Ein Lob dem Bauch
Artikel - Spiritualität/Mystik
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Bauchentscheidungen sind klüger als Kopfentscheidungen
»Sei doch vernünftig!« kriegt man oft zu hören. Doch manchmal ist es klüger, auf den Bauch zu hören. Wie es schon Einstein tat. Der Journalist Bobby Langer über Intuition und Verstand.
Freeman Dyson gehört zu den begabtesten Köpfen der Mathematik und Physik. Ohne Bauchgefühl wäre er nicht berühmt geworden. Im Alter von 24 Jahren arbeitete er sechs Monate an Problemen der Quantenphysik – ohne Erfolg. Er gab auf und fuhr in den Urlaub. Nach zwei Wochen Entspannung in Kalifornien saß er nachts auf der Rückfahrt im Greyhound-Reisebus, döste – und hatte plötzlich die Lösung.
»Die ursprüngliche Weisheit ist Intuition, während alles spätere Wissen angelernt ist.« — Ralph Waldo Emerson
Der deutsche Chemiker Friedrich August Kekule erhielt im Traum einen entscheidenden Hinweis auf den Benzolring, eine chemische Formel, ohne welche die gesamte moderne Kohlenstoffchemie nicht vorwärts gekommen wäre. Ähnliches wird von Einsteins Entdeckung der Relativitätsformel kolportiert.
Ein Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration
»Die Intuition ist ein göttliches Geschenk, der denkende Verstand ein treuer Diener. Es ist paradox, dass wir den Diener verehren und die göttliche Gabe entweihen.« — Albert Einstein
Waren diese Männer einsame Genies, dem Wahnsinn nahe Geistestitanen, die in Einsamkeit Großes vollbrachten? Der US-Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi untersuchte unter diesem Gesichtspunkt 91 kreative Persönlichkeiten, darunter Nobelpreisträger und berühmte Künstler. Dämonisch faustische Charaktere fand er nicht, sondern im Gegenteil ganz normale, eher gesellige Menschen mit einer gar nicht so seltenen Kombination aus Wissen, Fleiß und Phantasie bei gleichzeitiger Bodenhaftung. Der Erfinder Thomas Alva Edison hatte seine Erfolge so erklärt: »Ein Prozent Inspiration, 99 Prozent Transpiration.«

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Doch wie die Beispiele zeigen, reichen die 99 Prozent Mühe und Arbeit oft nicht aus, wenn die Eingebung, der Geistesblitz, die Inspiration, Ahnung oder Intuition nicht hinzukommt. Was dieses Bauchgefühl genau ist, darüber haben Psychologen jahrzehntelang gerätselt. Führend auf diesem Gebiet ist der Holländer Ap Dijksterhuis, der an der Radboud Universität in Nimwegen einen Lehrstuhl für die »Psychologie des Unbewussten« bekleidet. Im Laufe seiner Forschungen hat er mit dem Prinzip der reinen Vernunft aufgeräumt. Diese braucht der Mensch zur Analyse der Situation, zum Recherchieren und Sammeln von Fakten, doch je komplexer die Fragestellung wird, desto schwerer tut sich die Vernunft. Die Entscheidung bei schwierigen Problemen, so empfiehlt er, solle man dann aber dem Unbewussten überlassen. So treffe man »nachweisbar die besten Entscheidungen«.
Dafür hat die Wissenschaft in den letzten Jahren zahlreiche Belege gesammelt. Bei der Beurteilung von Menschen zum Beispiel ist die schnelle Entscheidung zuverlässiger als die gründliche Überlegung. Das lässt sich anhand von Schülerurteilen über die Qualität des Unterrichts ebenso nachweisen wie beim Speed-Dating, wo Partner sich zuverlässiger finden als bei langen Auswahlverfahren.
»Die Empfindung stellt fest, was tatsächlich vorhanden ist. Das Denken ermöglicht uns zu erkennen, was das Vorhandene bedeutet, das Gefühl, was es wert ist, und die Intuition schließlich weist auf die Möglichkeiten des Woher und Wohin, die im gegenwärtig Vorhandenen liegen.« — C. G. Jung
Kaffee trinken und richtig bremsen
Warum ist das so? Warum ist das Bewusstsein so beschränkt in seinen Möglichkeiten? Schon ein paar Zahlen liefern uns die Antwort. Wer zum Beispiel gemütlich im Café sitzend die Nachmittagssonne auf sich wirken lässt, steht unter einem Dauerfeuer von Nervenimpulsen. Rund 11 Millionen Informationen prasseln pro Sekunde auf ihn ein, aber nicht einmal eine Million kann der Verstand bewusst erfassen, auch nicht tausend, sondern lediglich 40 bis 50 (!) davon. Wären wir auf unseren Verstand angewiesen, würden wir augenblicklich vom Stuhl kippen. Allein die Koordination der Muskulatur erfordert eine weitaus größere Verarbeitungskapazität. Nur der Autopilot im Kopf, das gesamte unbewusste Netzwerk aus Instinkten und Gefühlen, Erfahrung und Wissen, Vorurteilen und Wertvorstellungen, Ängsten und Hoffnungen versetzt uns in die Lage, unseren Kaffee zu genießen und das Gespräch am Nachbartisch zu belauschen.
Eine Situation, die jeder erfahrene Autofahrer kennt, ist das intuitive Bremsen bzw. eine plötzliche, erhöhte Alarmbereitschaft. Während unser Bewusstsein noch ahnungslos vor sich hin dämmert, hat unsere Intuition schon eine drohende Gefahr gewittert. Dazu musste sie innerhalb einer Sekunde eine riesige Zahl von Verkehrssituationen gleichzeitig auswerten, um zu melden: Achtung, hier stimmt etwas nicht! Für die Intuition kein Problem: Ihre Kapazität ist rund 200.000-mal größer als die des Bewusstseins. Hinzu kommt, dass unser Bauchgefühl über ein enormes Repertoire von Faustregeln verfügt – Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin bezeichnet sie als Heuristiken. Diese helfen ihm auch ohne große Informationsdichte zu erkennen, welches Verhalten das vermutlich richtige ist.
Dusche als Ideenraum
Ob Frauen dem bekannten Klischee zufolge eine größere Begabung zur Intuition haben, ist in der Forschung umstritten. Möglicherweise können sie aber die Empfindungen ihres Gegenüber besser lesen als Männer. Aber auch diese These steht auf tönernem Boden. Fest steht jedoch, dass eine verlässliche Intuition sich erst mit einer gewissen Reife im Umgang mit Emotionen und Intelligenz entwickelt. Die in esoterischen Kreisen gerne beschworene »Weisheit des Unbewussten« ereignet sich nur selten in unreifen Köpfen. Der französische Wissenschaftler und Nationalheld Louis Pasteur, von dem sich bis heute das Wort »pasteurisieren« ableitet, hatte auch so manche Eingebung. Dazu befand er ausgesprochen nüchtern: »Der Zufall trifft nur einen vorbereiteten Geist.«

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Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Intuition will sich auch entwickeln können. Wer dauernd unter Strom steht und nicht abschalten kann, verbarrikadiert jedem Geistesblitz die Tür. Einfache Routinetätigkeiten hingegen öffnen sie. Die Lösungen schwieriger Probleme stellen sich deshalb leichter beim Abtrocknen ein als beim Bücherwälzen. Einstein soll einmal geseufzt haben: »Warum habe ich meine besten Ideen bloß immer unter der Dusche?« Wie gut, dass er noch nichts vom so genannten Bauchhirn bzw. Darmhirn wusste. Dessen Entdeckung scheint die letzten Bastionen der Vernunftshoheit endgültig zu zerschlagen. Das Bauchhirn im Randbereich des Darmgewebes mit rund 100 Millionen Nervenzellen funktioniert ganz ähnlich wie unser Kopfhirn. Es kann Information aufnehmen und verarbeiten und zum Beispiel mit Hilfe von Botenstoffen die Muskulatur aktivieren oder hemmen. 90 Prozent seiner Wahrnehmungen werden in einer Art Standleitung an den Teil des Kopfhirns gemeldet, der für Stimmungen zuständig ist. Bewusst wird uns davon aber so gut wie nichts. Chronische Darmprobleme führen deshalb auch zu Stimmungsproblemen, schlechtes Essen schlägt aufs Gemüt. In der Gegenrichtung findet glücklicherweise nur wenig »Funkverkehr« statt, geschätzte zehn Prozent. Das Bauchhirn kann deshalb relativ unabhängig vom Kopfhirn arbeiten. Das ist auch gut so, denn ansonsten würde jeder Stress uns den Appetit verderben. Das ginge bei so manchem von uns tödlich aus.
Verflixtes Ego
»Manche Dinge bleiben immer wahr. Leben und Tod. Erde und Himmel. Die Geschenke der Göttin: Intuition und Liebe.« — Ägyptisches Totenbuch
Hauptproblem beim rationalen Denken ist unser Ego. Es will nämlich gegebene Tatsachen nicht so wahrnehmen, wie sie sind, sondern biegt sie – scheinbar ganz vernünftig – so zurecht, bis sie endlich passen. Ein schlagendes Beispiel sind die 130 frisch getrauten Brautpaare, die im Rahmen einer psychologischen Studie zum Thema Scheidung befragt wurden. Ihr generelles Wissen entsprach dem Durchschnitt, aber die Wahrscheinlichkeit, dass ihre soeben geschlossene Ehe scheitern werde, schätzten beinahe alle Partner auf Null Prozent. Von außen betrachtet bringt das jeden neutralen Beobachter zum Schmunzeln. Bei Eheschließungen wie bei allen anderen lebensentscheidenden Weichenstellungen könnten ernst genommene Bauchentscheidungen so manches Unglück verhindern – und wären ganz einfach, wie der Sozialwissenschaftler Dr. Andreas Zeuch formuliert: »Schließlich muss niemand von uns etwas Besonderes tun, um intuitiv zu sein. Wir müssen es nur zulassen.«
— Bobby Langer
Bobby Langer, 54, ist seit 2004 Chefredakteur der Würzburger Presseagentur press-partners (pp). Davor leitete er mehrere Jahre die Redaktion der Deutschen Journalisten Dienste. Unabhängig davon arbeitet er seit 1990 als freier Journalist. Der gelernte Germanist beschäftigt sich seit 40 Jahren mit spirituellen Themen.
Buchtipp: Gerd Gigerenzer, Bauchentscheidungen. Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. C. Bertelsmann Verlag 2007 284 S., 19,95 €





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