Geomantie: Von Orten des Übergangs
Artikel - Spiritualität/Mystik

Karlskirche Wien © Verein der
Freunde und Gönner der Wiener Karlskirche
Vom Übergang in Zeit und Raum
Der Geomant Harald Jordan macht auf die energetische Wirkung von Türen und Schwellen aufmerksam. Er empfiehlt, die Tür als Übergang in einen neuen Bewusstseinszustand zu nutzen. An der Tür kann der Energiestrom informiert werden, etwa durch Symbole, Segenssprüche und besondere Gestaltung
Wir leben in einer Zeit des Überganges. Ein Übergang, wie es ihn in der Menschheitsgeschichte so noch nie gegeben hat. Es ist die neue Freiheit, sich als Individuum ungehemmt entwickeln zu können und frei von Konventionen, kollektiven Vorgaben, Familienbanden, Berufsbindungen usw. seinen ganz eigenen Lebensweg zu gehen. Diese Entwicklung ist uns erst seit wenigen Jahrzehnten gegönnt und findet - in analoger Schau - seine Entsprechung in der Globalisierung, als wolle sie die Chance zur Individualisierung verstärken. Wir erleben zwar diesen Wandel, sind uns jedoch seiner Herausforderung kaum bewusst und tasten uns an das Neue heran. Mit all seinen Überbetonungen, sei es die Lust, sich öffentlich zu zeigen oder sich ins Gewohnte zurückzuziehen und in schwarzer Kleidung zu verstecken.
Die eigene Wohnung als innerer Tempel
Was hat das mit unserem Thema des Raumes zu tun? Wir finden dies wieder in der architektonischen Mode, Fenster ohne Brüstungen bis zum Boden gehen zu lassen. Was auch energetisch unsinnig ist, weil dort die Energie des Raumes dann ausfließt. In den Vorstadtsiedlungen zeigt es sich, wo die Selbst-Darstellung ein noch so schönes Haus das andere mindert. Unsere neuen Tempel haben die Erscheinungsformen als Wellness-Zentren, Museen, Vergnügungs-Stadien, Arenen und Event-Palästen. Die religiöse Anbindung hat sich auf den Einzelnen verlagert. So wie die Menschen jetzt einerseits weltweit verbunden sind, so zieht sich der Einzelne mehr auf sich zurück. Und das Wohnen bekommt eine neue Bedeutung, denn die Ganzwerdung des Einzelnen bedarf des eigenen Raumes, des Rückzugs, des Schutzes und des Eigenausdrucks. Die eigene Wohnung wird zum inneren Tempel und damit zur erneuerten Keimzelle der Kultur. All die Raum-Künste, wie sie auch das Feng Shui lehren, dienen dazu. Damit meine ich nicht ein vordergründiges Sich-Wohlfühlen, sondern die Anerkennung, dass äußeres und inneres Leben eins sind, dass Raum- und Lebensgestaltung zusammen gehören. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Wenn wir in unserem Lebens-Raum das eigene Wandlungs-Geschehen im Seelisch-Geistigen wagen, verbinden wir uns mit der globalen Veränderung, den Hungernden und Vertriebenen, in wahrer Anteilnahme.

Mit Ornamenten geschmückte Tür in Oberammergau
© Axel Hoffmann pixelio.de
Übergangs-Kultur
Wie schon das Wort Wohnung das Gewohnte und damit ein eher Erstarrtes meint, will aber das Neue Wohnen ein Prozess sein. Und wie ein jedes Zeitgeschehen seinen baulichen Ausdruck findet, so dürfen wir nachhorchen, wo sich die Wandelkraft im individuellen Bauen und Wohnen ausdrücken will. Eine Antwort finden wir oft dort, wo am wenigsten Bewusstsein ist und das ist offenbar die Tür, der Eingang. Die Unmittelbarkeit, mit denen wir einen Raum betreten, die kleinen Flure, das Betreten des Innenraumes mit Schuhen, die ausdruckslosen Serientüren: All das weist darauf, dass wir keine Übergangs-Kultur haben.
Die Tür als Öffnung in der Zeit
Was geschieht an einem Übergang? Dort ist nicht mehr das Eine und noch nicht das Andere. Wir können das im Zeitgeschehen wahrnehmen, denn jede Gegenwart ist das Nichts zwischen dem Vergangenen und der Zukunft, ist ein Nichts und dennoch alles. So sagt Silesius: «Zeit ist wie Ewigkeit, Ewigkeit wie Zeit, so Du nicht machst einen Unterscheid». Geomantisch gesehen kann deshalb die Kraft der Zeit gerade an Wendepunkten im Jahresablauf aktiviert werden. Ein Jahr ist wie eine Schwingungskurve mit den Höhe- und Tiefpunkten von Johanni und Weihnachten und den Wendepunkten von Ostern und Michaeli. An diesen Wendepunkten entsteht mathematisch analog gesehen ein Nullpunkt der Unendlichkeit. In diesem Nichts, als Öffnung in der Zeit, wurden die Feste gefeiert, um durch Rituale die göttlichen Kräfte belebend einfließen zu lassen. So ist die Tür das Nichts in der Wand und dennoch den Räumen das einzig Zugängliche. Ein wundersames Gebilde ist die Tür innerhalb der Starrheit unverrückbarer Räume. Sie schließt und öffnet sich, ist wie Ein- und Ausatmen. Ist sichtbare Lebendigkeit des Raumes. Energetisch ist sie ein Loch, durch das die Energie, auch Chi genannt, wie bei einer Bachverengung intensiver durchfließt. So erstaunt es auch nicht, wenn ein homöopathisches Mittel, mag es auch dem Magenschmerz zugedacht sein, in der Armbeuge eingerieben wird, denn in den Gelenken fließt die Energie gebündelt und kann hier am besten «informiert» werden.
Die Tür entspricht den Grundgesten des Menschen
Und damit sind wir beim Zauberwort unserer Zeit, der Information, und bei einem anderen Grundgesetz der geomantischen Gestaltung. An der Tür kann der Energiestrom informiert werden. Unsere Vorfahren kannten dieses Gesetz und schenkten dem Hauseingang deshalb besondere Aufmerksamkeit. Das Schließen und Öffnen der Tür entspricht den Grundgesten des Menschen, dem Abwehren und dem Empfangen. Wir finden deshalb unter alten Türschwellen oft noch Opfergaben bis hin zu Skeletten, um den dämonischen Kräften Widerstand zu bieten. Über der Tür stehen die Segenssprüche eingeschnitzt in den Sturzbalken. Diese Gesten waren allgemeiner, unpersönlicher Natur. Wenn wir uns jetzt dem Übergang neu zuwenden, dann aus einem höheren Bewusstsein heraus und in individueller Ausrichtung. Horchen wir dem Ursprung des Wortes «Sturz» nach, dann finden wir etymologisch, dass Sturz auch Umstülpung meint und damit auf die verwandelnde Energieausrichtung des Wortes über der Tür verweist.
Leer-Werden und Neu-Füllen
Heute geht es nicht mehr darum, an der Schwelle etwas «stellvertretend» zu opfern, sondern einem weiteren Gesetz der Geomantie den Raum zu geben im Leer-Werden und Neu-Erfüllen. So empfehle ich, was man als eigenen Schatten-Anteil oder als immer wiederkehrendes Lebensmuster erkannt hat, hier an der Schwelle abzugeben. Das kann ein Wort sein oder eine symbolische Gestaltung. Es sollte dort seinen sinnlichen und konkreten Ausdruck finden, weil es dann durch die wiederholte Wahrnehmung wirkt und im wahrsten Sinne «verinnert» und für die Alltags-Gestaltung herausfordert. Zur Ausrichtung der eigenen Lebensenergie dient dann das Wort und ein zugehörendes Symbol über der Tür. Im Spannungsfeld dieser zwei Qualitäten baut sich ein Energiefeld auf, das bei jedem Gang durchschritten wird. In der Architektur kennen wir dieses Energiefeld in den fankierenden, polar geformten Säulen, wenn sie links- und rechtszirkular wie vor der Karlskirche in Wien geformt sind. In energetischer Gestaltung werden in Asien die Fenster links und rechts vom Eingang in der Mond- und Sonnenqualität ausgebildet. Auf individueller Ebene und durch den eigenen Willensentscheid entsteht für uns jetzt durch das Wort und Symbol an der Schwelle und dem Türsturz ein geistig-seelisches Kraftfeld.
Wofür dient das Haus den Bewohnern?
Das Suchen und das Finden des ausrichtenden Wortes ist ein Weg und will ein
Horchen nach innen sein, sei es durch Meditation, stille Zeiten oder das Horoskop.
Das Wort ist wie die «innere» Architektur des Hauses und sollte
vor jedem Planungsprozess geschehen, in der Anfrage, wofür das Haus den
Bewohnern dienen soll.
Dies gilt aber auch für jede Studentenbude und Etagenwohnung, die bezogen
wird und auch für Institutionen im Bekenntnis, wofür man selber steht.
Spannend wird es für Paare, in der Frage: Was ist das uns übergeordnete,
gemeinsame Ziel? Das Wort sollte nicht draussen erscheinen. Auf der Innenseite
des Raumes entzieht man es einer unnötigen Aufmerksamkeit, denn es geht
um den eigenen Prozess. Dann wird Bauen und Wohnen endlich zu einem heilenden
Geschehen und zur Therapie,
wenn man dieses Wort wie ursprünglich gemeint, auslegt: «dienend
und begleitend » auf dem geistigen Weg, beginnend im Kleinen an der eigenen
Tür, verbunden
mit dem globalen Geschehen.
Harald Jordan - Erstveröffentlichung Raum & Mensch 2008
Harald Jordan ist gelernter Maurer. Seit über 50 Jahren ist er als Diplom-Ingenieur für Statik und Baukonstruktion tätig, davon 40 Jahre selbständig. Vater von vier Kindern. Er lebt und arbeitet in Worpswede, Hamburg und Griechenland. Sein Lehren und Beraten sind eine Synthese aus Geomantie, Proportionslehre, Energetischer Gestaltung, Feng Shui, Radiästhesie, Astrologie und Ortswahrnehmung.









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