Die Marktführer - Die Journalisten
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3. Teil: Die Journalisten
Aber wenn wir als Journalisten gegen alles, was menschenunwürdig ist, anschreiben würden, wären wir nicht nur binnen kürzester Zeit energetisch ausgebrannt, es würde auch nicht lange dauern und wir wären unseren Job los.
»Das kannst du vergessen«, sagte Ron, mein Chefredakteur am nächsten
Morgen in dem Tonfall, der erfahrungsgemäß keinen Widerspruch duldete.
»Eine Anti-Folter-Kampagne kommt bei der gegenwärtigen politischen
Gesamtwetterlage nicht in die Tüte. Nicht dass ich dir nicht grundsätzlich
recht geben würde, mein Lieber. Folter ist widerwärtig, entsetzlich.
Aber wenn wir als Journalisten gegen alles, was menschenunwürdig ist, anschreiben
würden, wären wir nicht nur binnen kürzester Zeit energetisch
ausgebrannt, es würde auch nicht lange dauern und wir wären unseren
Job los. Sei klug, mein Lieber. Solange du auf deinem Redakteursposten hockst,
kannst du wenigstens von Zeit von Zeit noch auf Missstände hinweisen. Wenn
sie dich schassen, weil du die simpelsten Regeln des Opportunen in diesem Business
einfach ignorierst, kann auch ich dich nicht mehr länger schützen.
Du weißt, ich schätze dich, Aber auch die Freundschaft hat irgendwann
ihre Grenzen.«
»Aber ...«, setzte ich schon ziemlich kleinlaut zum Reden an.
»Schau dir doch die anderen Nachrichten des Tages mal an«, fuhr
mein Chefredakteur ungerührt fort. ‚Bombendrohung in Frankfurter
Bankenviertel'. Das Hauptquartier der TrustCommerce-Bank musste geräumt
und von der Polizei nach Sprengsätzen durchsucht werden. Der Hauptverdächtige,
Afghane aus dem Umfeld Osama bin Ladens, schweigt über weitere Bombenverstecke.'
Und dann das: ‚Die kleine Emilia (7) ist tot. Ihre Entführer haben
sie wie ein Stück Abfall in einem Sack auf einem Waldgrundstück nahe
Starnberg zurückgelassen. Am ganzen Körper waren Spuren eines entsetzlichen
Todeskampfes zu sehen. Die verzweifelten Eltern klagen an: mit neuen Verhörtechnologien
hätte unsere Emilia vielleicht gerettet werden können.' Du siehst
also, woher der Wind weht. Ich möchte nicht dasselbe erleben wie mein Kollege
von der Norddeutschen Zeitung. Der hat sich trotz gut gemeinter Ratschläge
für die radikalen Foltergegner stark gemacht. Und was hat es ihm gebracht?
Haufenweise Drohanrufe. Demos vor dem Verlagsgebäude. ‚Terroristenfreunde
raus!' stand auf den Plakaten. Und ‚geschändete Kinder klagen dich
an!'«
»Aber wer sich gegen Folter ausspricht, ist doch deswegen nicht für
Terroristen und Kindesentführer. Es geht hier um die grundsätzlichsten
ethischen Werte unserer Kultur. Vor der Verfassungsreform war Folter strikt
verboten. Und die meisten Bürger fanden das ganz in Ordnung so.«
»Ja, bevor dieser Polizist aus Wuppertal von der Presse zum Volkshelden
hochgejubelt wurde«, sagte Ron missmutig. Ich konnte mich noch gut an
den Fall erinnern. Ein Polizeibeamter hatte den Aufenthaltsort eines entführten
Mädchens durch Folter aus einem Verdächtigen herausgepresst. Widerrechtlich.
Damals jedenfalls noch. Nach einem Schauprozess, begleitet von den aufgepeitschten
Emotionen von Presse und Öffentlichkeit, wurde er zu einer höchst
milden Strafe auf Bewährung verurteilt. Ein Triumph mit weit reichender
Signalwirkung. Nachdem eine verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit im
Bundestag die gesetzlichen Grundlagen geschaffen hatte, schien es angesichts
der sich verschärfenden globalen Bedrohungslage kein Zurück mehr zu
geben. Guantanamo Bay und die Foltervorfälle im Irak hatten in den Köpfen
der Menschen verankert, dass ein demokratischer Rechtsstaat und die Anwendung
von Techniken verschärften Zwangs eben doch unter gewissen Umständen
miteinander vereinbar sein könnten.
Niemand mehr, vom unbelehrbaren Fundi-Flügel der mitregierenden IPD einmal abgesehen, wagte es ernsthaft die Liberalisierung der Foltergesetzgebung in Frage zu stellen.
Nicht zuletzt war die Verhörtechnik-Branche zu einem nicht zu unterschätzenden
Wirtschaftsfaktor in Zeiten der Flaute geworden. Die Börsenkurse international
agierender Verhörtechnik-Firmen wie des US-amerikanischen Konzerns TortureTech
schossen in die Höhe. Der Gründung der ersten deutschen Herstellerfirma
von Folterwerkzeugen waren noch eine Reihe bürokratischer Hindernisse im
Weg gestanden, die jedoch mit ein bisschen gutem Willen aller Beteiligten aus
dem Weg geräumt werden konnten. »Die Konkurrenzfähigkeit des
Wirtschaftsstandorts Deutschland erfordert ein mutiges Voranschreiten auf dem
einmal eingeschlagenen Weg der Justizreform", hatte der Informationsminister
damals in der Pressekonferenz verkündet. "Die Bundesregierung unterstützt
eine zügige Abwicklung der Genehmigungsverfahren zu Errichtung des ersten
Verhörtechnik-Unternehmens auf deutschem Boden seit 60 Jahren.« Der
wirtschaftliche Erfolg des IST-Konzern hatte dem Politiker auf grandiose Weise
Recht gegeben. Niemand mehr, vom unbelehrbaren Fundi-Flügel der mitregierenden
IPD einmal abgesehen, wagte es ernsthaft die Liberalisierung der Foltergesetzgebung
in Frage zu stellen.
»Und wenn ich mich mit einem offenen Brief direkt an den Kreistagsabgeordneten
der IPD wende, vielleicht würde ihn mein Erfahrungsbericht aus der Daumenschrauben-Werkshalle
umstimmen!?«, beharrte ich.
Totschlagargument Arbeitsplätze
»Die Politiker können Sie vergessen«, erwiderte mein Chefredakteur genervt. »Arbeitsplätze. Mit dem Totschlagargument Arbeitsplätze kann man heute alles rechtfertigen und jede Kritik niederbügeln. Nehmen wir an, bestimmte Anti-Folter-Aktivisten würden die Schließung der Münchner IST-Produktionsstätte fordern, und der zuständige Politiker würde dem zustimmen. 6000 Arbeitsplätze mit einem Schlag vernichtet. 6000 Familien ins soziale Abseits gedrängt. Dem würden die Lobbyisten dermaßen die Daumenschrauben anziehen, dass er seines Lebens nicht mehr froh würde.« Mein Chefredakteur grinste zufrieden über den gelungenen Scherz, der ihm bezüglich der Daumenschrauben gelungen war. "Hast du übrigens gestern die Johannsen-Sendung zu diesem Thema gesehen?«
»Nein«, musste ich gestehen. In der Sonntagsrunde bei der renommierten Journalistin Christine Johannsen diskutierten Spitzenpolitiker aller Parteien jede Woche über ein aktuelles kontroverses Thema. »Warte, ich habe, glaube ich, noch eine Video-Aufzeichnung der Sendung. Ich geb sie dir mit. Schau sie dir unbedingt heute Abend an, dann wirst du sehen, woher der Wind heutzutage weht." Mit diesen Worten ließ mich mein Chefredakteur ohne einen Abschiedsgruß stehen.
»Mann bist du naiv«, machte mich mein Kollege Sven von der Seite
an. »Du glaubst wohl immer noch, dass ein Journalist dafür da ist,
einen Skandal aufzudecken, nur weil es seiner Überzeugung entspricht. Hast
du dir schon mal die Liste unserer Anzeigenkunden angeschaut?«
»Nein.«
»Dann lies mal, und sieh genau hin!«
Ich ließ meine Augen über den Ausdruck fliegen, den mir Sven hinhielt.
Bis ich bei einem Namen stehen blieb, einem nur allzu vertrauten Namen: IST
Verhörtechnologien. Das Anzeigenbudget, das der Konzern in diesem Jahr
für unsere Zeitung aufzuwenden gedachte, belief sich auf über 5 Millionen
Euro.
»Ich verstehe«, sagte ich resigniert.






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