden sie in Frankreich und Los Angelas in ihre Schranken gewiesen, Versprechungen wurden gemacht.

Was wurde wirklich umgesetzt? Die Dummheit der Politiker war offensichtlich. Der Schrei nach Anerkennung und Daseinsberechtigung ebenso. Wo ist die Lösung? Ich glaube, dass Bildung eine Lösung wäre. Bildung im Sinne von Allgemeinbildung, von der wir uns seit Jahren verabschieden. Studiengänge werden verschult. Kosten- Nutzenrechnung ist das zählende Gut. Auch hier lassen wir uns alle von den angeblich um die Richtigkeit Wissenden lenken. Widersprüche und Nichtnachvollziehbares wird für die Normalen in neuen Zusammenhängen nivelliert. Damit werden auch die Normalen zu Dummen gemacht.

All-gemein-bildung kennt keine Zeit, keine Kosten-Nutzenanalyse, keine menschliche Gebrauchsanalyse. Sie will gelebt, erlebt, erforscht, erfahren, empfunden werden.

Rousseau fällt mir dazu ein. Auch wenn er seine eigenen Kinder fort gab, worunter er nach eigenen Angaben sehr litt, so hat sein Emile diese All-gemein-bildung genießen dürfen. Würde unsere Welt nicht besser, wenn wir so Schule, Bildung, Erziehung be-greifen dürften?

Die Chance die von Howard Gardner genannten Eigenschaften auszubilden, würden erheblich steigen und die Menschen, die ihre in ihnen wohnenden Eigenschaften erfassen könnten, wären eine Bereicherung für die Welt und für die Gesellschaft. Ich würde mir die Einsicht aller Menschen in diesen Prozess des neuen Werdens wünschen.

-Ellen Wilmes

Nach langjährigen Tätigkeit als Kinderkrankenschwester machte Ellen Wilmes über den zweiten Bildungsweg ihr Abitur. Sie studierte Mathematik und Hauswirtschaft für die Sek I. Sie unterrichtete auf einer Hauptschule, bis sie Burn Out und Krankheit in den vorzeitigen Ruhestand zwang. Sie ist zertifizierte Theaterpädagogin. In diesem Bereich arbeitet sie auf selbstständigen Basis. Mit Hingabe widmet sie sich dem Schreiben. Ihr Spezialgebiet sind Gedichte und in jüngster Zeit auch Essays. Im Herbst 2009 beginnt sie ein Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft.


Kommentare  

 
0 # Stefanie Manshardt 2009-09-02 09:53
Eine Auseinander-setzung mit Dummheit, schwachen Geist haben, ermutigt nach diesem Artikel durchaus, sich und andere nicht aufzugeben.
Die fazettenreiche Auslegung sagt, dass die gemessenen \"Dummen\" im sozialen mehr Kompetenzen aufweisen als wie die vermeintlichen \"Wissenden\", die nur auf sich bedacht sind. Was ist ist also wichtiger hoher Intellekt oder soziales Einfühlungsverm ögen? Eine Mischung würde es machen, die versuchen würde das Bildungssystem, hingehend zu verändern, dass jeder Menschen, egal wie er geistig ausgestattet ist, eine schöne Daseins-Form hätte.

\"Gebe einen Menschen Macht, dann erkennst du seinen wahren Charakter!\" fällt mir spontan dazu ein. Gemessen an der Politik kann man ohne große Worte sagen, was das in der Welt auslösen kann.

Danke für das tolle Essay!
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