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Albrecht Müller: Meinungsmache

Rezensionen - Buch

Albrecht Müller
Albrecht Müller

Das Ende der Demokratie

Ist der studierte Nationalökonom Albrecht Müller ein Verschwörungstheoretiker? Als Leiter der Planungsabteilung im Bundeskanzleramt hat er Willy Brandt und Helmut Schmidt unterstützt, war bis 1994 Mitglied des Deutschen Bundestages und hat sich später als Polit-Blogger unter www.nachdenkseiten.de einen Namen gemacht. Für Menschen, deren Herz links schlägt, ist er sicher keiner. Für Neoliberale, die glauben, dass der Markt und das Eigeninteresse alles zum Guten regeln, vermutlich schon. Mein Herz schlägt links, also finde ich das Buch empfehlenswert, gut recherchiert, mit viel Insiderwissen gespickt, sehr guter Stoff zum Nachdenken.

Seine Hauptthese: Die Demokratie, also die freie Meinungsbildung und die Meinungsfreiheit, sind stark gefährdet. Die Meinungshoheit liegt bei finanzstarken Interessenverbänden wie der Bertelsmannstiftung, die ein Interesse daran haben, dass alle gesellschaftlichen Bereiche dem Leistungsprinzip gehorchen und nach der Profitmaximierung funktionieren. In der Wirtschaft funktioniert dieses Prinzip spätestens seit Einführung der Agenda 2010, nun sollen auch bisher leistungsferne Bereiche wie das Bildungs- und Hochschulsystem nach diesem Prinzip ausgerichtet werden. Eine kritische Begleitung durch die Medien findet nicht mehr statt, weil auch die zunehmend der Meinungsmache unterliegen und Opfer des PR- und Kampagnenjournalismus werden. Ehemals linksliberale und unabhängige Blätter wie der Spiegel und die Süddeutsche sind nur noch Sprachrohre der neoliberalen Bewegung, eine kritische Gegenöffentlichkeit existiert nur noch rudimentär. Das jedenfalls meint Albrecht Müller.

Sein Vorschlag: »Viele Gegenöffentlichkeiten starten, vornehmlich im Internet ist das noch möglich. Gelungene Beispiele sind ›LobbyControl‹, die die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik aufdecken und ›BildBlog‹, die die Wahrheitsverdrehungen der Bild-Zeitung offen legen.«
Nun sprichen natürlich die Veröffentlichung seines Buches und die teilweise guten Rezensionen dafür, dass unsere Demokratie doch noch funktioniert. Ganz so schlimm kann es um unsere Meinungsfreiheit nicht stehen, wenn Albrecht Müllers Buch sogar noch in der Bestsellerliste des Spiegel auftaucht und er einem Spiegel-Redakteur ein Interview geben darf, obwohl er den Spiegel scharf kritisiert.

Mahnbücher über das drohende Ende der Meinungsfreiheit haben gerade Hochkonjunktur. »Die verblödete Republik« von Thomas Wieczorek steht sogar an Platz 2 der Bestsellerliste. Und auch die Bundestagswahl hat gezeigt, dass die Gegenposition zum bürgerlichen Lager noch 40 Prozent derer erreicht, die abgestimmt haben, wenn man die Stimmen für die SPD, die Linke und die Grünen zusammenzählt. Trotzdem: Etwas ausgewogener könnte es schon zugehen in der deutschen Medienlandschaft, meine auch ich.

Hat das Buch schon Wirkung gezeigt im Aufbau einer Gegenöffentlichkeit? Anscheinend schon. Jedenfalls hat Maybritt Illner, die Polittalkerin im ZDF, sich die Vorschläge zu Herzen genommen (hat sie etwa das Buch gelesen?) und in einer Nachbetrachtung der Bundestagswahl nicht nur die üblichen neoliberalen Meinungsmacher eingeladen. Dabei waren auch die Juso-Vorsitzende Fransiska Drohsel, der linke Politiker Ulrich Maurer, der Philosoph Richard David Precht und der Vorsitzende der Gewerkschaften Michael Sommer. So kam eine ausgewogene Sendung zustande.
Es ist also noch nicht alles verloren, und solange es noch unabhängige Medien wie die TAZ und die connection gibt, wird die Idee einer solidarischen, basisdemokratischen und sozial organisierten Gesellschaft nicht sterben.

Bewertung: 4 von 5 Sternen

Oliver Bartsch

Albrecht Müller: Meinungsmache – Wie Wirtschaft, Politik und Medien uns das Denken abgewöhnen wollen. Droemer Knaur 2009, 448 S., HC, 19,95 €


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