Der Schweizer Esoteriker Akron über das Scheitern von Rajneeshpuram
Artikel - Spiritualität/Mystik

Szene aus dem Film »Guru«
»Der Untergang der Titanic«
Die Dokumentarfilmer Sabine Gisiger und Beat Häner haben sich auf die Spurensuche nach dem Phänomen Bhagwan begeben und zu diesem Zweck »zwei Zeugen der Anklage« in den Mittelpunkt ihres Films »Guru - Bhagwan, his Secretary & his Bodyguard« gestellt: Sheela, seine rechte Hand, engste Vertraute und Sprecherin in seinen Schweigephasen, und Hugh Milne, während der Jahre von »Poona I« (1974-81) als Swami Shiva sein oberster Bodyguard. Sheela war dann, von Bhagwans Ausreise in die USA 1981 in die USA bis zum Scheitern der »Ranch« genannten Kommune vier Jahre später (1985) verantwortlich für alle praktischen Belange spirituellen Kommune und entstehenden Stadt, für die sie als Präsidentin der Rajneesh Foundation eine 25.600 ha große Ranch in Oregon gekauft hatte, um dort eine vorbildliche öko-spirtuelle Gemeinschaft zu errichten.
Der Künstler, Musiker, Astrologe und Tarot-Experte Akron aus dem schweizerischen St. Gallen ist überzeugt, dass das Scheitern von Rajneeshpuram weit über die Szene der Osho-Fans (und -Feinde) hinaus Bedeutung hat: »Ich denke, dieses Scheitern in Oregon war für die spirituelle Szene ähnlich einschneidend wie der Untergang der Titanic, der Absturz der Hindenburg oder der Anschlag auf das World-Trade-Center für die materiell orientierte Welt«
Das Problem dieses Filmes liegt natürlich auf der Hand: Die beiden Zeitzeugen sind keine neutralen Betrachter, die den Aufstieg und Fall aus nächster Nähe miterlebten, sondern sie sind Hauptdarsteller, die das ganze Prozedere aktiv mitgestalteten. Besonders Sheela schien mehr an der Darstellung ihres eigenen Handelns als an der Aufklärung der immer noch im Dunklen liegenden Hintergründe interessiert. Immerhin wurde sie von Bhagwan der Brandstiftung, der Betreibung von Abhöranlagen, des versuchten Mordes und der Massenvergiftung beschuldigt. Die Justiz fügte das Arrangieren von Scheinehen hinzu. Leider ohne dass der Zuschauer aber etwas über die paranoiden Hintergründ in der Untergangsphase erfährt. Ganz im Sinne von Sheela (»Ich entscheide, was ich sage und was ich nicht sage«), die am Ende des Filmes mit einer wegwerfenden Bewegung erklärte, dass man endlich aufhören sollte: »Es wird langweilig. Es ist alles längst vorbei.«
Ich habe den Film Mitte Februar gesehen und war zunächst ein bisschen irritiert. Nicht weil er mir etwas Neues zu sagen hatte, sondern weil er irgendwelche unangenehmen Gefühle in mir auslöste. Die fehlende Selbstreflektion der beiden Hauptdarsteller, das ständige Bemühen, die eigenen Fehler den anderen in die Schuhe zu schieben, das konnte es nicht sein – das wäre zu normal. Aber was war es dann? Was hatte dieser Film mit mir angestellt? Deshalb war ich nicht verwundert, dass ich schon am nächsten Tag das unterschwellige Gespür in mir fühlte, mich mit diesem Thema noch ein bisschen tiefer auseinandersetzen zu wollen. Denn dieser Film stieß mir nicht nur unangenehm auf, er inspirierte mich geradezu, mich mit diesem in der spirituellen und esoterischen Szene verbreiteten Thema zu beschäftigen, denn die Akte dieses Scheiterns warf eher neue Fragen auf, als dass sie alte aus der Welt schaffte. Oder, mit anderen Worten: »Die Leiche mag begraben sein – aber sie stinkt immer noch!«
Die paradiesischen Anfänge (Poona 1974-1981)
Blicken wir zurück auf die Anfänge, die der Film aus der Erinnerung der beiden Hauptakteure wiedergibt: Es war dies die Zeit einer unschuldigen Kindheit im Paradies. Der Meister mit seinem gewinnenden Lächeln und den warmen und hypnotischen Augen erinnerte an einen der drei heiligen Könige aus dem Morgenland – irgendwie fiel mir dazu spontan das Bild des Sarastro in einer indischen Aufführung von Mozarts »Zauberflöte« ein – und ich will den beiden Erzählern gerne glauben, wenn sie mit leuchtendem Gesichtsausdruck berichten, dass nur schon die Nähe zum Meister in ihnen ein spirituell-sinnliches Gefühl auslöste. Bhagwans Credo, die Materie sozusagen in die Spiritualität mit einfließen zu lassen, traf damals den Hauptnerv der jungen, sich in einem sexuellen Aufbruch befindenden Generation. Nicht nur, weil er jede Form von Sexualität unterstützte (was mit den Zielen der revolutionierenden Jugend korrespondierte – denken wir an Woodstock), sondern weil sein Weg von Sexualität und Ekstase erst noch das höhere Ziel der Erleuchtung versprach. Man könnte auch sagen, dass jeder Mensch, der sich an eine paradiesische Form von Sexualität, Freiheit und Erleuchtung sehnte, von dieser sexuell-spirituellen Botschaft (From Sex to Superconsciousness) inspiriert bzw. bedient worden war.

Szene aus dem Film »Guru«
Der harte Fall (Oregon, Rajneeshpuram 1981-1985)
Poona war sozusagen der Aufstieg, der bis dicht unter den Gipfel führte – nun brauchte es noch den dazu passenden Absturz, damit die Dramaturgie für dieses Lehrstück vollständig war. Es geht um die Utopien und Weltverbesserungsversuche im Bemühen der Menschen, sich ein Paradies auf Erden zu schaffen, die ewig akuten wie uralten Themen zwischen Autorität und Mündigkeit, Ego und Hingabe, Freiheit und Folgsamkeit – und es geht um das immerwährende Scheitern solcher kreativen und dadurch letztlich auch chaotischen Bemühungen, wenn sie nicht durch das straffe Konzept marktorientierter Überlegungen gestützt und abgesichert sind. Doch wo lag der Punkt: Where did it begin to go wrong?
Poona war für fünftausend Anhänger ausreichend, nun sollten es aber zehntausend und mehr werden, um das Experiment eines neuen spirituellen Menschen zu starten (»I want to create the whole man«), und dafür brauchte es den entsprechenden Platz. Die Idee war, in den Staaten ein riesiges, unbebautes Stück Land zu erwerben, um darauf das Modell für die Zukunft zu errichten, und das in möglichst kurzer Zeit. Also wurde Sheela ausgeschickt, das gelobte Land in den Staaten zu finden. Es hätte ein Platz für spirituelles Erwachen und Wachstum werden sollen, auf dem Tausende in liebevoller Atmosphäre gewaltfrei und ohne Konflikte miteinander hätten leben können. Doch es kam alles ganz anders: Es war der falsche Platz, kein »Buddhafeld«, das man sich erträumte, zum einen durch die herrschenden Bauvorschriften (Landwirtschaftszone) begrenzt und zum anderen durch den untauglichen Versuch zum Scheitern verurteilt, in Sachen Gesetze und Bestimmungen die indischen Gepflogenheiten auf die Staaten zu übertragen. Im fernen Poona hatten die Initianten nicht im Leisesten bedacht, wie viel Energie die materielle Erschließung einer kompletten Infrastruktur von jedem Einzelnen verlangt, und böse Zungen stellten die Frage, um wie viel schneller alle wieder auf dem Boden der Realität gelandet wären, hätte man die Schöpfer dieser Illusionen am Wertschöpfungsprozess physisch teilhaben lassen. Völlig weltfremd sind sie durch ihre indisch-naiv-spirituelle Brille als konzeptionslose Laien an ein beinahe unüberschaubares Projekt herangetreten im überheblichen Glauben, dass sich, wie von höherer Hand geführt, schon die richtigen Menschen einfinden werden, die das Projekt stemmen und alle Probleme aus dem Weg räumen, um in der Nähe ihres Meisters zu sein.
Swami Shivamurti alias Hugh Milne – Bhagwans Bodyguard oder der ihm am wenigsten entfernte Mann
Hugh erzählt uns zunächst von seiner anfänglichen Bewunderung für den Meister, ein Akt der Hingabe, der mit den Jahren abzubröckeln beginnt und immer größeren Zweifeln Platz einräumte – ein ganz normaler Prozess, wie er in jeder Familie passiert, spätestens dann, wenn sich die Kinder abzulösen beginnen. Jeder ist von Hughs Ehrlichkeit und Natürlichkeit angetan, und viele Ungereimtheiten, die er formuliert, werden im Film direkt durch die entsprechenden Bilder unterlegt. Deshalb ist der Zuschauer auch sofort auf seiner Seite, wenn er erklärt, dass er nach fast zehn Jahren Dienst an Bhagwans Seite wegen ein paar kritischer Fragen von Sheela aus dem Camp gemobbt wurde. Zum Beweis zieht er das vergilbte, hauseigene Informationsblatt von 1982 hervor und zitiert den Artikel, in dem er von ihr aufs Übelste beschimpft und zum Systemfeind erklärt worden ist. Es sind alte, unbereinigte Vorwürfe, die er vor der Kamera direkt an die Adresse von Sheela richtet, die ihm aber mit einem allgemeinen Statement ausweicht so nach dem Motto: »Es gibt im Leben immer wieder Zeiten, in denen man zur Erhaltung der Sicherheit auch unliebsame Entscheidungen fällen muss.«
Es ist erfrischend zu beobachten, wie sich ein Mann im sechsten Lebensjahrzehnt immer noch so herrlich unreflektiert über sein damaliges Verhalten äußern kann. Er hat etwas so berückend Unschuldiges an sich, wenn er einen treuherzig anguckt und ein bisschen traurig über seine Enttäuschung philosophiert, als er die Muster seines Meisters allmählich zu durchschauen beginnt – das macht ihn für den intellektuellen Betrachter so liebenswert. Andererseits hat er einen großen blinden Fleck. Es ist nämlich so, dass er über die Erkenntnis, dass der Meister nicht so perfekt ist, wie er das geglaubt hatte, immer noch ein bisschen sauer ist, so wie ein altkluges Kind, das den Vater bei einer Lüge erwischt. Kaum hatte Hugh ein Stück Verantwortung für seine eigene Entwicklung übernommen, schon wurde die Veränderung seines »Meisters« (die Entdeckung von Bhagwans weniger spirituellen Schattenseiten) für ihn zum Problem. Dadurch geriet er in eine psychische Klemme, aus der er sich nur noch durch einen völligen psychischen Zusammenbruch »befreien« konnte. Bildlich ausgedrückt verschob er sein Vatersuchbild aus der gähnenden Leere seiner desillusionierten Spiritualität in die Trost spendenden Arme der ihm nun ein neues Weltbild vermittelnden Schulpsychologie. Der Schock und die Depressionen ließen ihm einen Aufenthalt in der Psychiatrie als nötig erscheinen.
Natürlich ist es uns allen klar, dass es ihm aus der damaligen Situation und Abhängigkeit unmöglich war, sich aus seinen eigenen Projektionen zu lösen, aber es sollte ihm aus heutiger Sicht zumindest möglich sein, die Situation in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Es ist einfach wichtig zu wissen, dass es wenig bringt, sich ausschließlich mit der Projektionsfigur auseinanderzusetzen, ohne sich nicht auch mit der Frage zu beschäftigen, wo denn der eigene Anteil bei diesem ganzen Manöver liegt. Sich vom Meister einfach »enttäuscht« zu fühlen, nur weil man nicht merkt, dass dieser nicht dafür zuständig ist, ihm den eigenen ungelebten Teil im Außen ständig zu spiegeln, ist simpel. Trotzdem ist Hugh immer noch in einer Art naiver Selbsttäuschung gefangen, und man fühlt seinen Schmerz, da er auch heute noch keinen Zugang zu jener Kraft spürt, die ihn führte. Er ahnt nicht, dass er auf einer anderen Ebene damals auch Sheela benutzte, um sich aus einer unerträglich gewordenen Situation zu befreien. Dass er sich sozusagen vor der eigenen Wahrheit geschützt aus dem Camp werfen ließ, um sich über die inneren Beweggründe nicht bewusst werden zu müssen, die ihm sagten: »Hau endlich ab!« Dafür sollte er seinem Unbewussten dankbar sein: Er war am Ende seiner spirituellen Projektion angekommen, die ihn auf schnellstem Weg zurück zu sich selbst führte, wenn auch mit Mitteln, die notgedrungen sehr schmerzhaft sind. Er hätte schon viel früher die Konsequenzen für sich ziehen und sich aus dem Staub machen können. Hugh ist sicher ein ehrlicher Kerl, dem man seine Kreditkarte getrost anvertrauen kann. Allerdings drängt sich auch die Frage auf, ob er den Virus der Verdrängung und des Nicht-Sehen-Wollens unter dem Schleier seiner gutmütigen Erkenntnis nicht an andere weitergibt.
»Meine Wahrheit ist die, dass ich unschuldig bin«
Sheela – die treue Hüterin des Grals
Bei Sheela ist die Sache sehr viel einfacher. »Meine Wahrheit ist die, dass ich unschuldig bin«, ist das einzige, was man ihr entlocken kann. Sie ist auch noch heute überzeugt, dass sie alle ihre Entscheidungen für das Wohl und auch im Sinne des Meisters traf. Schien Hugh, der Bodyguard, zumindest bemüht, seinen eigenen Anteil am Ganzen in die Geschichte mit einzubinden, so hat man bei Sheela in keiner ihrer Erklärungen das Gefühl, dass sie zur Aufklärung der offenen Fragen etwas beitragen wollte. Irgendwie hat man den Eindruck, dass sie sich krampfhaft vor einer Wahrheit zu schützen versucht, die sie immer noch nicht richtig verarbeitet hat. Sie verkörpert den Archetyp einer enttäuschten Frau. Im Tarot würde man das den Schatten der Schwert-Königin nennen, die immer noch jede Schuld von sich weist: »Er war der Boss – ich habe immer nur sein Spiel gespielt! Ihr dürft mich nicht immer nur als Sündenbock für seine ständig wachsende Gier sehen.«
Ihre Augen beginnen immer dann zu strahlen, wenn der Film auf die Erlebnisse in Poona und die Liebe zu ihrem Meister zu sprechen kommt. Doch je länger es dauert, desto mehr verdüstert sich ihr Gesicht, besonders, wenn sie am Ende mit Fragen zu den Kontrollfunktionen, den Überwachungsgeschichten und den Vergiftungsvorwürfen konfrontiert wird. Deshalb kann sie auch kein Verhältnis zu den ihr vorgelegten Taten finden, da sie ja ihre eigene Verantwortung »ausgelagert« hat. An dieser abwehrenden Haltung zerschellen alle Fragen, da sie ohne persönliche Verantwortung ja jede Handlung von ihrer eigenen Person weghält. Dabei wird an einer Stelle der Dokumentation – einem Auszug aus der Pressekonferenz, nachdem er seine Schweigephase beendet hatte – sehr deutlich, dass der spirituelle Schalk des Meisters ihre Loyalität sehr zärtlich unterstützt, auch wenn sie das offensichtlich nicht richtig verstanden oder falsch abgespeichert hat.
Auf die Frage: »In der Zeit, in der du nicht geredet hast, hat Sheela geredet. Warum ist ausgerechnet sie deine Sprecherin? Wie kommt sie dazu, mit solchen Äußerungen viele vor den Kopf zu stoßen? Sie fordert damit alle heraus. Würdest du dazu etwas sagen?« antwortete Osho listig: »Mich hat Sheela auch beleidigt. Immer als sie zurückkam, habe ich sie hart ins Gesicht geschlagen. Sie verhielt sich nicht, wie ich wollte … sie war nicht unverschämt genug … sie fiel unter den Standard.« Er nahm sie also vor der Presse auf sehr gekonnte und humorvolle Weise in Schutz, ein Umstand, der seine Aussage ziemlich glaubwürdig erscheinen lässt. Das war allerdings zu einem Zeitpunkt, bevor der große Bruch zwischen ihnen möglicherweise auch seine Haltung verändert hat. Sie sieht sich immer noch als das kleine Mädchen, die ihre gesamte Identität für den geliebten Vater opferte, der sich am Ende trotz all ihrer Bemühungen von ihr abgewendet hat. Ihre Aussagen haben den bitteren Beigeschmack einer unglücklich Liebenden. Vielleicht war das alles aber auch nur ein großes Missverständnis – wer kann das schon wissen?
Aus heutiger Sicht käme keiner auf die Idee, isolierte Schuldzuweisungen auszusprechen – zu sehr war die ganze Führungscrew in das paranoide Umfeld der ganzen Situation verstrickt, und das nicht ohne Beteiligung ihres spirituellen Kopfes, des schweigenden Meisters. Es geht lediglich darum, Verantwortung zu übernehmen und daraus zu lernen, wohin es führen kann, wenn Spiritualität und materielle Ziele sich in die Quere kommen. Schon Avalon ist an diesem Widerspruch untergegangen. Im Rückblick kann man auch mit ruhigem Gewissen behaupten: Die Ranch hatte in ihrer spirituellen Vision mit den materiellen Anforderungen und den menschlichen Zielen niemals auch nur den Hauch einer Chance. Das ist es, was bei Sheela noch nicht angekommen ist. Sie ist immer noch allzu sehr in ein negatives inneres Szenario verstrickt, aus dem sie sich mit unglaubwürdigen Erklärungen und Korrekturen zu befreien sucht, statt endlich einmal die Situation zu beenden, indem sie den Teil ihrer damaligen Verantwortung einräumt und damit das Problem aus der Welt schafft.
Irgendwie erinnert das Ganze auch an einen Zustand autistischer Selbstverzauberung
Bhagwan Shree Rajneesh als oberste Instanz
Am Ende des Films war ich ziemlich brüskiert. Da gab es eine böse Szene ganz am Schluss, in der Bhagwan in einer öffentlichen Erklärung Sheela plötzlich die Ermordung ihres an Lymphknotenkrebs erkrankten Mannes in Poona unterstellt. Dabei war er es selbst, der sie kurz vor dessen Hinscheiden tröstete: »Sheela, du liebst ihn sehr, und er liebt dich sehr. Lass ihn keine Trauer sehen, wenn er geht. Weder in deinen Augen noch in deinem Gesicht.« Und zu Chinmaya, ihrem Mann, sagte er: »Du hast Glück, weil du weißt, dass du sterben wirst. Denn diese Gewissheit wollen die meisten nicht akzeptieren.« Warme, wunderbare, weise Worte. Und dann das. Kein Wunder, dass mir der Herr mit der Glatze unter der Kappe und der sanften Stimme in diesem Moment gar nicht mehr heilig, sondern ziemlich schäbig vorkam. Gleichzeitig wurde mir klar: Ich mochte mein eigenes Bild nicht mehr akzeptieren, dass ich vor fast vierzig Jahren mit ihm in Verbindung brachte und seitdem auch nicht mehr korrigiert hatte. Ich muss hier noch vorausschicken: Ich war niemals Sanyassin oder expliziter Anhänger seiner Lehre, aber irgendwie war er mir immer sehr sympathisch. Vielleicht mochte ich ihn auch aus dem Grund, weil er sehr stark polarisierte. Weil er Sexualität und Spiritualität miteinander in Verbindung brachte, ein Thema, mit dem wir uns damals alle identifizieren konnten.
Andererseits wollte ich dieses Gefühl auch nicht ohne Widerspruch akzeptieren, denn gleichzeitig war mir ebenfalls klar: Das mit meiner überhöhten Projektion war letztlich nicht sein, sondern mein Problem! Der Film begann also schon – sehr zu meinem Ärger – in mir seine Wirkung zu entfalten. Und das rechne ich ihm positiv an. Trotzdem: Zu offensichtlich ist die Absicht, die der Film verfolgt. Das ganze Opus ist auf den Aufstieg und Fall des Gurus ausgerichtet, immer aus der Sicht zweier enttäuschter Beteiligter. Es ist normal, das war ebenso klar, dass in einem solchen Fall vor allem die Disharmonien und Widersprüchlichkeiten herausgearbeitet werden müssen – die harmonischen Abläufe interessieren die Nicht-Sannyassins höchstens als begleitender Stimmungsrahmen. Auch erfährt man weniger über die Tiefe seiner Philosophie, die sich augenzwinkernd auch immer wieder selbst auf die Schippe nimmt, oder die von ihm entwickelten Meditationen und Therapien, dafür umso mehr für die Sexualität in seiner Aura und seine emotionale Ausstrahlung, welche seine Umwelt immer wieder betäubte. Seine instinktive Art, die Menschen direkt an ihrer Seele zu packen, über seine Gerissenheit, Feigheit, Lügen und auch Intrigen. Und so erfuhr man einiges über seine geschäftliche Sicht, seinerzeit von Sheela als Genialität und unternehmerischen Weitblick propagiert, aus heutiger Sicht von ihr aber so kommentiert: »Er wollte als Guru mit den meisten Rolls-Roys unbedingt ins Guinnessbuch der Rekorde kommen … stupid, nicht?«
Natürlich ist das alles nicht nur falsch. Trotzdem müsste man viele Filmsequenzen in ihrem direkten Zusammenhang sehen, wie und zu welchen Fragen die Aussagen getätigt worden sind. Durchaus plausibel, dass sich der Guru in seiner Schweigephase völlig zurückgezogen und den ganzen Apparat seiner engsten Gefolgschaft übertragen hat, doch haben diese Leute diesen Umstand sicher auch benutzt, um ihren eigenen Einfluss zu mehren und im Namen des Meisters ihre eigenen Machtbedürfnisse zu leben. Andererseits lässt es sich nur sehr schwer vorstellen, dass Bhagwan von den Vorgängen um ihn herum nichts mitbekommen hat und so unschuldig ist, wie er sich darstellt. Zumindest hat er sich mit den Vorkommnissen beschäftigt, die ihm Sheela zugetragen hat. Für den Zuschauer liegt der Schluss nahe, dass er ihr die Anweisungen gegeben hat, die zu den strafbaren Handlungen geführt haben, ohne sich im Zustand aus einer Mischung von innerer Versenkung, Verdrängung und Lachgas (dieser sanften Droge, die eine kurzfristige, leichte Veränderung der Wahrnehmung hervorruft), über die Dinge, die um ihn herum vorgingen, wirklich in voller Verantwortung bewusst zu sein.
Irgendwie erinnert das Ganze auch an einen Zustand autistischer Selbstverzauberung. Fast scheint es so, als ob er die Erwartungen an einen Guru nicht mehr erfüllen wollte, ohne aber in die Wüste zu gehen oder seine Rolls-Royces aufzugeben. Dadurch geriet er in einen gefährlichen Sog von kontrollierter Spiritualität oder spiritueller Kontrolle und schien wie Goethes »Zauberlehrling« in der Verantwortung seiner Bedeutung gefangen zu sein, die er einst selbst die die Welt gesandt hatte. Da er gleichzeitig auch die Ausmaße seiner eigenen Bewegung nicht mehr überblickte, musste er die unkontrollierte Situation irgendwie verdrängen, und das tat er, indem er jeden Tag sinnlos auf seinem Landstück herumfuhr und sich von seinen »Fans« feiern ließ. Die Probleme der Ranch, beispielsweise der illegale Aufenthalt der Leute, die sich durch Scheinehen zu helfen suchten, die krude Absicht, durch Stimmen von Freaks und Arbeitslosen die Kontrolle im Gemeinderat zu übernehmen, kamen gar nicht in seinem Bewusstsein an – die waren an Sheela delegiert. Da die Frau mit den indischen Wurzeln damit ebenfalls überfordert war, weil die ganze Oregon-Idee ja mehr ein spiritueller Schnellschuss als eine von langer Hand vorbereitete, seriöse Planung war, flüchtete sie sich kompensativ in ein rigides, straff geführtes Regime, das davon ablenken sollte, dass mittlerweile gar nichts mehr unter Kontrolle war. Als immer wieder fremde Leute auftauchten und im Camp das Gerücht umging, dass das Gelände vom FBI und vom CIA observiert würde, breitete sich im morphischen Feld der Führungscrew eine akute Paranoia aus, die militante Züge annahm und sich zu einem höllischen Überwachungstrip mit eigener Polizei etc. aufblähte. Das entsprach nun genau dem Gegenteil der ursprünglichen Vision, und man konnte nur noch froh sein, dass dieser Alptraum relativ bald zu Ende war.

Szene aus dem Film »Guru«
Ihre Königliche Majestät, das göttliche »Ich-Selbst«
Ich denke, dieses Scheitern in Oregon war für die spirituelle Szene ähnlich einschneidend wie der Untergang der Titanic, der Absturz der Hindenburg oder der Anschlag auf das World-Trade-Center für die materiell orientierte Welt, und ich glaube auch nicht, dass sich so etwas wiederholen kann. Eine solch große, lebendige, verrückte und chaotische spirituelle Bewegung wird es mit großer Wahrscheinlichkeit nie mehr geben. Und das ist, so blöd es sich vielleicht anhören mag, traurig und schade. Auch wenn der Leser das nicht versteht: Die Möglichkeit des Scheiterns, wie sie der Aufstieg und der Fall der ersten Sannyasbewegung exemplarisch zeigt, beinhaltet auch den Funken der Freiheit, ohne den jede spirituelle Suche sinnlos ist. In den meisten »verkirchlichten« Systemen wird diese Lernerfahrung unterschlagen, weil die Möglichkeit des individuellen Scheiterns schwierig zu vermarkten ist. Doch ohne den Preis des Scheiterns ist jede Entwicklung Makulatur, denn es ist eine alte Weisheit, dass der Mensch am meisten aus seinen Fehlern lernen kann. Aber was wäre die Alternative? Ein durchorganisierter materiell-spiritueller Erleuchtungspool, wie wir es beispielsweise von den Scientologen und anderen Gruppierungen kennen, die den »Kunden« zum bloßen Empfänger kalter, pseudowissenschaftlich-starrer Botschaften degradieren? Spirituelles Scheitern wird durch ein perfekt organisiertes Umsatzdenken ersetzt. Diese Lehren sind nicht Teil eines Weges, sie sind Teil der Marktwirtschaft. Für gelebtes Wissen, das gelebte Fehler nicht ausschließt, haben sie nicht das innere Feuer.
Zurück zum Film: Hugh behauptet in der Mitte der Dokumentation, dass er seinerzeit genau gespürt habe, ab wann es abwärts ging, aber irgendwie scheint er noch immer nicht verstanden zu haben, dass er damals – wenn das so stimmt – die Verantwortung für seine eigene Erkenntnis nicht angenommen hatte. »Warum hast du dann deinen Guru nicht sofort verlassen?« wäre die Frage, wenn er es verstanden hätte, und die entsprechende Antwort lautete: »Weil du schon viel zulange deine eigene spirituelle Verantwortung auf ihn übertragen hast!« Denn wenn wir einen Menschen zu unserem Meister erklären, heißt das auch, dass jemand im Außen stellvertretend für einen inneren Teil von uns die Verantwortung übernehmen soll – beispielsweise für unsere Unsicherheit, Erleuchtung nicht schnell genug erlangen zu können.
Wenn Hugh im Film weiter erklärt, dass ihm Bhagwans Ausspruch »I am the Messiah America has been waiting for« beim Verlassen des Flugzeugs nicht behagte, weil er spürte, dass diese Haltung der Anfang vom Ende war, dann stellt sich doch die Frage: »Warum hast du ihn nicht sofort darauf aufmerksam gemacht?« Viele werden sagen, dass das nicht möglich sei. Es wäre unhöflich gewesen, seinen Meister so anzusprechen. Der Meister steht über den Fakten und ist nicht zur Loyalität verpflichtet, und er würde ihn sofort rausschmeißen, wenn er das täte. Bei einem schalkhaften Menschen wie Bhagwan wäre das aber kaum der Fall. Aus Angst, seine Projektion zu verlieren, hat Hugh geschwiegen und damit seine eigene Entwicklung um viele, viele Monate blockiert. Er war mit der Situation überhaupt nicht mehr zufrieden und hat sich später von Sheela stellvertretend rausschmeißen lassen, wie an anderer Stelle schon besprochen wurde. Die geistige Entwicklung lässt sich nun einmal nicht aufhalten. Das ist die einzige Wahrheit, die es gibt.
Stellen wir uns ganz zum Schluss noch die »unmoralische« Frage, die nicht nur für jeden Rajneeshpuramer, sondern für jeden Suchenden ganz allgemein gilt: »Wie können wir einem so humorvollen, brillanten, aber auch naiven und in seiner Abgehobenheit verloren gegangenen Menschen zujubeln und ihm Blumen auf das Auto werfen, wenn er in seiner Entrücktheit an uns vorbeidefiliert?« Das ist doch keine Liebe – das ist pure Selbstaufgabe und Abhängigkeit von der Droge Erleuchtung! Wäre es nicht fairer, ihn in unsere Arme zu schließen und ihm mit unserer Aufrichtigkeit statt mit falschem Götzendienst zu danken: Väterchen, lass gut sein! Du brauchst uns nicht mehr länger zu prüfen. Musst keinen neuen Menschen erschaffen und auch die Verbindung zwischen Spiritualität und Sex nicht forcieren … kannst deine Narrenkappe wieder ablegen! Gott ist ein wirbelndes Gebilde, eine göttliche Blase, die alles Sichtbare im Universum emaniert und wieder verschlingt. Du brauchst dich nicht um ihn zu kümmern, er ist auch Teil deiner eigenen Energie und dringt durch alles hindurch, was du geschaffen hast: ein ewiger Tanz auf den Wellenkämmen des Lebens. Du benötigst keine zehntausend Camper und auch keine Millionen von Anhängern in der Welt: Die, die dich suchen, werden dich auch finden, du hast eine Duftmarke in Form von Büchern und Vorträgen in die Welt gestreut. Du hast uns deine Visionen, deine Kraft und Weisheit in hunderten von Büchern und tausenden von Vorträgen hinterlassen, die uns inspirieren und weiterbringen können, wenn wir dies wollen. Dafür danken wir dir aus ganzem Herzen. Keiner soll für unsere Entwicklung den Hampelmann spielen müssen, nur weil wir nicht bereit sind, unseren Projektionen ins Auge zu sehen, die uns zwingen, sinnlosen Spiegelungen auf sinnlosen Fahrten sinnlose Präsente auf sinnlose neunundneunzig Luftballons mit der Aufschrift »Rolls-Royce« zu werfen – ein trauriger Akt der Lächerlichkeit, der im menschlichen Ego bei jedem Gottesdienst immer wieder Auferstehung feiert.
Deshalb ist das Scheitern von Oregon auch kein Weltuntergang, denn Scheitern heißt auch: die Wahrheit sehen, indem wir die Projektionen unseres Bewusstseins durchschauen und uns als Schöpfer unseres Wahns wahrnehmen. Es ist das Ende eines Entwicklungsabschnitts, wenn wir das gespiegelte Bild im Spiegel als Symbol für die ewigen, sich immer wieder in Zeit und Raum verstrickenden Reflexionen erkennen. Ich sehe darin ein ehrliches, ungeschminktes Lehrstück psychischer Kräfte, wenn Menschen aufbrechen, um über sich hinauszuwachsen. Sie scheitern immer dann, wenn sich das Ich mit seinen geistigen Zielen und seinen instinktiven und emotionalen Bedürfnissen selbst in die Quere kommt. Darauf folgt meist Erkenntnis und Neuanfang. Das heißt in unserem Fall: Wenn wir jeden Tag auf einen Guru warten, der in seinem Rolls-Royce ans uns vorüberfährt, so ist das so, als ob wir uns in einem kahlen Raum aufhalten und der Wand zuwinken, auf die wir selbst in großen Lettern das Wort »Erleuchtung« geschrieben haben. Doch am Ende der Vorstellung waschen wir die Buchstaben wieder ab und gehen weiter, denn sie bedeuten weder Freiheit noch geistige Entwicklung.
Akron






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Kommentare
Deine Einschätzung dieser Osho-Backwahn Geschichte respektive des Films dazu erscheinen mir hinreichend tiefgründig. Das hatte ich bei früher gelesenen Stimmen zum Film vermisst. - Meine persönliche Meinung zum Scheitern von Poona-Oregon liegt allerdings dort begründet, wo Baghwan sich über jegliche vedische Tradition hinweg setzt und jedem hergelaufenen Hippie, der es cool findet, eine Sannyas-Einweihung verpasst. Wem bekannt ist, was Sannyas im vedischen Gesellschaftssy stem für eine Bedeutung hat, muß Baghwans Vorgehen als brutale Verhöhnung des alt erwürdigen Varnashram-Dharma empfunden haben. Derartige Vorgehensweisen haben einzig den Zweck Brüche zu schaffen und dabei selbst zu verglühen.
Also "Backwahn" lasse ich als bewusste Schmähung ja noch gelten, Bewusst-Sein ist immmer gut. Mein Titel lautete aber - richtig buchstabiert - "Bhagwan", Mensch! Eselsbrücke: Immer an das "ha, ha, ha" denken.
\"Ich denke, dieses Scheitern in Oregon war für die spirituelle Szene ähnlich einschneidend wie der Untergang der Titanic, der Absturz der Hindenburg oder der Anschlag auf das World-Trade-Center für die materiell orientierte Welt\"
Sehr gut bzw. leider richtig. Mal sehen, wer den Part von Kate Winslet und Leonardo DiCaprio bei der noch ausstehenden Verfilmung spielen wird. Große Liebes-Tragödie: \"Die Rose von einst steht nur noch als Name. Uns bleiben nur Namen, nackte Namen.\"
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