Schreibretreat im Connectionhaus

© Victor Mildenberger pixelio.de
Schreibende Tage
Das Connection-Haus ist nicht nur ein Seminarhaus, sondern offen für alle Menschen, die auf der Suche sind – nach sich selbst, einer passenden Gemeinschaft oder nach einem künstlerischen Ausdruck, dem eine Auszeit aus der Routine des Alltags gut tut. Ellen Wilmes hat sich im Connection-Haus zu einem einwöchigen Schreib-Retreat zurückgezogen. Über ihre Erfahrungen mit den Tücken der Mücken und dem Brechen der Schreibblockade schickte sie uns einen anschaulichen Bericht.
»Mücken haben wir hier«, waren die ersten Worte im Connection-Schreibhaus.
Wie wahr. Die nächsten drei Tage verbrachte ich mit einem Eispaket auf
meinem Oberschenkel, um den angeschwollenen, tellergroßen, entzündeten
Mückenstich zu behandeln. Von den weiteren Stichen ganz zu schweigen. Aber
mir war der Einstieg gelungen. Die Mücken tauchten erst am letzten Tag
wieder auf und gaben so den Rahmen für meine Tage im Haus des »Schreibblockadebrechers«
Wolf Schneider, dem Urheber des wunderbaren kleinen Buches »Zauberkraft
der Sprache«
.
Das Haus war still. Morgens gegen acht Uhr erwachte es aus seinem Schlaf. Der
Seminarraum füllte sich mit verschlafenen Menschen, die nun ihre Körper
durchschüttelten, die Knochen knacken ließen, die Bänder dehnten
und die ersten Urlaute von sich gaben, um wahrzunehmen, dass sie leben, dass
sie da sind. Jeder auf seine Weise. Das gemeinsame Tönen, Summen setzte
allen das Zeichen. Jetzt beginnt die Zeit des Geistes. Diesen Augenblick mochte
ich am liebsten. Ruhig werden äußerlich ist gut trainiert, aber innerlich
ist dies schon wesentlich schwerer. Die innere Ruhe ist jedoch eine gute Grundlage
für den Zugang zu dem eigenen Inneren, was immer das auch sein mag. Mir
ermöglicht nur dieser Weg ein Schreiben mit Geist, Seele, Herz und Verstand.
Selbstversorger
Zu meinem Arbeitsplatz erwählte ich den großen Aufenthaltsraum unweit
der Küche, in dem sich morgens herrlich die Sonne ausbreitete. Auch konnte
ich mich jederzeit mit einem heißen Tee versorgen, der Körper und
Seele erwärmte. Morgens wärmte mich die Sonne vor dem Haus und zum
Nachmittag auf der Terrasse, welche abends den leuchtenden Sternenhimmel preisgab.
Ich wollte an meinem Jugendroman »Tu es, Nele« schreiben. Das tat
ich auch. Jedoch stellte sich am dritten Tag der Ruhe und Stille ein Aha-moment
ein. Vor fast einem Jahr tauchten in einem Traum die Worte »das Erbe meiner
Kindheit« auf. Irgendwie wusste ich nie so recht, was ich damit machen
sollte. Jetzt tauchten diese Worte wieder auf. Der erste Satz stand im Raum
und ich wechselte von den Abenteuern Neles zu mir selbst. Ich begann biographisch
zu schreiben. Nicht chronologisch. Nein, ich spannte ein Netz auf, dessen Mitte
der große Zusammenbruch war. Die Seiten füllten sich automatisch.
Der Fluss floss. Ich ließ ihn fließen.
Jeden Abend machte ich einen Spaziergang, tankte frische Luft, dehnte mich aus,
bewegte nicht nur den Geist, sondern auch den Körper. Ich beobachtete auf
der Wiese sitzend den Sonnenuntergang, genoss das Farbenspiel. Jeden Tag in
einer anderen Weise. Hielt mein Auge wach für Schönheiten, die sich
in Worten ergossen.

© Christian Seidel pixelio.de
Dabei entstanden Zeilen wie diese:
Rauschende Schmetterlinge
Einst Grüne an den Bäumen hängende, lebensspendende, bewegte,
sanft tönende Gebilde,
von einem Knistern zu Boden begleitet, sind sie nun Gefallene,
die im Wind wie dahin wehende Schmetterlinge treiben,
eine Erinnerung an den vorüberziehenden Sommer.
Himmelsflug
Nicht mehr dort sein zu dürfen,
ist wie in einen Abgrund fallen.
Ich sehe ihn aufsteigen, mit starken Flügelschlägen schwingt er sich
hinauf.
Meine Seele spürt die Stärke, die Kraft, begleitet ihn auf seinem
Flug -
unbeschwert, frei, losgelöst.
Er verschwindet hinter den Baumwipfeln -
entweicht meinem Blick,
lässt mich zurück an diesem Punkt,
der so einsam und leer ist ohne ihn.
Wehmütig durchforste ich meine Seele nach einer Spur von ihm.
Eine friedvolle Stille breitet sich aus,
nimmt mich in die Arme
und bleibt liebevoll in mir zurück.
Ich bin für das Entstehen dieser Zeilen und der vielen vielen Anderen
sehr dankbar. Es war eine anregende Zeit. Ich freue mich, mir diese Zeit geschenkt
zu haben. Keine eigenen aufgebauten Verbindlichkeiten verhinderten das Schreiben.
Jedem, der in Ruhe und Zurückgezogenheit seiner Schreibfreude nachgehen
will, findet im Connection- Schreibhaus von Wolf ein Plätzchen für
sich.
Für mich gehörten Orte der Sonne im Haus dazu. Immer fand ich einen
solchen Ort für mich und meinen Laptop, der die aus mir herausfließenden
Worte sofort aufnahm.
Ein herzliches Danke an all die guten Geister im Haus, zu denen Lucie gehörte,
der ich meist täglich einmal begegnete. Mit ihr führte ich ein intensives
Katze-Mensch-Gespräch, das im zufriedenen Schnurren beiderseits endete.
Die Nachhausefahrt trat ich beseelt an. Sie entlud sich in einem Liebesgedicht,
mit dem ich mich von den Tagen des Schreibens würdig verabschiede.
Ein Leben ist nicht genug
Ein Leben ist nicht genug,
um dich zu erforschen und zu be-greifen.
Was sagt mir dein Blick, wenn er in meinem Augensee ertrinkt?
Was macht deine Seele, wenn du mir ins Ohr flüsterst?
Was spüren deine Lippen, wenn du den meinen begegnest?
Was berührt dich, wenn deine Hand auf meiner ruht?
Was nimmst du wahr, wenn deine Hand auf meinem Körper gleitet?
Worin tauchst du ein, wenn deine Hand in meinem Haar versinkt?
Was regt sich in dir, wenn du mich in einer Umarmung an dich ziehst?
In welchem Meer schwimmst du bei unserer Vereinigung?
Was bewegt dich in deinem Innersten?
Wer bist du?
Ein Leben ist nicht genug, um dich zu erforschen und zu be-greifen,
dennoch liebe ich dich.
Jetzt.
Ellen Wilmes








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