Die Stiftung „Denkwerk Zukunft“ plädiert für nicht-materielle Wohlstandsformen

Vorstandsvorsitzender Professor Meinhard Miegel.
Bild: denkwerkzukunft
Der Abschied vom Fetisch Wachstum
Die Folgen des ungebremsten Wachstums und der Wohlstandsvermehrung machen sich spätestens in der globalen Finanzmarktkrise bemerkbar. Nun haben sich 40 von Deutschlands führenden Alternativ-Denkern zusammengetan und wollen unter dem Vorsitz von Professor Meinhard Miegel in der Stiftung »Denkwerk Zukunft« mit vielen Leuchtturmprojekten und Veranstaltungen eine Bewusstseinstransformation bewirken. Dabei fragen sie: Was geschieht, wenn das Versprechen der ständigen materiellen Wohlstandsvermehrung nicht mehr eingehalten werden kann?

Geschäftsführerin Stefanie Wahl.
Bild: denkwerkzukunft
Bis in die 90er Jahre gab es zu den Wohlstandspredigern und Wachstumsfetischisten in Wirtschaft und Politik keine ernstzunehmenden Alternativ-Stimmen, bis auf ein paar Freigeister wie Erhard Eppler (SPD Programmkommission) und ein paar alternativen Mahnern, die noch nicht mehrheitsfähig waren. Das hat sich jetzt geändert: Die Liste der Mahner, die auf die unabsehbaren Folgen von ungebremstem Wachstum aufmerksam machen, wird länger und länger, und immer mehr ehemalige Materialisten schwenken jetzt um und predigen die Abkehr von der Illusion, dass nur Wachstum Wohlstand für alle bringt. Die Stiftung will über Ausmaß und Folgen der Fokussierung auf materielle Wohlstandsmehrung aufklären, gelungene Beispiele kultureller Erneuerung sammeln und verbreiten, konkrete Vorschläge zur kulturellen Erneuerung erarbeiten und sich mit gleich gesinnten Initiativen vernetzen. »connection spirit« hält die Deklaration für so essentiell, das wir sie in Auszügen abdrucken.
Die Ausgangslage
»Die fortwährende Mehrung materiellen Wohlstands ist das dominante Glücks- und Heilsversprechen unserer westlichen Kultur. Über lange Zeit wurde dieses Versprechen überzeugend eingelöst. Der materielle Wohlstand der Bevölkerung stieg beträchtlich an. Doch nunmehr stagniert er bei vielen Menschen und nicht selten sinkt er sogar. Diese Entwicklung hat mehrere Gründe:
Zum einen verschlechtern sich die physischen Voraussetzungen materieller Wohlstandsmehrung. Sowohl bei der Ver- als auch bei der Entsorgung treten Engpässe auf, durch die beispielsweise Energie, zahlreiche Rohstoffe, weithin aber auch Wasser oder landwirtschaftliche Nutzflächen knapp und teuer werden. Und teurer wird auch die Entsorgung. Mit der weltweit rasch steigenden Zahl von Menschen, die den Völkern des Westens nacheifern, beschleunigt sich diese Entwicklung. Hinzu kommen in vielen Ländern des westlichen Kulturkreises die zahlenmäßige Schrumpfung und starke Alterung der Bevölkerung sowie der steigende Aufwand für Schäden, die durch die Fokussierung auf materielle Wohlstandsmehrung entstanden sind. Zu denken ist an den abnehmenden gesellschaftlichen Zusammenhalt, bestimmte Zivilisationskrankheiten oder zunehmende Wohlstandsverwahrlosung.
Zum anderen schwinden die psychischen Voraussetzungen für dynamisches Wirtschaftswachstum. Zahlenmäßig schrumpfende und stark alternde Bevölkerungen scheuen sich vor größeren Veränderungen. Sie ziehen Sicherheit bei bescheidenem Wohlstand einer chancen- zugleich aber risikoreichen Existenz vor. Zugleich erodieren die nicht-ökonomischen Grundlagen wirtschaftlicher Dynamik.«
Die Herausforderung
»Unter diesen ökonomischen, ökologischen, demographischen und mentalen Bedingungen ist unsere vorrangig auf materielle Wohlstandsmehrung abzielende westliche Kultur nicht zukunftsfähig. Sie ist aber auch nicht verallgemeinerungsfähig. Jene voraussichtlich neun Milliarden Menschen, die in wenigen Jahrzehnten die Erde bevölkern werden, werden mit Sicherheit nicht so leben können wie wir heute leben.
Das zwingt die Völker des Westens zu Verhaltensänderungen. Sie müssen ihre Lebensweise den Bedingungen einer sowohl endlichen als auch transparenten Welt anpassen. Das ist für sie nicht einfach. Denn sie sind zutiefst geprägt von Erwerbsarbeit, Besitzstreben und materieller Wohlhabenheit. Noch bedeutsamer ist jedoch, dass sie die Funktionsfähigkeit ihrer Gemeinwesen: Vollbeschäftigung, soziale Sicherheit, gesellschaftlichen Frieden und sogar den Bestand der freiheitlich-demokratischen Ordnung abhängig gemacht haben von Wirtschaftswachstum und materieller Wohlstandsmehrung.
Die notwendigen Verhaltensänderungen setzen einen nachhaltigen Bewusstseinswandel breiter Bevölkerungsschichten voraus. Die Menschen müssen wieder erkennen, dass eine weitgehend auf materielle Wohlstandsmehrung fokussierte Kultur eine arme Kultur ist. Die Elemente jeder Kultur wie Kunst, Politik, Religion, Wirtschaft, Wissenschaft oder bestimmte Sicht- und Verhaltensweisen befinden sich nicht mehr in dynamischer Balance und werden deshalb nur unzulänglich wirksam. Diese Balance muss wieder hergestellt werden. Insbesondere müssen das gesellschaftliche Miteinander, gegenseitige Hilfe, Verantwortung und Zuneigung bei abnehmender Wirtschaftskraft größere Bedeutung erlangen. Insgesamt muss unsere westliche Kultur wieder in ihrem ganzen Reichtum und ihrer großen Tiefe, Vielfalt und Schönheit erstehen. Das aber heißt: sie muss grundlegend erneuert werden. Nur dann wird sie wieder zukunftsfähig.«
Die Aufgabenstellung
»Um hierzu beizutragen wollen wir - politisch unabhängige Männer und Frauen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum und aus unterschiedlichen Berufen und gesellschaftlichen Bereichen - im Denkwerk Zukunft unsere vielfältigen Aktivitäten zur Erneuerung unserer Kultur aufeinander abstimmen, verstärken und dadurch wirkungsvoller werden lassen. Wir wollen die Risiken, vor allem aber die Chancen abnehmender materieller Wohlstandsmehrung aufzeigen und den Reichtum nicht-materieller Wohlstandsformen bewusst machen. Wir wollen zeigen, dass unser Gemeinwesen auch ohne die bisherige Dominanz des Materiellen gedeihen und voll funktionsfähig bleiben kann und größerer nicht-materieller Wohlstand sogar ein lebenswerteres Leben ermöglicht. Scheinbarer Verlust kann sich als Gewinn erweisen. Unser Ziel ist die Erweiterung des derzeit auf Materielles verengten Wohlstandsverständnisses. Wohlstand ist auch Bildung und musische Erziehung, ein vertieftes Verständnis von Natur und Kunst, die breite Entfaltung menschlicher Phantasie und Kreativität, Wissenschaft und Religion. Nur bei einem solchen Wohlstandsverständnis wird das Leben der Menschen auch noch in Generationen reich und lebenswert sein.«
Die Wachstumsbremse macht sich an folgenden gesellschaftlichen Faktoren fest:
- In Deutschland haben 60 Prozent der Grundschulkinder
Haltungsstörungen, 40 Prozent klagen über Rückenschmerzen
(DKHW). - 22 Prozent der 7- bis 17-Jährigen weisen psychische Auffälligkeiten
auf. Bei jedem 10. Kind sind diese stark ausgeprägt (DKHW). - Knapp ein Fünftel der Mädchen zwischen 14 und 24 Jahren ist
untergewichtig. In Deutschland ist Anorexie bei jungen Frauen die
häufigste Todesursache (DKHW). - Jedes 5. Kind und mehr als jeder 2. Erwachsene sind zu dick. Jedes
14. Kind und jeder 5. Erwachsene sind an Adipositas erkrankt (NVS,
DKHW). - Ein Fünftel der 15-Jährigen kann nicht richtig lesen, schreiben und
rechnen (PISA). - Ein Viertel der Schulabgänger ist nach Aussage des ZDH nicht
ausbildungsfähig. - Nach Angaben der DIHK konnten deshalb 2007 trotz
Bewerberüberhangs 15 Prozent der freien Lehrstellen nicht besetzt
werden.
Die Folgekosten des ungebremsten Wachstums
- Bis 2015 werden infolge von Wohlstandskrankheiten in den
Industrie- und Schwellenländern etwa 3 Prozent der globalen
Wirtschaftsleistung verloren gehen (PwC). - In den USA belaufen sich die jährlichen Folgekosten des
Übergewichts auf rund 120 Milliarden US-Dollar (Department
of Health). - In der EU betragen die Folgekosten des Alkohol- und
Tabakkonsums ca. eine Viertel Billionen Euro pro Jahr
(Institute of Alcohol Studies). - 2008 waren in Deutschland knapp 7 Millionen Erwachsene
überschuldet. Die dadurch verursachten Zahlungsausfälle
beliefen sich auf etwa 250 Milliarden Euro (ca. ein Zehntel des
Bruttoinlandsprodukts) (Creditreform). - Insgesamt dient in den westlichen Industrieländern rund ein
Sechstel der Wirtschaftsleistungen ausschließlich dazu,
soziale Schäden zu begleichen bzw. einzudämmen, ohne
dass der Wohlstand hierdurch zunimmt (IWG BONN).





Oliver Bartsch
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