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© Dieter Schütz pixelio.de

Die Zukunft der Verhörtechnik ist deutsch

Wachstum für den Wirtschaftsstandort Deutschland - ist es nicht das, was wir alle in Innersten ersehnen? Längst kann das notwendige Wachstum aber nicht mehr allein mit solchen Waren und Dienstleistungen geschaffen werden, die die Menschen tatsächlich benötigen. Was Not tut sind also neue, weltmarktfähige Produkte, die die wenigen Sektoren mit immer noch steigender Nachfrage bedienen können. Ein solcher Wachstumsmarkt ist zweifellos die Sicherheits- und Verhörtechnologie. Angesichts einer neuen globalen Bedrohungslage kann kein Industrieland es sich länger leisten, hier Schlusslicht zu bleiben ...

1. Teil: Die Belegschaft

»Deutsche Firma Weltmarktführer bei Verhör-Technologien« - diese Schlagzeile hatte eine vernehmliches Rascheln im deutschen Blätterwald erzeugt. Kein Wunder, war man infolge des andauernden Krisengerede unserer Politiker, Deutschland sei bezüglich aller relevanten Wirtschaftsdaten das Schlusslicht Europas, schon gar nicht mehr daran gewöhnt, den Nachrichten etwas ohne Einschränkung Beglückendes zu entnehmen. Dass ein Deutscher Papst geworden ist, mag ja ehrenhaft sein, macht die Geldbeutel der gebeutelten einheimischen Arbeitnehmer und Steuerzahler aber zunächst um kein Gramm schwerer. Dies hier war dagegen wirklich einmal etwas Handfestes, etwas, was die Seele wärmte, ebenso wie es die Renditehoffnung tausender von Aktionäre anheizte und sogar dem von der Dauerkrise sauertöpfisch gewordenen Finanzminister eine kräftige Geldspritze verhieß.

Alfons Dessad, Produktmanager des global agierenden IST-Konzerns, war sich denn auch durchaus bewusst, dass er der Presse als ein Held und Sieger entgegentrat, als später Abkömmling einer ausgestorben geglaubten Spezies: ein Überbringer positiver Wirtschaftsnachrichten. Und er zelebrierte seinen Auftritt vor der Pressekonferenz im Vollbewusstsein seines Triumphes. All die Anfangsschwierigkeiten, der Hürdenlauf durch den Dschungel der deutschen Genehmigungs- und Verbotsbürokratie, die Hasstiraden geifernder Zeitungs-Schmierfinken, die Protestaufmärsche der Weicheier-Fraktion - sie waren vergessen, widerlegt und endgültig zum Schweigen gebracht durch die schlichte Schönheit jener Grafik, die Dessad den versammelten Journalisten-Kollegen nun per Power-Point-Präsentation vorlegte: Eine sauber von links unten nach rechts oben verlaufende Linie, nicht gerade wie das Logo der Deutschen Bank, sondern sanft ansteigend und dann am rechten Rand unvermittelt nach oben schießend. Der Schwellkörper des Firmenerfolgs erigierte sichtlich, durchströmt vom Blut einer beinahe unerschöpflich scheinenden Geld- und Machtzufuhr.

Und auch in Alfons Dessads Gesicht schien sich vor lauter Stolz eine verstärkte Blutzufuhr ergossen zu haben, die seine Schweinchen-Backen unter den schmalen Schlitzen seiner Augen rötlich färbten wie zur Hälfte reife Erdbeeren. Sein anthrazitfarbener Boss-Anzug und sämtliche andere Accessoires seines gewählten Outfits waren überdeutliche Insignien eines Mannes, der es geschafft hatte und wollte, dass alle dies bemerkten. Sein Körperbau war untersetzt genug, um gesettelt zu wirken, aber auch gerade noch schlank genug, um die erforderliche Dynamik auszustrahlen.


© Rainer Sturm pixelio.de

»Wir sind stolz Ihnen mitteilen zu können, dass wir auch im nächsten Jahr zusätzliche Arbeitskräfte in der Größenordnung von 600 Vollzeit- und 200 Teilzeitkräften werden einstellen können«, verkündete Dessad unter dem anerkennenden Raunen der versammelten Fachpresse. »Das sind weitere 5% mehr gegenüber dem Vorjahr. Das bedeutet, IST bietet Arbeit, Brot und soziale Sicherung für Tausende. Sicherheit IST Arbeit. Terrorbekämpfung IST Wachstum - diese Slogans unserer Firma haben sich als mehr als zutreffend erwiesen.«
IST war die Abkürzung für Interrogation and Security Technologies. Die deutsche Firma hatte im jetzt abgeschlossenen Geschäftsjahr sogar den bisherigen Marktführer, den US-amerikanischen Konzern TortureTech vom 1. Platz verdrängt. Marktführerschaft für ein deutsches Unternehmen, einen ganz jungen Senkrechtstarter - wann hatte es das in den vergangenen kargen Jahren jemals gegeben?

Beim Rundgang durch die Produktionshallen stießen meine Journalistenkollegen und ich auf zufriedene Gesichter. Befragungen der Mitarbeiter ergaben ein mehr als positives Bild vom Betriebsklima, den Produktionsbedingungen und den sozialen Absicherungssystemen der Firma. »Ich bin gern IST-Angestellte, weil wir gemeinsam für eine große Vision einstehen«, sagt uns die Sekretärin des Vertriebschefs, Frau Irmingard Döhser mit einem strahlenden Lächeln ihres überschminkten Mundes - »Sicherheit in einer durch eine neuartige Gefahrenlage geschüttelten Welt«. Frau Döhser war von der Betriebsleitung offenbar sorgfältig für ihren kleinen »Auftritt« vorbereitet worden.

Unsere kleine Delegation wanderte weiter. In einer der Werkshallen, die wir besichtigten, wurden Auffangbecken für das Vorzeigestück des IST-Konzerns, das Modell »Honestmaker«, hergestellt. In einer zweiten die windschnittigen Klemmkurbeln, die natürlich nicht mehr - wie in manchen Museeumstücken zu bewundern - von Hand betrieben wurden, sondern an ein elektronisches Intensitäts-Dosierungssystem angeschlossen waren. Auch die Herstellung garantiert reißfester Leder-Befestigungsriemen und - als Accessoirs - individuell in der Höhe verstellbarer Drehstühle mit Anschnall-Vorrichtung konnten wir ausgiebig beobachten.
In einer riesigen Fertigungshalle beobachteten wir die Fließbandfertigung silbrig glänzender Klemmschrauben. Der Betriebsratsvorsitzende von IST, Alois Schäble, war hier zugleich Vorarbeiter und überwacht die Produktion stolz aus seiner durch eine Glaswand geschützten Beobachtungswarte. »Bei uns wird nur absolute Wertarbeit hergestellt«, verkündet der stämmige Mann mit der rötlichen Halbglatze. »Nur Werkzeugmachermeister und ausgebildete Metalltechniker bekommen überhaupt eine Chance, hier angestellt zu werden. Pfuscher haben bei mir keine Chance. Dementsprechend geht die Reklamationsquote bei unseren Produkten auch gegen Null. Alles, was wir herstellen, funktioniert wie geschmiert. Wer IST kauft, IST zufrieden« - zitiert er selbstgefällig einen weiteren Slogan aus der Marketingabteilung.

In Alois Schäbles Gesicht lagen eine kumpelhafte Gradlinigkeit und ein Zunftstolz, wie man sie oft bei westfälischer Metallarbeitern findet. Man würde nicht annehmen, dass unter den Händen dieses Mannes Produkte entstehen, die - nun ja! - diejenigen für die sie bestimmt sind, nicht unbedingt mit Samthandschuhen anfassen. Wie alle Mitarbeiter von IST, die ich bei meinem Betriebsrundgang befragte, wich auch Alois Schäble diesem Thema sorgsam aus. Man hatte den Eindruck, als ob hier Häkeldecken für harmlose ältere Damen hergestellt würden

»Welche Gefühle haben Sie persönlich gegenüber dem Bestimmungszweck der Produkte, die Sie herstellen?«, fragte ich und spürte im selben Moment, dass mein Satz etwas geschraubt klang.
»Warum fragen's das nicht die Zigarrettenhersteller?«, raunzet mich der Vorarbeiter missmutig an. "Die leben vom Lungenkrebs ihrer Kunden. Oder die Waffenindustrie. Und was ist mit den Schlachthöfen? Essen Sie Fleisch, Herr Journalist? Sind Sie schon einmal zu ihrem Metzger gegangen und haben ihm Unmenschlichkeit vorgeworfen?«
»Aber ich habe Ihnen mit keinem Wort Unmenschlichkeit vorgeworfen, lieber Herr Schäble ...«


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