Die Marktführer - Die Produktmanager
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2. Teil: Der Produktmanager
Herr Dessad holte mich pünktlich am vereinbarten Treffpunkt bei der Caféteria
ab. »Gehen wir gleich in mein Büro«, sagte er mit munterer
Stimme und schob mich mit einer jovialen Geste in den Fahrstuhl. Als wir einstiegen,
kam gerade ein Tierpfleger heraus, der einen Käfig mit etwa sechs oder
sieben Rhesusäffchen vor sich her schob. Die Affen kreischten jämmerlich,
rempelten einander in dem viel zu engen Behältnis an, kletterten hastig
übereinander und untereinander und klammerten sich mit einem verzweifelten
Ausdruck ihrer großen, weit aufgerissenen Augen an die Käfigstangen.
Ein Geruch von Stroh, eingetrocknetem Kot und Todesangst entströmte ihrem
rollenden Gefängnis.
Es dauerte eine Weile, bis ich begriffen hatte. Dann stieg ein Anflug von Ekel
und Entsetzen in mir hoch. »Sind das … ich meine, machen Sie mit
diesen Affen Experimente?«
»Wäre es Ihnen lieber, wir machen sie mit Menschen?«, antwortete Herr Dessad mit routiniertem Lächeln. »Tierversuche werden in Deutschland aus den nichtigsten Gründen durchgeführt. Fragen Sie einmal Ihre Frau, mit welchen Methoden die Verträglichkeit ihrer Kosmetika getestet wurde. Der Gesetzgeber geht mit Recht davon aus, dass sich niedere Spezies den Interessen der Menschen unterzuordnen haben. Und in unserer Branche geht es, wie Sie wissen, um weit mehr als um ein schickes Aussehen. Es geht …« – und Dessad gab diesem Wort durch Betonung ein einzigartiges Gewicht – »um Terrorismusprävention«.
Ich verstummte. Als ich den Vorführraum betrat, war mir ein wenig schummrig
zumute. Gesichtslose Dummie-Puppen schienen mich, obwohl sie keine Augen hatten,
aus dem Halbdunkel des kleinen, schmucklosen Raumes anzustarren. In der Mitte
des Zimmers stand das Renommierstück des IST-Konzerns: das Honestmaker-Daumenschrauben-Set
mit elektronischem Intensitäts-Regler und fluchtsicherer Anschnall-Vorrichtung
nebst Beistellstuhl für den Folterer oder – wie Herr Dessad es ausdrückte
– Interrogations-Techniker.
»Und jetzt bitte Ihren rechten Daumen in die Pressschlaufe legen!«
»Sie sehen, dass unsere Produktdesigner ganze Arbeit geleistet haben«, begann der Produktmanager mit einem selbstzufriedenen Lächeln. »Alle Metallteile sind nach einem zeitgemäßen, ansprechenden Design aus rostfreiem verchromtem Edelstahl gefertigt. Möchten Sie nicht Platz nehmen?«, fragte er dann beiläufig und wies auf den Befragtenstuhl. »Na, worauf warten Sie?«, beharrte er, als er mein Zögern spürte. »Und jetzt bitte Ihren rechten Daumen in die Pressschlaufe legen!«
In meinem Gesicht musste ein fassungsloses Entsetzen gestanden haben, das auf
Herrn Dessad eine ungemein erheiternde Wirkung hatte, denn auf einmal lachte
der sonst etwas steife Mann laut auf, er prustete über sein ganzes parfümiertes
Schweinchengesicht und stieß unter Gekicher und Gluckslauten hervor: »Bitte
verzeihen Sie, kleiner Scherz von mir. Es gibt doch immer wieder Besucher, die
auf das Spiel herein fallen. Nein, jetzt aber im Ernst. Ich zeige Ihnen einmal
an einem ungefährlichen Beispiel, wie es funktioniert.«
Ich hatte mich von dem Befragtenstuhl erhoben, und Herr Dessad drückte
ein paar Knöpfe an der Wand, der offenbar einen Materialfahrstuhl in Gang
setzten. Zu meiner Überraschung entnahm er der Klappe nach nur kurzer Wartezeit
ein dampfendes Wienerwürstchen. Triumphierend hielt er das riechende, aus
den gespannten Häuten schwitzende Würstchen in die Höhe und legte
es mit einer sorgsamen Bewegung in die Pressschlaufe. Mit einem Surren näherte
sich der metallene Pressbügel der Wursthaut, bis er sie berührte.
»Wäre dies ein menschlicher Daumen«, dozierte Dessad nun wieder mit völlig ernster Miene, »so würden Sensoren die bioelektrischen Hautwiderstände an verschiedenen Körperstellen messen. Der emotionale Erregungszustand des Befragten sowie seine Belastbarkeitsspanne würden so vollautomatisch errechnet und an den Intensitätsregler im Komprimator gekoppelt. Einfacher ausgedrückt: Unser System sorgt dafür, dass auf den Daumen des Befragten weder zu viel noch zu wenig Druck ausgeübt wird. Ist der Kompressionskoeffizient zu gering, könnte der Interrogationstechniker sein Befragungsergebnis verfehlen, ist der ausgeübte Druck dagegen zu hoch, könnte es passieren – na ja, es sollen sich schon Delinquenten der Befragung via Herzinfarkt vorzeitig entzogen haben. Das ist natürlich nicht Zweck der Übung, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Herr Dessad lächelte Einverständnis heischend zu mir herüber.
»Für die Vorführung erhöhe ich den Kompressionskoeffizienten
jetzt einmal manuell.« Dessads Hand lag jetzt auf einem graduell verstellbaren
Regler, der auf einer Ziffernreihe hin und her geschoben werden konnte. Seine
Finger wanderten fast unmerklich nach rechts, und man konnte erkennen, dass
sich die Wursthaut durch den Druck des Pressbügels merklich spannte. Die
beiden Enden des Würstchens schwollen an, als wolle die Fleischmasse vor
der kalten Übermacht des Metalls nach den Seiten ausweichen.
»Jetzt kommt’s gleich …«, kündigte Dessad in verschwörerischem Flüsterton an und bewegte seine Hand auf dem Regler noch einmal minimal nach rechts. Da platzte die Wursthaut auf, Fleischsaft quoll heraus und rann zusammen mit kleinen, fettigen Wurstpartikeln eine Metallrinne hinunter, die unterhalb der Pressschlaufe zu einem Auffangbecken führte. Herr Dessad stieß dabei einen kurzen, kiecksenden Triumphlaut aus, seine Augen leuchteten giftig auf, und seine kurzfingrigen, fetten Hände rieben sich triumphierend aneinander.
Dann drückte er auf seinem Steuerungsboard einen Knopf. Auf einmal ertönten aus einem Lautsprecher markerschütternde Schreie. »Nein, bitte … bitte! Tun sie’s nicht!« rief die Stimme. Der Schreiende schien sich unter entsetzlichen Schmerzen zu winden. Er schrie sich die Seele aus dem Leib. Man musste mir mein Entsetzen am Gesicht angesehen haben. Herr Dessad beobachtete mich scheinbar genüsslich aus dem Augenwinkel, wobei er seine Brauen über den kleinen, schlitzartigen Augen ironisch hob. »Sie brauchen keine Angst zu haben. Kein Mensch ist bei den Tonaufnahmen zu diesem kleinen Meisterwerk zu Schaden gekommen. Wir konnten einen arbeitslosen, aber sehr begabten Schauspieler dafür gewinnen. Täuschend echt, nicht? Ich habe Ihnen das eigentlich nur vorgespielt, um Ihnen ein weiteres faszinierendes technisches Detail vorzuführen.«
Es gibt Bestrebungen, das Foltermonopol des Staates mittelfristig aufzuweichen
Das Schallisolierungsprogramm CryStop 666 garantiert Ihnen einen absolut geräuschfreien Interrogationsvorgang.
Dessad drückte jetzt einen weiteren Knopf auf seinen Armaturen, und mit
einem leisen Surren schob sich eine durchsichtige Glaswand zwischen uns und
den Lautsprecher, aus dem noch immer ein Schreien drang, das nach und nach in
herzzerreißendes Schluchzen überging. »Hören Sie etwas?«,
fragte Dessad, als sich die Glaswand ganz geschlossen hatte.
»Nichts, keinen Laut«, antwortete ich wahrheitsgemäß.
»Sehen Sie«, triumphierte Dessad, »genau dasselbe würden
Passanten hören, wenn Sie den Interrogationsvorgang, sagen wir, in ihrem
heimischen Hobbykeller durchführen würden: Nichts! Das Schallisolierungsprogramm
CryStop 666 garantiert Ihnen einen absolut geräuschfreien Interrogationsvorgang.
»Aber warum sollte ich denn in meinem Keller jemanden foltern? Das wäre
gegen das Gesetz, das wissen Sie, Herr Dessad.«
»Nun, unsere Entwicklungsabteilung denkt zukunftsorientiert. Es gibt Bestrebungen,
das Foltermonopol des Staates mittelfristig aufzuweichen. Wir bereiten uns vorsorglich
bereits auf die Zeit danach vor. Nur wer mit dem Innovationstempo auf dem Weltmarkt
Schritt hält, kann den Folterstandort Deutschland dauerhaft sichern.«
»Ich kann kaum glauben, was Sie mir da erzählen«, sagte ich,
nun ernstlich beunruhigt. »Sie meinen, dass jeder Privatmann …!?«
»Es gibt schon Absprachen mit der Großhandelskette MegaMarket,
dass das Honestmaker Hometortureset vom Konsumenten künftig in jeder Filiale
quasi aus dem Regal gekauft werden kann. Die Liefervereinbarungen sind bereits
unter Dach und Fach. Wir warten nur noch auf die Flexibilisierung der entsprechenden
gesetzlichen Rahmenbedingungen, aber das ist nur noch eine Frage der Zeit. Der
Druck der aktuellen Ereignisse und wirtschaftliche Erwägungen werden die
Partei der notorischen Bremser über kurz oder lang dazu zwingen, ihre realitätsferne
Politik zu revidieren. Bedenken Sie bitte: all die zusätzlichen Arbeitsplätze
infolge einer explosionsartigen Steigerung der Nachfrage auf dem privaten Sektor!«
»Aber selbst wenn der Honestmaker frei verkäuflich wäre, Körperverletzung
ist noch immer verboten«, wandte ich ein.
»Nun genau genommen ist das nicht unsere Angelegenheit«, sagte Dessad.
»Wir stellen die entsprechenden Gerätschaften zur Verfügung,
über die Bedingungen ihrer legalen Benutzung müssen andere entscheiden.
Ebenso wie Waffenscheine werden die Behörden vielleicht künftig Folterlizenzen
vergeben, die eine seriös zertifizierte Folterprüfung zur Voraussetzung
haben.«
Der Zweck unserer modernen Verhörtechnologie besteht einzig und allein darin, dass sie nie zum Einsatz kommt.
»Aber wie wollen Sie Missbrauch
vermeiden? Wenn jeder Dahergelaufene an diese Geräte herankommt …«
»Aber ich bitte Sie, mein Lieber, seien Sie doch nicht naiv! Missbrauch
kann man nie vollkommen vermeiden. Sie können einen Menschen schon mit
einem Taschenmesser erstechen. Wollen Sie dafür etwa den Taschenmesser-Hersteller
verantwortlich machen?«
»Das ist doch eine Ausrede! Taschenmesser werden nicht ausschließlich
zu dem Zweck hergestellt, Menschen zu verletzen; bei Ihren Daumenschrauben ist
das anders.« Ich merkte, dass ich meine aufkeimende Wut in Zaum halten
musste. Ron, mein Chefredakteur hatte mich schließlich nicht mit dieser
Vor-Ort-Reportage in der IST-Zentrale beauftragt, damit ich deren führenden
Produktmanager beleidige. »Aufgabe des Journalisten ist es, die Welt zu
beschreiben, nicht sie zu verändern«, pflegte er immer zu sagen.
Zum Glück blieb Dessad trotz meiner ausfälligen Bemerkung souverän.
»Sie missverstehen da einiges«, sagte er beschwichtigend wie man
mit einem Kind redet. »Deshalb will ich hier noch einmal etwas Grundsätzliches
klären: Der Zweck unserer modernen Verhörtechnologie besteht einzig
und allein darin, dass sie nie zum Einsatz kommt.«
Nun war ich so sprachlos vor Erstaunen, dass selbst meiner flinken Journalistenzunge
die Worte fehlten.
»’Wer den Frieden will, der rüste sich zum Kriege’, sagen
die guten alten Römer«, fuhr Dessad fort. »Wer nicht will,
dass Kinder entführt und Unschuldige in die Luft gesprengt werden, der
muss das Niveau der Abschreckung anheben. Der muss ständige Folterbereitschaft
signalisieren, obwohl er natürlich tief im Inneren seines Herzens hofft,
dass das, womit er droht, nie wirklich zur Anwendung kommt. Ja glauben Sie,
dass ich das hier zu meinem Vergnügen mache? Glauben Sie denn, ich wäre
ein Unmensch?« Bei diesen Worten bekam Dessads Stimme einen weinerlichen
Unterton, und er schniefte etwas Luft durch seine kleine Nase ein, so als ob
er für einen Moment über sich selbst gerührt wäre.
»Ich betrachte unsere Firma als einen Vorkämpfer für die Humanität«,
fuhr er fort. »So wie ich das Militär schon immer für die eigentliche
Friedensbewegung gehalten habe.«
»Aber ist das nicht irgendwie etwas absurd?«, wagte ich einzuwenden.
»Ich meine, dass man diese grausamen Werkzeuge herstellt, nur um …«
»Ich will Ihnen dazu etwas sagen«, unterbrach mich Dessad. »Nehmen
wir an, Sie hätten Recht und Daumenschrauben wären ein überflüssiges,
grausames Werkzeug. Nehmen wir weiter an, ich folgte Ihrer Argumentation und
würde von heute auf morgen unseren Betrieb stilllegen. Was glauben Sie,
was passieren würde?«
Ich erwartete achselzuckend seine Antwort.
Im Zeitalter der zunehmenden Automatisierung, kann das für eine florierende Wirtschaft notwendige Wachstum schon längst nicht mehr nur mit solchen Produkten erzielt werden, die für die Bedürfnisse der Menschen tatsächlich notwendig sind.
»Unsere Konkurrenz, TortureTech oder eine der aufstrebenden chinesischen
Firmen würden einspringen, es gäbe nicht eine grausame Daumenschraube
weniger auf der Welt, aber unsere deutschen Arbeitnehmer wären ohne Lohn
und Brot, ihre Familien ins soziale Abseits gedrängt, die leeren Staatskassen
durch Zahlung von Arbeitslosengeld hoffnungslos überlastet – ist
es das, was sie wollen?« Dessad wartete mein verlegenes Schweigen eine
Weile ab und fuhr dann fort: »Wenn wir uns weigern, die Realität
zur Kenntnis zu nehmen, werden sich unsere Konkurrenzländer die Hände
reiben und mit Kusshand die von uns fahrlässig aufgegebenen Marktsegmente
übernehmen. Und ich sage Ihnen noch etwas, so ganz unter uns …«.
Dessad beugte sich, obwohl niemand sonst in der Nähe war, ganz nah zu mir
herunter, so dass ich seinen nach Würstchen riechenden Atem spüren
konnte. »Im Zeitalter der zunehmenden Automatisierung, kann das für
eine florierende Wirtschaft notwendige Wachstum schon längst nicht mehr
nur mit solchen Produkten erzielt werden, die für die Bedürfnisse
der Menschen tatsächlich notwendig sind. Denken Sie sich von den derzeit
im Umlauf befindlichen Waren und Dienstleistungen das Überflüssige,
Absurde und Schädliche weg, was bleibt übrig? Nicht halb so viel wie
nötig wäre, um den Wirtschaftsmotor am Laufen zu halten. Das Brot,
das jemand isst, der Stuhl, auf dem er sitzt, das Dach über seinem Kopf,
ein gutes Buch oder ein Freund, dem er vertraut – diese Dinge sind wirklich
notwendig. Für alle anderen Dinge – und sie machen den größeren
Teil unserer Wirtschaftsleistung aus – muss der Bedarf von den Verantwortlichen
erst geschaffen werden.«
Es fiel mir schwer, Herrn Dessads Argumentation so schnell zu folgen. Ein Bedarf, der erst geschaffen werden muss – was bedeutete dies für den speziellen Fall von Daumenschrauben und schallisolierten Folterzellen? Um einen Bedarf an Verhörtechnologie zu schaffen, musste es eine wachsende Zahl von Vorfällen geben, die die Anwendung einer solchen Technologie unabweisbar nahe legten. Aber ein harmloser Industriebetrieb wie IST konnte doch nicht … Für einen Augenblick schoss mir ein wahrhaft grauenerregender Gedanke durch den Kopf. Ich verdrängte ihn sogleich wieder, weil er nicht nur aufs äußerste beleidigend, diffamierend war, sondern mich auch vor den Augen aller vernünftig Denkenden für immer disqualifiziert hätte.
Ein hagerer Mann mit einem kantigen Gesicht, zum Halbkreis um seine kahl werdenden
Schädel drapiertem strohblondem Haar und auffällig tief liegenden,
bohrenden Augen betrat ohne anzuklopfen, den Vorführraum. Dessad eilte
zu ihm und tauschte ein paar flüsternde Sätze mit ihm aus. »Ich
hatte Sie doch gebeten, nicht während der Pressevorführung …«,
war das Einzige, was ich verstand. Dann verließ der Mann wortlos den Raum,
nicht ohne mich noch einmal durchdringend anzuschauen. »Wenn Sie mich
jetzt bitte entschuldigen wollen«, wandte sich Dessad mit routinierter
Höflichkeit an mich. »Ich habe heute noch ein paar Termine. Ich denke,
Sie haben genügend Material für Ihren Artikel.« Und ohne meine
Erwiderung abzuwarten: »Kommen Sie, ich begleite Sie noch zum Aufzug.






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