Editorial spirit 02/10
Wie kann man da noch Optimist sein?

Wolf Schneider
»Pessimisten sind Optimisten mit Erfahrung.« Solche Pessimistenwitze gibt es viele, aus dem Mund eines Optimisten würde man sowas kaum hören. Dabei las ich neulich von einer Untersuchung, nach der die Voraussagen von Pessimisten eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit haben einzutreffen, als die von Optimisten. 1:0 für den Pessimismus?
Nein, es ist doch etwas komplexer. Optimisten sind in der Regel fröhlicher und glücklicher als die zur Misanthropie neigenden Pessimisten. Und dort, wo unsere Haltung zu einer Sache – ob wir ihrem Gelingen eine Chance geben oder nicht – für den Ausgang eine Rolle spielt, gibt es einen weiteren guten Grund für Optimismus: Wenn wir zuversichtlich sind und an einen guten Ausgang glauben, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass er eintritt, sehr viel höher.
Helfen können
Der Franzose Jacques Lusseyrand erblindete im Alter von acht Jahren. Mit 17 gründete er im damals von den Nazis besetzten Frankreich eine Widerstandsgruppe und war dort für die Rekrutierung zuständig, weil er so ein feines Gehör hatte, das an der Stimme eines Menschen erkennen konnte, ob er es ehrlich meinte. Einmal jedoch entging ihm ein Verräter; Lusseyrand wurde geschnappt und im Januar 1944 ins KZ Buchenwald gebracht. Die Umstände dort waren so, dass von den zwei tausend Franzosen, die mit ihm kamen, nur 30 überlebten.
In dieser Hölle erlebte er eine Art von Erleuchtung. Seine Autobiografie, in der er auch diese Zeit sehr eindringlich beschreibt, erschien unter dem Titel »Das wiedergefundene Licht«. Nach drei Monaten Buchenwald wurde er totkrank, überlebte aber wie durch ein Wunder und war von da an für seine Mitgefangenen Trost und Stütze, weil er nie aufgab. Von den verbleibenden 330 Tagen größter Not bis zur Befreiung im Mai 1945 hat er »nicht eine einzige schlechte Erinnerung zurückbehalten«, schreibt er. Dort »konnte (ich) endlich den anderen helfen. ... Ich konnte ihnen zu zeigen versuchen, wie man am Leben bleibt. Ich barg in mir eine solche Fülle an Licht und Freude, dass davon auf sie überfloss.«
Haben wir eine Chance?
Wie würde es uns heute gehen in einem der Slums auf Haiti? Sind wir auf das Zusammenleben mit 7, 8, 9 Milliarden Weltbürgern vorbereitet, von denen jetzt schon eine Milliarde hungern? Auch wenn es »nur« eine Frage der Verteilung ist: Das, was wir zum Leben brauchen, wird voraussichtlich knapper werden als es jetzt ist. Die Verteilungskämpfe werden zunehmen, und die Chance, dass es einer transnationale Institution gelingen wird, Raub, Plünderungen und Ressourcenkriege zu verhindern, setzt so vieles voraus, dass man sie nur als »gering« bezeichnen kann.
Realistisch sein
Bei alledem gilt es, realistisch zu sein. Den Ernst der Lage erkennen, tun was nötig ist, und dabei immer so entspannt und optimistisch bleiben, wie es geht. Nicht die Gefahren ignorieren, aber dabei auch nicht in Panik geraten. Ich habe auf meinen Reisen unter den in extremer Armut Lebenden so viele glückliche Gesichter gesehen, dass ich mich schämte, wie wir mit unserem Reichtum umgehen. Man kann mit viel, viel weniger auskommen, als wir es jetzt tun, in unserer verschwenderischen Wirtschaft. Aber wir sollten da nicht engherzig rangehen, sondern mit einem weiten Bewusstsein, einer positiven Haltung zum Reichtum und einem Bewusstsein der Fülle, die da ist, und die allen zugute kommen kann, wenn wir sie nur klug bewirtschaften.
Die mit uns befreundete englischsprachige Zeitschrift »Ode«
nennt sich »Magazin für intelligente Optimisten«. Ja, das ist es: Nicht blauäugig sein, sondern Optimismus mit Intelligenz verbinden! Das versuchen auch wir mit unserem »Magazin fürs Wesentliche«.
Aus dem Heft connection spirit 02/10
»Das Ende ist nah!«
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