Die Marktführer
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© Dieter Schütz pixelio.de
Die Zukunft der Verhörtechnik ist deutsch
Wachstum für den Wirtschaftsstandort Deutschland - ist es nicht das, was wir alle in Innersten ersehnen? Längst kann das notwendige Wachstum aber nicht mehr allein mit solchen Waren und Dienstleistungen geschaffen werden, die die Menschen tatsächlich benötigen. Was Not tut sind also neue, weltmarktfähige Produkte, die die wenigen Sektoren mit immer noch steigender Nachfrage bedienen können. Ein solcher Wachstumsmarkt ist zweifellos die Sicherheits- und Verhörtechnologie. Angesichts einer neuen globalen Bedrohungslage kann kein Industrieland es sich länger leisten, hier Schlusslicht zu bleiben ...
1. Teil: Die Belegschaft
»Deutsche Firma Weltmarktführer bei Verhör-Technologien«
- diese Schlagzeile hatte eine vernehmliches Rascheln im deutschen Blätterwald
erzeugt. Kein Wunder, war man infolge des andauernden Krisengerede unserer Politiker,
Deutschland sei bezüglich aller relevanten Wirtschaftsdaten das Schlusslicht
Europas, schon gar nicht mehr daran gewöhnt, den Nachrichten etwas ohne
Einschränkung Beglückendes zu entnehmen. Dass ein Deutscher Papst
geworden ist, mag ja ehrenhaft sein, macht die Geldbeutel der gebeutelten einheimischen
Arbeitnehmer und Steuerzahler aber zunächst um kein Gramm schwerer. Dies
hier war dagegen wirklich einmal etwas Handfestes, etwas, was die Seele wärmte,
ebenso wie es die Renditehoffnung tausender von Aktionäre anheizte und
sogar dem von der Dauerkrise sauertöpfisch gewordenen Finanzminister eine
kräftige Geldspritze verhieß.
Alfons Dessad, Produktmanager des global agierenden IST-Konzerns, war sich
denn auch durchaus bewusst, dass er der Presse als ein Held und Sieger entgegentrat,
als später Abkömmling einer ausgestorben geglaubten Spezies: ein Überbringer
positiver Wirtschaftsnachrichten. Und er zelebrierte seinen Auftritt vor der
Pressekonferenz im Vollbewusstsein seines Triumphes. All die Anfangsschwierigkeiten,
der Hürdenlauf durch den Dschungel der deutschen Genehmigungs- und Verbotsbürokratie,
die Hasstiraden geifernder Zeitungs-Schmierfinken, die Protestaufmärsche
der Weicheier-Fraktion - sie waren vergessen, widerlegt und endgültig zum
Schweigen gebracht durch die schlichte Schönheit jener Grafik, die Dessad
den versammelten Journalisten-Kollegen nun per Power-Point-Präsentation
vorlegte: Eine sauber von links unten nach rechts oben verlaufende Linie, nicht
gerade wie das Logo der Deutschen Bank, sondern sanft ansteigend und dann am
rechten Rand unvermittelt nach oben schießend. Der Schwellkörper
des Firmenerfolgs erigierte sichtlich, durchströmt vom Blut einer beinahe
unerschöpflich scheinenden Geld- und Machtzufuhr.
Und auch in Alfons Dessads Gesicht schien sich vor lauter Stolz eine verstärkte Blutzufuhr ergossen zu haben, die seine Schweinchen-Backen unter den schmalen Schlitzen seiner Augen rötlich färbten wie zur Hälfte reife Erdbeeren. Sein anthrazitfarbener Boss-Anzug und sämtliche andere Accessoires seines gewählten Outfits waren überdeutliche Insignien eines Mannes, der es geschafft hatte und wollte, dass alle dies bemerkten. Sein Körperbau war untersetzt genug, um gesettelt zu wirken, aber auch gerade noch schlank genug, um die erforderliche Dynamik auszustrahlen.

© Rainer Sturm pixelio.de
»Wir sind stolz Ihnen mitteilen zu können, dass wir auch im nächsten
Jahr zusätzliche Arbeitskräfte in der Größenordnung von
600 Vollzeit- und 200 Teilzeitkräften werden einstellen können«,
verkündete Dessad unter dem anerkennenden Raunen der versammelten Fachpresse.
»Das sind weitere 5% mehr gegenüber dem Vorjahr. Das bedeutet, IST
bietet Arbeit, Brot und soziale Sicherung für Tausende. Sicherheit IST
Arbeit. Terrorbekämpfung IST Wachstum - diese Slogans unserer Firma haben
sich als mehr als zutreffend erwiesen.«
IST war die Abkürzung für Interrogation and Security Technologies.
Die deutsche Firma hatte im jetzt abgeschlossenen Geschäftsjahr sogar den
bisherigen Marktführer, den US-amerikanischen Konzern TortureTech vom 1.
Platz verdrängt. Marktführerschaft für ein deutsches Unternehmen,
einen ganz jungen Senkrechtstarter - wann hatte es das in den vergangenen kargen
Jahren jemals gegeben?
Beim Rundgang durch die Produktionshallen stießen meine Journalistenkollegen und ich auf zufriedene Gesichter. Befragungen der Mitarbeiter ergaben ein mehr als positives Bild vom Betriebsklima, den Produktionsbedingungen und den sozialen Absicherungssystemen der Firma. »Ich bin gern IST-Angestellte, weil wir gemeinsam für eine große Vision einstehen«, sagt uns die Sekretärin des Vertriebschefs, Frau Irmingard Döhser mit einem strahlenden Lächeln ihres überschminkten Mundes - »Sicherheit in einer durch eine neuartige Gefahrenlage geschüttelten Welt«. Frau Döhser war von der Betriebsleitung offenbar sorgfältig für ihren kleinen »Auftritt« vorbereitet worden.
Unsere kleine Delegation wanderte weiter. In einer der Werkshallen, die wir
besichtigten, wurden Auffangbecken für das Vorzeigestück des IST-Konzerns,
das Modell »Honestmaker«, hergestellt. In einer zweiten die windschnittigen
Klemmkurbeln, die natürlich nicht mehr - wie in manchen Museeumstücken
zu bewundern - von Hand betrieben wurden, sondern an ein elektronisches Intensitäts-Dosierungssystem
angeschlossen waren. Auch die Herstellung garantiert reißfester Leder-Befestigungsriemen
und - als Accessoirs - individuell in der Höhe verstellbarer Drehstühle
mit Anschnall-Vorrichtung konnten wir ausgiebig beobachten.
In einer riesigen Fertigungshalle beobachteten wir die Fließbandfertigung
silbrig glänzender Klemmschrauben. Der Betriebsratsvorsitzende von IST,
Alois Schäble, war hier zugleich Vorarbeiter und überwacht die Produktion
stolz aus seiner durch eine Glaswand geschützten Beobachtungswarte. »Bei
uns wird nur absolute Wertarbeit hergestellt«, verkündet der stämmige
Mann mit der rötlichen Halbglatze. »Nur Werkzeugmachermeister und
ausgebildete Metalltechniker bekommen überhaupt eine Chance, hier angestellt
zu werden. Pfuscher haben bei mir keine Chance. Dementsprechend geht die Reklamationsquote
bei unseren Produkten auch gegen Null. Alles, was wir herstellen, funktioniert
wie geschmiert. Wer IST kauft, IST zufrieden« - zitiert er selbstgefällig
einen weiteren Slogan aus der Marketingabteilung.
In Alois Schäbles Gesicht lagen eine kumpelhafte Gradlinigkeit und ein Zunftstolz, wie man sie oft bei westfälischer Metallarbeitern findet. Man würde nicht annehmen, dass unter den Händen dieses Mannes Produkte entstehen, die - nun ja! - diejenigen für die sie bestimmt sind, nicht unbedingt mit Samthandschuhen anfassen. Wie alle Mitarbeiter von IST, die ich bei meinem Betriebsrundgang befragte, wich auch Alois Schäble diesem Thema sorgsam aus. Man hatte den Eindruck, als ob hier Häkeldecken für harmlose ältere Damen hergestellt würden
»Welche Gefühle haben Sie persönlich gegenüber dem Bestimmungszweck
der Produkte, die Sie herstellen?«, fragte ich und spürte im selben
Moment, dass mein Satz etwas geschraubt klang.
»Warum fragen's das nicht die Zigarrettenhersteller?«, raunzet mich
der Vorarbeiter missmutig an. "Die leben vom Lungenkrebs ihrer Kunden.
Oder die Waffenindustrie. Und was ist mit den Schlachthöfen? Essen Sie
Fleisch, Herr Journalist? Sind Sie schon einmal zu ihrem Metzger gegangen und
haben ihm Unmenschlichkeit vorgeworfen?«
»Aber ich habe Ihnen mit keinem Wort Unmenschlichkeit vorgeworfen, lieber
Herr Schäble ...«
2. Teil: Der Produktmanager
Herr Dessad holte mich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt bei der Caféteria
ab. »Gehen wir gleich in mein Büro«, sagte er mit munterer
Stimme und schob mich mit einer jovialen Geste in den Fahrstuhl. Als wir einstiegen,
kam gerade ein Tierpfleger heraus, der einen Käfig mit etwa sechs oder
sieben Rhesusäffchen vor sich her schob. Die Affen kreischten jämmerlich,
rempelten einander in dem viel zu engen Behältnis an, kletterten hastig
übereinander und untereinander und klammerten sich mit einem verzweifelten
Ausdruck ihrer großen, weit aufgerissenen Augen an die Käfigstangen.
Ein Geruch von Stroh, eingetrocknetem Kot und Todesangst entströmte ihrem
rollenden Gefängnis.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte. Dann stieg ein Anflug von Ekel
und Entsetzen in mir hoch. »Sind das … ich meine, machen Sie mit
diesen Affen Experimente?«
»Wäre es Ihnen lieber, wir machen sie mit Menschen?«, antwortete Herr Dessad mit routiniertem Lächeln. »Tierversuche werden in Deutschland aus den nichtigsten Gründen durchgeführt. Fragen Sie einmal Ihre Frau, mit welchen Methoden die Verträglichkeit ihrer Kosmetika getestet wurde. Der Gesetzgeber geht mit Recht davon aus, dass sich niedere Spezies den Interessen der Menschen unterzuordnen haben. Und in unserer Branche geht es, wie Sie wissen, um weit mehr als um ein schickes Aussehen. Es geht …« – und Dessad gab diesem Wort durch Betonung ein einzigartiges Gewicht – »um Terrorismusprävention«.
Ich verstummte. Als ich den Vorführraum betrat, war mir ein wenig schummrig
zumute. Gesichtslose Dummie-Puppen schienen mich, obwohl sie keine Augen hatten,
aus dem Halbdunkel des kleinen, schmucklosen Raumes anzustarren. In der Mitte
des Zimmers stand das Renommierstück des IST-Konzerns: das Honestmaker-Daumenschrauben-Set
mit elektronischem Intensitäts-Regler und fluchtsicherer Anschnall-Vorrichtung
nebst Beistellstuhl für den Folterer oder – wie Herr Dessad es ausdrückte
– Interrogations-Techniker.
»Und jetzt bitte Ihren rechten Daumen in die Pressschlaufe legen!«
»Sie sehen, dass unsere Produktdesigner ganze Arbeit geleistet haben«, begann der Produktmanager mit einem selbstzufriedenen Lächeln. »Alle Metallteile sind nach einem zeitgemäßen, ansprechenden Design aus rostfreiem verchromtem Edelstahl gefertigt. Möchten Sie nicht Platz nehmen?«, fragte er dann beiläufig und wies auf den Befragtenstuhl. »Na, worauf warten Sie?«, beharrte er, als er mein Zögern spürte. »Und jetzt bitte Ihren rechten Daumen in die Pressschlaufe legen!«
In meinem Gesicht musste ein fassungsloses Entsetzen gestanden haben, das auf
Herrn Dessad eine ungemein erheiternde Wirkung hatte, denn auf einmal lachte
der sonst etwas steife Mann laut auf, er prustete über sein ganzes parfümiertes
Schweinchengesicht und stieß unter Gekicher und Gluckslauten hervor: »Bitte
verzeihen Sie, kleiner Scherz von mir. Es gibt doch immer wieder Besucher, die
auf das Spiel herein fallen. Nein, jetzt aber im Ernst. Ich zeige Ihnen einmal
an einem ungefährlichen Beispiel, wie es funktioniert.«
Ich hatte mich von dem Befragtenstuhl erhoben, und Herr Dessad drückte
ein paar Knöpfe an der Wand, der offenbar einen Materialfahrstuhl in Gang
setzten. Zu meiner Überraschung entnahm er der Klappe nach nur kurzer Wartezeit
ein dampfendes Wienerwürstchen. Triumphierend hielt er das riechende, aus
den gespannten Häuten schwitzende Würstchen in die Höhe und legte
es mit einer sorgsamen Bewegung in die Pressschlaufe. Mit einem Surren näherte
sich der metallene Pressbügel der Wursthaut, bis er sie berührte.
»Wäre dies ein menschlicher Daumen«, dozierte Dessad nun wieder mit völlig ernster Miene, »so würden Sensoren die bioelektrischen Hautwiderstände an verschiedenen Körperstellen messen. Der emotionale Erregungszustand des Befragten sowie seine Belastbarkeitsspanne würden so vollautomatisch errechnet und an den Intensitätsregler im Komprimator gekoppelt. Einfacher ausgedrückt: Unser System sorgt dafür, dass auf den Daumen des Befragten weder zu viel noch zu wenig Druck ausgeübt wird. Ist der Kompressionskoeffizient zu gering, könnte der Interrogationstechniker sein Befragungsergebnis verfehlen, ist der ausgeübte Druck dagegen zu hoch, könnte es passieren – na ja, es sollen sich schon Delinquenten der Befragung via Herzinfarkt vorzeitig entzogen haben. Das ist natürlich nicht Zweck der Übung, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Herr Dessad lächelte Einverständnis heischend zu mir herüber.
»Für die Vorführung erhöhe ich den Kompressionskoeffizienten
jetzt einmal manuell.« Dessads Hand lag jetzt auf einem graduell verstellbaren
Regler, der auf einer Ziffernreihe hin und her geschoben werden konnte. Seine
Finger wanderten fast unmerklich nach rechts, und man konnte erkennen, dass
sich die Wursthaut durch den Druck des Pressbügels merklich spannte. Die
beiden Enden des Würstchens schwollen an, als wolle die Fleischmasse vor
der kalten Übermacht des Metalls nach den Seiten ausweichen.
»Jetzt kommt’s gleich …«, kündigte Dessad in verschwörerischem Flüsterton an und bewegte seine Hand auf dem Regler noch einmal minimal nach rechts. Da platzte die Wursthaut auf, Fleischsaft quoll heraus und rann zusammen mit kleinen, fettigen Wurstpartikeln eine Metallrinne hinunter, die unterhalb der Pressschlaufe zu einem Auffangbecken führte. Herr Dessad stieß dabei einen kurzen, kiecksenden Triumphlaut aus, seine Augen leuchteten giftig auf, und seine kurzfingrigen, fetten Hände rieben sich triumphierend aneinander.
Dann drückte er auf seinem Steuerungsboard einen Knopf. Auf einmal ertönten aus einem Lautsprecher markerschütternde Schreie. »Nein, bitte … bitte! Tun sie’s nicht!« rief die Stimme. Der Schreiende schien sich unter entsetzlichen Schmerzen zu winden. Er schrie sich die Seele aus dem Leib. Man musste mir mein Entsetzen am Gesicht angesehen haben. Herr Dessad beobachtete mich scheinbar genüsslich aus dem Augenwinkel, wobei er seine Brauen über den kleinen, schlitzartigen Augen ironisch hob. »Sie brauchen keine Angst zu haben. Kein Mensch ist bei den Tonaufnahmen zu diesem kleinen Meisterwerk zu Schaden gekommen. Wir konnten einen arbeitslosen, aber sehr begabten Schauspieler dafür gewinnen. Täuschend echt, nicht? Ich habe Ihnen das eigentlich nur vorgespielt, um Ihnen ein weiteres faszinierendes technisches Detail vorzuführen.«
Es gibt Bestrebungen, das Foltermonopol des Staates mittelfristig aufzuweichen
Das Schallisolierungsprogramm CryStop 666 garantiert Ihnen einen absolut geräuschfreien Interrogationsvorgang.
Dessad drückte jetzt einen weiteren Knopf auf seinen Armaturen, und mit
einem leisen Surren schob sich eine durchsichtige Glaswand zwischen uns und
den Lautsprecher, aus dem noch immer ein Schreien drang, das nach und nach in
herzzerreißendes Schluchzen überging. »Hören Sie etwas?«,
fragte Dessad, als sich die Glaswand ganz geschlossen hatte.
»Nichts, keinen Laut«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Sehen Sie«, triumphierte Dessad, »genau dasselbe würden
Passanten hören, wenn Sie den Interrogationsvorgang, sagen wir, in ihrem
heimischen Hobbykeller durchführen würden: Nichts! Das Schallisolierungsprogramm
CryStop 666 garantiert Ihnen einen absolut geräuschfreien Interrogationsvorgang.
»Aber warum sollte ich denn in meinem Keller jemanden foltern? Das wäre
gegen das Gesetz, das wissen Sie, Herr Dessad.«
»Nun, unsere Entwicklungsabteilung denkt zukunftsorientiert. Es gibt Bestrebungen,
das Foltermonopol des Staates mittelfristig aufzuweichen. Wir bereiten uns vorsorglich
bereits auf die Zeit danach vor. Nur wer mit dem Innovationstempo auf dem Weltmarkt
Schritt hält, kann den Folterstandort Deutschland dauerhaft sichern.«
»Ich kann kaum glauben, was Sie mir da erzählen«, sagte ich,
nun ernstlich beunruhigt. »Sie meinen, dass jeder Privatmann …!?«
»Es gibt schon Absprachen mit der Großhandelskette MegaMarket,
dass das Honestmaker Hometortureset vom Konsumenten künftig in jeder Filiale
quasi aus dem Regal gekauft werden kann. Die Liefervereinbarungen sind bereits
unter Dach und Fach. Wir warten nur noch auf die Flexibilisierung der entsprechenden
gesetzlichen Rahmenbedingungen, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit. Der
Druck der aktuellen Ereignisse und wirtschaftliche Erwägungen werden die
Partei der notorischen Bremser über kurz oder lang dazu zwingen, ihre realitätsferne
Politik zu revidieren. Bedenken Sie bitte: all die zusätzlichen Arbeitsplätze
infolge einer explosionsartigen Steigerung der Nachfrage auf dem privaten Sektor!«
»Aber selbst wenn der Honestmaker frei verkäuflich wäre, Körperverletzung
ist noch immer verboten«, wandte ich ein.
»Nun genau genommen ist das nicht unsere Angelegenheit«, sagte Dessad.
»Wir stellen die entsprechenden Gerätschaften zur Verfügung,
über die Bedingungen ihrer legalen Benutzung müssen andere entscheiden.
Ebenso wie Waffenscheine werden die Behörden vielleicht künftig Folterlizenzen
vergeben, die eine seriös zertifizierte Folterprüfung zur Voraussetzung
haben.«
Der Zweck unserer modernen Verhörtechnologie besteht einzig und allein darin, dass sie nie zum Einsatz kommt.
»Aber wie wollen Sie Missbrauch
vermeiden? Wenn jeder Dahergelaufene an diese Geräte herankommt …«
»Aber ich bitte Sie, mein Lieber, seien Sie doch nicht naiv! Missbrauch
kann man nie vollkommen vermeiden. Sie können einen Menschen schon mit
einem Taschenmesser erstechen. Wollen Sie dafür etwa den Taschenmesser-Hersteller
verantwortlich machen?«
»Das ist doch eine Ausrede! Taschenmesser werden nicht ausschließlich
zu dem Zweck hergestellt, Menschen zu verletzen; bei Ihren Daumenschrauben ist
das anders.« Ich merkte, dass ich meine aufkeimende Wut in Zaum halten
musste. Ron, mein Chefredakteur hatte mich schließlich nicht mit dieser
Vor-Ort-Reportage in der IST-Zentrale beauftragt, damit ich deren führenden
Produktmanager beleidige. »Aufgabe des Journalisten ist es, die Welt zu
beschreiben, nicht sie zu verändern«, pflegte er immer zu sagen.
Zum Glück blieb Dessad trotz meiner ausfälligen Bemerkung souverän.
»Sie missverstehen da einiges«, sagte er beschwichtigend wie man
mit einem Kind redet. »Deshalb will ich hier noch einmal etwas Grundsätzliches
klären: Der Zweck unserer modernen Verhörtechnologie besteht einzig
und allein darin, dass sie nie zum Einsatz kommt.«
Nun war ich so sprachlos vor Erstaunen, dass selbst meiner flinken Journalistenzunge
die Worte fehlten.
»’Wer den Frieden will, der rüste sich zum Kriege’, sagen
die guten alten Römer«, fuhr Dessad fort. »Wer nicht will,
dass Kinder entführt und Unschuldige in die Luft gesprengt werden, der
muss das Niveau der Abschreckung anheben. Der muss ständige Folterbereitschaft
signalisieren, obwohl er natürlich tief im Inneren seines Herzens hofft,
dass das, womit er droht, nie wirklich zur Anwendung kommt. Ja glauben Sie,
dass ich das hier zu meinem Vergnügen mache? Glauben Sie denn, ich wäre
ein Unmensch?« Bei diesen Worten bekam Dessads Stimme einen weinerlichen
Unterton, und er schniefte etwas Luft durch seine kleine Nase ein, so als ob
er für einen Moment über sich selbst gerührt wäre.
»Ich betrachte unsere Firma als einen Vorkämpfer für die Humanität«,
fuhr er fort. »So wie ich das Militär schon immer für die eigentliche
Friedensbewegung gehalten habe.«
»Aber ist das nicht irgendwie etwas absurd?«, wagte ich einzuwenden.
»Ich meine, dass man diese grausamen Werkzeuge herstellt, nur um …«
»Ich will Ihnen dazu etwas sagen«, unterbrach mich Dessad. »Nehmen
wir an, Sie hätten Recht und Daumenschrauben wären ein überflüssiges,
grausames Werkzeug. Nehmen wir weiter an, ich folgte Ihrer Argumentation und
würde von heute auf morgen unseren Betrieb stilllegen. Was glauben Sie,
was passieren würde?«
Ich erwartete achselzuckend seine Antwort.
Im Zeitalter der zunehmenden Automatisierung, kann das für eine florierende Wirtschaft notwendige Wachstum schon längst nicht mehr nur mit solchen Produkten erzielt werden, die für die Bedürfnisse der Menschen tatsächlich notwendig sind.
»Unsere Konkurrenz, TortureTech oder eine der aufstrebenden chinesischen
Firmen würden einspringen, es gäbe nicht eine grausame Daumenschraube
weniger auf der Welt, aber unsere deutschen Arbeitnehmer wären ohne Lohn
und Brot, ihre Familien ins soziale Abseits gedrängt, die leeren Staatskassen
durch Zahlung von Arbeitslosengeld hoffnungslos überlastet – ist
es das, was sie wollen?« Dessad wartete mein verlegenes Schweigen eine
Weile ab und fuhr dann fort: »Wenn wir uns weigern, die Realität
zur Kenntnis zu nehmen, werden sich unsere Konkurrenzländer die Hände
reiben und mit Kusshand die von uns fahrlässig aufgegebenen Marktsegmente
übernehmen. Und ich sage Ihnen noch etwas, so ganz unter uns …«.
Dessad beugte sich, obwohl niemand sonst in der Nähe war, ganz nah zu mir
herunter, so dass ich seinen nach Würstchen riechenden Atem spüren
konnte. »Im Zeitalter der zunehmenden Automatisierung, kann das für
eine florierende Wirtschaft notwendige Wachstum schon längst nicht mehr
nur mit solchen Produkten erzielt werden, die für die Bedürfnisse
der Menschen tatsächlich notwendig sind. Denken Sie sich von den derzeit
im Umlauf befindlichen Waren und Dienstleistungen das Überflüssige,
Absurde und Schädliche weg, was bleibt übrig? Nicht halb so viel wie
nötig wäre, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten. Das Brot,
das jemand isst, der Stuhl, auf dem er sitzt, das Dach über seinem Kopf,
ein gutes Buch oder ein Freund, dem er vertraut – diese Dinge sind wirklich
notwendig. Für alle anderen Dinge – und sie machen den größeren
Teil unserer Wirtschaftsleistung aus – muss der Bedarf von den Verantwortlichen
erst geschaffen werden.«
Es fiel mir schwer, Herrn Dessads Argumentation so schnell zu folgen. Ein Bedarf, der erst geschaffen werden muss – was bedeutete dies für den speziellen Fall von Daumenschrauben und schallisolierten Folterzellen? Um einen Bedarf an Verhörtechnologie zu schaffen, musste es eine wachsende Zahl von Vorfällen geben, die die Anwendung einer solchen Technologie unabweisbar nahe legten. Aber ein harmloser Industriebetrieb wie IST konnte doch nicht … Für einen Augenblick schoss mir ein wahrhaft grauenerregender Gedanke durch den Kopf. Ich verdrängte ihn sogleich wieder, weil er nicht nur aufs äußerste beleidigend, diffamierend war, sondern mich auch vor den Augen aller vernünftig Denkenden für immer disqualifiziert hätte.
Ein hagerer Mann mit einem kantigen Gesicht, zum Halbkreis um seine kahl werdenden
Schädel drapiertem strohblondem Haar und auffällig tief liegenden,
bohrenden Augen betrat ohne anzuklopfen, den Vorführraum. Dessad eilte
zu ihm und tauschte ein paar flüsternde Sätze mit ihm aus. »Ich
hatte Sie doch gebeten, nicht während der Pressevorführung …«,
war das Einzige, was ich verstand. Dann verließ der Mann wortlos den Raum,
nicht ohne mich noch einmal durchdringend anzuschauen. »Wenn Sie mich
jetzt bitte entschuldigen wollen«, wandte sich Dessad mit routinierter
Höflichkeit an mich. »Ich habe heute noch ein paar Termine. Ich denke,
Sie haben genügend Material für Ihren Artikel.« Und ohne meine
Erwiderung abzuwarten: »Kommen Sie, ich begleite Sie noch zum Aufzug.
3. Teil: Die Journalisten
Aber wenn wir als Journalisten gegen alles, was menschenunwürdig ist, anschreiben würden, wären wir nicht nur binnen kürzester Zeit energetisch ausgebrannt, es würde auch nicht lange dauern und wir wären unseren Job los.
»Das kannst du vergessen«, sagte Ron, mein Chefredakteur am nächsten
Morgen in dem Tonfall, der erfahrungsgemäß keinen Widerspruch duldete.
»Eine Anti-Folter-Kampagne kommt bei der gegenwärtigen politischen
Gesamtwetterlage nicht in die Tüte. Nicht dass ich dir nicht grundsätzlich
recht geben würde, mein Lieber. Folter ist widerwärtig, entsetzlich.
Aber wenn wir als Journalisten gegen alles, was menschenunwürdig ist, anschreiben
würden, wären wir nicht nur binnen kürzester Zeit energetisch
ausgebrannt, es würde auch nicht lange dauern und wir wären unseren
Job los. Sei klug, mein Lieber. Solange du auf deinem Redakteursposten hockst,
kannst du wenigstens von Zeit von Zeit noch auf Missstände hinweisen. Wenn
sie dich schassen, weil du die simpelsten Regeln des Opportunen in diesem Business
einfach ignorierst, kann auch ich dich nicht mehr länger schützen.
Du weißt, ich schätze dich, Aber auch die Freundschaft hat irgendwann
ihre Grenzen.«
»Aber ...«, setzte ich schon ziemlich kleinlaut zum Reden an.
»Schau dir doch die anderen Nachrichten des Tages mal an«, fuhr
mein Chefredakteur ungerührt fort. ‚Bombendrohung in Frankfurter
Bankenviertel'. Das Hauptquartier der TrustCommerce-Bank musste geräumt
und von der Polizei nach Sprengsätzen durchsucht werden. Der Hauptverdächtige,
Afghane aus dem Umfeld Osama bin Ladens, schweigt über weitere Bombenverstecke.'
Und dann das: ‚Die kleine Emilia (7) ist tot. Ihre Entführer haben
sie wie ein Stück Abfall in einem Sack auf einem Waldgrundstück nahe
Starnberg zurückgelassen. Am ganzen Körper waren Spuren eines entsetzlichen
Todeskampfes zu sehen. Die verzweifelten Eltern klagen an: mit neuen Verhörtechnologien
hätte unsere Emilia vielleicht gerettet werden können.' Du siehst
also, woher der Wind weht. Ich möchte nicht dasselbe erleben wie mein Kollege
von der Norddeutschen Zeitung. Der hat sich trotz gut gemeinter Ratschläge
für die radikalen Foltergegner stark gemacht. Und was hat es ihm gebracht?
Haufenweise Drohanrufe. Demos vor dem Verlagsgebäude. ‚Terroristenfreunde
raus!' stand auf den Plakaten. Und ‚geschändete Kinder klagen dich
an!'«
»Aber wer sich gegen Folter ausspricht, ist doch deswegen nicht für
Terroristen und Kindesentführer. Es geht hier um die grundsätzlichsten
ethischen Werte unserer Kultur. Vor der Verfassungsreform war Folter strikt
verboten. Und die meisten Bürger fanden das ganz in Ordnung so.«
»Ja, bevor dieser Polizist aus Wuppertal von der Presse zum Volkshelden
hochgejubelt wurde«, sagte Ron missmutig. Ich konnte mich noch gut an
den Fall erinnern. Ein Polizeibeamter hatte den Aufenthaltsort eines entführten
Mädchens durch Folter aus einem Verdächtigen herausgepresst. Widerrechtlich.
Damals jedenfalls noch. Nach einem Schauprozess, begleitet von den aufgepeitschten
Emotionen von Presse und Öffentlichkeit, wurde er zu einer höchst
milden Strafe auf Bewährung verurteilt. Ein Triumph mit weit reichender
Signalwirkung. Nachdem eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im
Bundestag die gesetzlichen Grundlagen geschaffen hatte, schien es angesichts
der sich verschärfenden globalen Bedrohungslage kein Zurück mehr zu
geben. Guantanamo Bay und die Foltervorfälle im Irak hatten in den Köpfen
der Menschen verankert, dass ein demokratischer Rechtsstaat und die Anwendung
von Techniken verschärften Zwangs eben doch unter gewissen Umständen
miteinander vereinbar sein könnten.
Niemand mehr, vom unbelehrbaren Fundi-Flügel der mitregierenden IPD einmal abgesehen, wagte es ernsthaft die Liberalisierung der Foltergesetzgebung in Frage zu stellen.
Nicht zuletzt war die Verhörtechnik-Branche zu einem nicht zu unterschätzenden
Wirtschaftsfaktor in Zeiten der Flaute geworden. Die Börsenkurse international
agierender Verhörtechnik-Firmen wie des US-amerikanischen Konzerns TortureTech
schossen in die Höhe. Der Gründung der ersten deutschen Herstellerfirma
von Folterwerkzeugen waren noch eine Reihe bürokratischer Hindernisse im
Weg gestanden, die jedoch mit ein bisschen gutem Willen aller Beteiligten aus
dem Weg geräumt werden konnten. »Die Konkurrenzfähigkeit des
Wirtschaftsstandorts Deutschland erfordert ein mutiges Voranschreiten auf dem
einmal eingeschlagenen Weg der Justizreform", hatte der Informationsminister
damals in der Pressekonferenz verkündet. "Die Bundesregierung unterstützt
eine zügige Abwicklung der Genehmigungsverfahren zu Errichtung des ersten
Verhörtechnik-Unternehmens auf deutschem Boden seit 60 Jahren.« Der
wirtschaftliche Erfolg des IST-Konzern hatte dem Politiker auf grandiose Weise
Recht gegeben. Niemand mehr, vom unbelehrbaren Fundi-Flügel der mitregierenden
IPD einmal abgesehen, wagte es ernsthaft die Liberalisierung der Foltergesetzgebung
in Frage zu stellen.
»Und wenn ich mich mit einem offenen Brief direkt an den Kreistagsabgeordneten
der IPD wende, vielleicht würde ihn mein Erfahrungsbericht aus der Daumenschrauben-Werkshalle
umstimmen!?«, beharrte ich.
Totschlagargument Arbeitsplätze
»Die Politiker können Sie vergessen«, erwiderte mein Chefredakteur genervt. »Arbeitsplätze. Mit dem Totschlagargument Arbeitsplätze kann man heute alles rechtfertigen und jede Kritik niederbügeln. Nehmen wir an, bestimmte Anti-Folter-Aktivisten würden die Schließung der Münchner IST-Produktionsstätte fordern, und der zuständige Politiker würde dem zustimmen. 6000 Arbeitsplätze mit einem Schlag vernichtet. 6000 Familien ins soziale Abseits gedrängt. Dem würden die Lobbyisten dermaßen die Daumenschrauben anziehen, dass er seines Lebens nicht mehr froh würde.« Mein Chefredakteur grinste zufrieden über den gelungenen Scherz, der ihm bezüglich der Daumenschrauben gelungen war. "Hast du übrigens gestern die Johannsen-Sendung zu diesem Thema gesehen?«
»Nein«, musste ich gestehen. In der Sonntagsrunde bei der renommierten Journalistin Christine Johannsen diskutierten Spitzenpolitiker aller Parteien jede Woche über ein aktuelles kontroverses Thema. »Warte, ich habe, glaube ich, noch eine Video-Aufzeichnung der Sendung. Ich geb sie dir mit. Schau sie dir unbedingt heute Abend an, dann wirst du sehen, woher der Wind heutzutage weht." Mit diesen Worten ließ mich mein Chefredakteur ohne einen Abschiedsgruß stehen.
»Mann bist du naiv«, machte mich mein Kollege Sven von der Seite
an. »Du glaubst wohl immer noch, dass ein Journalist dafür da ist,
einen Skandal aufzudecken, nur weil es seiner Überzeugung entspricht. Hast
du dir schon mal die Liste unserer Anzeigenkunden angeschaut?«
»Nein.«
»Dann lies mal, und sieh genau hin!«
Ich ließ meine Augen über den Ausdruck fliegen, den mir Sven hinhielt.
Bis ich bei einem Namen stehen blieb, einem nur allzu vertrauten Namen: IST
Verhörtechnologien. Das Anzeigenbudget, das der Konzern in diesem Jahr
für unsere Zeitung aufzuwenden gedachte, belief sich auf über 5 Millionen
Euro.
»Ich verstehe«, sagte ich resigniert.
4. Teil: Die Politiker
Die Kommentatoren der großen Fernsehnachrichtensendungen unterschieden
bezüglich der Folter-Diskussion generell zwischen zwei Parteien: den Modernisierern
oder Reformern einerseits und den Traditionalisten oder Bremsern andererseits.
Vereinfacht gesagt sprach sich die erste Gruppe für die Anwendung von Folter
im Zusammenhang mit der Terrorbekämpfung und -Prävention aus. Außerdem
zur Verhinderung einer Reihe besonders verabscheuungswürdiger Verbrechen
wie Kindesmissbrauch und Mord im Zusammenhang mit Entführungen. Die zweite
Gruppe forderte aus grundsätzlichen ethischen Erwägungen Einschränkungen
beim Gebrauch der Folter. Die Selbstschutzvereinigung der Filmindustrie (SVF)
hatte durch massiven Einsatz ihrer Lobbyisten im vergangenen September durchgesetzt,
dass auch Videopiraterie in die Liste derjenigen Delikte aufgenommen wurde,
die den Einsatz von Folter unter bestimmten genau definierten Bedingungen rechtfertigte.
Weigerte sich ein des illegalen Downloads Überführter zum Beispiel
beharrlich, die Namen seiner Komplizen preiszugeben, konnte es durchaus passieren,
dass er Bekanntschaft mit dem vom IST-Konzern zur Verfügung gestellten
Honestmaker machte. Genüsslich hatte die SVF in ihrem vor jedem Kinoprogramm
abgespielten Werbefilm gegen Raubkopierer auf diese neuartige Gesetzeslage hingewiesen.
So z.B. in jenem berüchtigten Kurzfilm, in dem Schreie aus einem im Thriller-Stil
gefilmten Folterkeller drangen, garniert mit dem Hinweis: »Videopiraterie
ist kein Kavaliersdelikt.«
Letzten Dienstag waren bei Christine Johannsen nur zwei Gäste, beides erprobte Kampfhähne, zum Rededuell zum Thema Verhörtechnologie angetreten. Der WDP-Vorsitzende Hartmut Schrüfer für die Reformer und Ottmar Baudelaire, Sprecher der Bremser, die innerhalb der linksgerichteten Idealistischen Partei Deutschlands (IPD) eine Minderheit bildeten.
»Eine Reform der Folter-Gesetzgebung ist notwendig, darüber sind
sich alle im Bundestag vertretenen Parteien einig«, begann Christine Johannsen
ihre Anmoderation. »Nur über die Geschwindigkeit, mit der die Reform
vorangetrieben werden muss und über die Liste der Tatbestände, die
als Foltergründe gelten dürfen, herrscht unter den Parteien Uneinigkeit."
Frau Johannsens wohlgeformte, in Netzstrümpfe verpackte Beine harmonierten
heute außergewöhnlich gut mit ihrem lindgrünen Kostüm und
dem halblangen bordeauxroten Haar. Über schmalen, blassrosa lackierten
Lippen blickten ihre leeren Augen angestrengt forschend in die Runde. »Sie,
Herr Schrüfer, befürworten eine Politik aus einem Guss. Ihre Partei
fordert eine schnelle Liberalisierung der Foltergesetzgebung sowie eine Aufweichung
des staatlichen Foltermonopols. Warum?«
Bei Kindesentführungen könnte eine hauseigene Folterzelle schon Wunder wirken ...
»Frau Johannsen«, sagte Schrüfer mit dem allen Fernseherzuschauern
wohlbekannten rauen, etwas gepressten Tonfall. Durch seinen schweren, behäbigen
Körper ging ein Ruck. "Lassen Sie mich zunächst dies eine sagen:
Nur mutige Reformen können Wachstum schaffen und Deutschland weiter voranbringen.«
»Ja, ja, Herr Schrüfer, das bezweifelt ja kein ernstzunehmender Mensch,
aber Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet«, warf Christine Johannsen
ein und beugte sich dabei mit dem Oberkörper weit vor.
»Frau Johannsen, Sie müssen mir schon die Gelegenheit geben, die
grundlegenden Positionen meiner Partei zu darzulegen. Nun zu Ihrer Frage: Ich
möchte unsere Zuschauerinnen und Zuschauer bitten, sich einmal vorzustellen,
dass ihr Kind in die Gewalt eines Entführers geriete. Der Entführer
lacht Ihnen frech ins Gesicht und weigert sich, den Aufenthaltsort des Kindes
zu verraten. Was wollen Sie tun? Die Polizei anrufen und warten, bis sie da
ist? Bis dahin ist der Verbrecher mit Ihrem Kind längst auf und davon.
In solchen Fällen könnte eine hauseigene Folterzelle schon Wunder
wirken ...«
»Aber Herr Schrüfer, ich bitte Sie«, schaltete sich Ottmar
Baudelaire nun erbost ein. »Dieses Szenario ist doch wohl sehr weit hergeholt
..." Baudelaire, kleiner und agiler von Statur als Schrüfer, strahlte
mit jeder seiner ruckartigen Bewegung ungeduldige Hektik aus. Seine Worte, mit
hohen schneidender Stimme gesprochen, waren wie energetische Pfeile, die er
in Richtung seines Gegners abschoss.
»Herr Baudelaire, ich möchte Sie doch bitten, mich ausreden zu lassen
...«
»Aber Herr Schrüfer ...«
»Nein Herr Baudelaire, jetzt bin ich an der Reihe. Ich lasse Sie auch
ausreden, wenn Sie dran sind.«
Baudelaire lehnte sich resigniert auf seinem Sessel zurück.
»Ich muss Ihnen sagen«, fuhr Schrüfer fort, »die Bremser
aus Ihrem politischen Lager machen sich mitverantwortlich - und ich sage das
hier in aller Deutlichkeit - mitverantwortlich, nicht nur für einen unkontrolliert
sich ausbreitenden Terrorismus, sondern auch für die Erosion der Arbeitsplatzsicherheit
in unserem Lande. Fakt ist doch: Deutschland war lange Zeit Schlusslicht auf
dem Foltersektor, nun sind wir endlich dabei aufzuholen, und nun kommen Sie
und Ihre Parteigenossen ...«
»Herr Schrüfer, niemand bestreitet die Notwendigkeit von Folter und
bestimmten, genau definierten Umständen ...«, beeilte sich Baudelaire
zu sagen.
»Nun, es ist lobenswert, dass sogar die IPD langsam beginnt, sich mit
der Realität anzufreunden." Zufrieden über diesen rhetorischen
Einfall ließ sich Schrüfer schwer in seinen Sessel zurückfallen
und genoss den anhaltenden Applaus aus dem Publikum. Dann holte er genüsslich
zu seinem nächsten Schlag aus: "Die genau definierten Umstände,
die Sie erwähnen, sind doch unter den Händen Ihrer Partei inzwischen
zu einer Zwangsjacke geworden, mit der alle ernsthaft Folterwilligen stanguliert
werden sollen ..."
»Herr Schrüfer, ich muss Sie doch sehr bitten! Die Art und Weise,
wie Sie hier mit Unterstellungen arbeiten, kann ich nur noch als Skandal ...«
»Nein, Herr Baudelaire, jetzt lassen Sie mich einmal ausreden! Wenn es
nach Ihnen und den Bremsern in Ihrer Partei ginge, würde in unserem Land
bald überhaupt nicht mehr gefoltert werden, und das ist der eigentliche
Skandal!«
Tosender Applaus aus dem Publikum. Frau Johannsen sah sich offenbar veranlasst,
Herrn Baudelaire ein wenig zur Seite zu stehen, der wegen Hartmut Schrüfers
fulminantem rhetorischem Sieg ein wenig geknickt und stumm auf seinem Sessel
kauerte. "Wenn ich Sie richtig verstanden habe, Herr Baudelaire«,
wandte sich die Moderatorin betulich an den IDP-Politiker, »sind Sie gar
kein grundsätzlicher Gegner der Folter.«
»Selbstverständlich nicht, Frau Johannsen. Ich bin Ihnen sehr dankbar,
dass Sie mir die Gelegenheit zu dieser Klarstellung geben. Meine Partei hat
lediglich darauf hingewiesen ...«
»Dann darf ich also konstatieren«, fuhr ihm Christine Johannsen
ins Wort, »dass ein lagerübergreifender Konsens besteht hinsichtlich
der Notwendigkeit verschärfter Verhörmethoden im Zusammenhang mit
schwereren Delikten wie Terrorismus, Entführung und Video-Piraterie. Auf
der Basis dieses gemeinsamen Nenners könnte es doch auch unter Einbeziehung
der IPD-Mehrheit im Bundesrat zu einer Einigung kommen, die dem Reformstau auf
dem Gebiet der Foltergesetzgebung endlich ein Ende bereitet. Ist es nicht so,
Herr Baudeaire?«
Wer seine Unschuld nicht beweisen kann, wird im Zweifelsfall gefoltert.
»Man muss da doch differenzieren, Frau Johannsen«, wandte Ottmar Baudelaire mit der ihm eigenen hektischen Diktion ein. »Während die Wachstumspartei von Herrn Schrüfer auch die Anwendung von Verhörtechnologie durch Privatpersonen schon bei begründetem Verdacht auf eine zukünftig möglicherweise zu begehende Straftat erlauben würde, legt meine Partei Wert darauf, dass erst der unzweifelhaft nachweisliche Vollzug besagter Straftat den Einsatz verschärften Zwangs rechtfertigt.« Baudelaires Mund bewegte sich schnell, während seine Augen vollkommen starr blieben. Offenbar verunsichert durch die Tatsache, dass er nicht unterbrochen worden war, steuerte er auf seinen entscheidenden Satz zu. »Herr Schrüfer und seine Mitstreiter agieren offenbar nach dem Motto ‚'Wer seine Unschuld nicht beweisen kann, wird im Zweifelsfall gefoltert'«
»Das ist eine unglaubliche Unterstellung!«, rief Schrüfer
mit hochrotem Kopf.
»Ich hatte lediglich angemerkt ...«
»Nein, Herr Baudelaire, dass müssen Sie sich jetzt schon von mir
sagen lassen. Wer so wie Sie mit haltlosen Verleumdungen arbeiten, disqualifiziert
sich nachhaltig für den zivilisierten demokratischen Diskurs.«
»Also ich muss Sie doch bitten, Herr Baudelaire, hier nicht polemisch
zu werden ...«, sprang Frau Johannsen dem WDP-Politiker bei.
»Herr Schrüfer, lassen Sie mich das eine noch sagen«, beeilte
sich Baudelaire einzuwenden. »Ich räume durchaus ein, dass mein Einwurf
eben suboptimal war, was aber das Grundsätzliche betrifft ...«
»Nein, Herr Baudelaire, ich muss Ihnen sagen, dass unter diesen Umständen
eine Zusammenarbeit mit Ihrer Partei...«
»Herr Schrüfer, Sie können versichert sein, auch meiner Partei
ist sich durchaus bewusst, dass nur Wachstum Arbeitsplätze schaffen kann
und dass Standort für die Sicherheit des Wachstumsdeutschlands ... dass
Sicherheit für die Zukunft des deutschen Standortwachstums ... des ...
Wachstums ... Standorts ... Deutschlands ...«
Alles Lavieren half nicht mehr. Ottmar Baudelaire - und mit ihm das Lager der
Bremser - hatte diese Schlacht gegen die Reformer, hier rhetorisch brillant
repräsentiert von Hartmut Schrüfer, haushoch verloren. Als Christine
Johannsen nun die Debatte unterbrach und einen Kurzfilm einblenden ließ,
kam dies einem Akt der Gnade gegenüber dem ins Schlingern geratene IPD-Politiker
gleich.
Ich lehnte mich etwas benommen in den Fernsehsessel zurück. Irgendwie hätte ich mir diese Debatte etwas anders vorgestellt. Ich hatte auf einen Politiker gewartet, der das Foltern grundsätzlich als einen Akt der Unmenschlichkeit ablehnte. Niemand dort auf dem Bildschirm hatte aber annähernd das ausgedrückt, was ich fühlte - nicht der Vertreter der autoritätsgläubigen "Rechten", nicht der stammelnde Exponent der idealistischen Linken, die traditionell für Bürgerrechte und gegen Polizeistaatlichkeit eingetreten war, auch nicht die smarte Moderatorin Frau Johannsen. Wenn sogar ein Mann wie Ottmar Baudelaire, der in den Anfangstagen seiner Politkarriere mit provozierenden Thesen für Radau gesorgt und die Begeisterung aller frei und fortschrittlich Fühlenden auf sich gezogen hatte, wenn sogar dieser Ottmar Baudelaire - mit nur minimalen Abweichungen - auf die allgemeine Linie eingeschwenkt war, wie konnte da ich ...?
War ich ein ewig Gestriger, der stur auf fundamentalistischen Anti-Folter-Standpunkten beharrte?
Ich fühlte mich unendlich müde, müde des aufreibenden inneren Widerstands gegen das, was offenbar beschlossene Sache war. War irgendetwas mit mir nicht in Ordnung, war ich ein ewig Gestriger, der stur auf fundamentalistischen Anti-Folter-Standpunkten beharrte? Wenn das, was gerade geschah, wirklich so schlimm wäre, wie ich dachte, hätte sich dann nicht schon längst massiver Widerstand geregt? Wären nicht Millionen auf die Straße gegangen, um gegen das Unrecht aufzustehen? Niemand protestierte, auch die kritische Presse und die Riege der linken Intellektuellen verhielten sich merkwürdig ruhig. Ich war allein. Konnte die überwältigende Mehrheit derer, die anders dachten als ich, irren? War es nicht viel wahrscheinlicher, dass ich mich täuschte?
Ich wollte mir noch ein Bier holen gehen, da erregte etwas auf dem Bildschirm
meine Aufmerksamkeit. Eine Autobombe war in der Münchner Innenstadt hochgegangen.
Zum Glück war niemand dabei zu Tode gekommen. Einige Verletzte wurden von
Sanitätern auf Bahren abtransportiert. Die Kamera schwenkte über die
Schaulustigen am Rand des Geschehens. Ich konnte deutlich ihre Gesichter sehen.
Bei einem der Männer, den die Kamera flüchtig streifte, schrillte
bei mir die Alarmglocke, er kam mir bekannt vor, ich wusste nur nicht mehr,
woher. Das die Johannsen-Sendung eine Videoauszeichnung des vorigen Abends war,
konnte ich das Band zurückspulen.
Wieder sah ich den Mann. Ich schaltete auf Standbild. Ein hagerer Mann mit
einem kantigen Gesicht, zum Halbkreis um seine kahl werdenden Schädel drapiertem
strohblondem Haar und auffällig tief liegenden, bohrenden Augen. Mir war,
als würden mich diese Augen aus dem Fernseher direkt anstarren. Jetzt wusste
ich, woher ich den Mann kannte. Er war in der IST-Zentrale plötzlich im
Vorführraum aufgetaucht und hatte mein Gespräch mit Herrn Dessad unterbrochen.
Wie konnte das sein? Dem Nachrichtensprecher zufolge mussten diese Ereignisse
am Tatort nur knapp eine Stunde vor meiner flüchtigen Begegnung mit dem
unheimlichen Mann gefilmt worden sein. Er musste also gleich vom Tatort in die
Firma gefahren sein - Warum? Um seinem Chef etwas mitzuteilen, was den terroristischen
Anschlag betraf? Herr Dessad schien auf den Mann gewartet zu haben, er war nur
verärgert, dass dieser sich einem Besucher wie mir so offen zeigte.
In meinem Kopf reihten sich wirre Assoziationsketten aneinander. »Für
alle anderen Dinge muss der Bedarf erst geschaffen werden« - Wie schafft
man einen Bedarf für Daumenschrauben? - Wachstum schafft Arbeitsplätze
für den Folterstandort Deutschland ..."
Mir schwirrte der Kopf. Selbst wenn die unglaubliche Theorie, die da bruchstückhaft in meinem Kopf Gestalt annahm, tatsächlich wahr wäre ... was könnte ich tun? Ich hätte keinerlei Chancen, meine Vermutung zu beweisen. Die Aufdeckung eines Skandals von dieser Tragweite wäre doch nur dann lohnenswert, wenn meine Enthüllung der gesamten verhörtechnologieherstellenden Industrie in Deutschland für immer den Garaus machen würde. Glaubte ich denn im Ernst, die Verantwortlichen würden das zulassen und es einem mittelmäßigen Journalisten erlauben, ihre Pläne zu durchkreuzen, Pläne an die Geschäfte in Milliardenhöhe geknüpft waren? Sie würden es nicht zulassen, dass ich das überlebte.
Niemand durfte wissen, dass ich die Wahrheit ahnte. Hatte ich nicht in einem
Lebenshilfe-Ratgeber gelesen: »Nicht das, was ist, verursacht Leid, sondern
unser Widerstand dagegen.« War folglich nicht das Fallenlassen jeden Widerstandes
die Erlösung? Sehnte ich mich nicht schon lange danach, frei zu sein von
all den hirnzermarternden inneren Kämpfen, die ich in den vergangenen Jahren
ausgefochten hatte? Ich holte mir noch ein Bier und ließ mich erschöpft
und erlöst auf meinen Fernsehsessel zurückfallen.
Wie gut es tat, aufzugeben!
—eine futuristische Satire von Roland Rottenfußer (Erstveröffentlichung im "Zeitpunkt")
Roland Rottenfußer arbeitete jahrelang als connection-Redakteur, ehe es ihn zum Schweizer Magazin "Zeitpunkt" verschlug. Er schreibt auch für das
Konstantin Wecker Projekt www.hinter-den-schlagzeilen.de
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